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Peter Jakob König im Gespräch mit Rainer Henes, Vorsitzender des Aufsichtsrates von Procter und Gamble Deutschland.

Heute haben wir ein Interview mit einem Jugendfreund,  den wir erst jetzt, nach 40 Jahren wieder als Freund gewonnen haben. Er heißt Rainer Henes und war nach einem Ingenieurstudium über 30 Jahre bei dem weltgrößten Konsumgüterkonzern Procter & Gamble (Ariel, Pampers, Lenor, Always, Blendax, Gillette, Oral B, Pantene, Parfums Boss, Gucci, Dolce Gabbana etc., Wicks, etc...) Als Vice President  hat er alle Elemente eines weltweit agierenden Unternehmens kennen gelernt. Zur Zeit ist er der Vorsitzende des Aufsichtsrats von P&G Deutschland. 

Peter J. König: Bei Schauspielern und Politikern kann voraus gesetzt werden, dass ihre Vita bekannt ist, bei Wirtschaftsmanagern, selbst wenn sie bei internationalen Großkonzernen leitend tätig sind, ist dies selten der Fall. Deshalb vorab meine Frage: Wie ist Dein beruflicher Werdegang verlaufen und in welche Länder hat Dich Deine Karriere überallhin verschlagen? 

 Rainer Henes
Foto aus seinem Bestand
Rainer Henes: Nach einem Ingenieurstudium in Stuttgart habe ich eine Stelle im technischen Management bei Procter & Gamble angenommen. Nach einer Ausbildung in den USA kam ich zurück nach Deutschland zum Aufbau der ersten Produktion des Produktes Pampers. Danach folgten Aufgaben mit wachsender Verantwortung im Produktionsbereich, Engineering, und dann im breiteren Supply Chain Bereich, also Produktion, Einkauf und Logistik. Ich war als Werksleiter in Deutschland, dann als Direktor für mehrere Werke in Europa verantwortlich, gefolgt von der Position als Vice President für Product Supply Nordamerika, mit über 40 Produktionsstätten und ca. 25 000 Mitarbeitern. Danach folgten ähnliche Positionen in globalen Geschäftsbereichen, sowie die Aufgabe nach einer großen Aquisition, die damalige Wella AG, dieses Unternehmen weltweit in die Muttergesellschaft zu integrieren. Ich habe außer in Deutschland 7 Jahre in den USA und über 10 Jahre in Belgien gelebt. Die Aufgabe brachte es mit sich Produktionswerke, Verwaltungen und Lieferanten in einer Vielzahl von Ländern weltweit regelmäßig zu besuchen. Und natürlich war man in den leitenden Positionen immer in multifunktionalen und auch multikulturellen Teams integriert. 

Peter J. König: Gibt es grundsätzlich unterschiedliche Managementmethoden in den einzelnen Nationen, bedingt durch die kulturelle Herkunft oder ist auch hier alles auf internationales Businessniveau gleichgetrimmt? 

Rainer Henes: Früher waren die Methoden sehr unterschiedlich zwischen Europa, den USA und Asien. Das hat sich sehr stark geändert, sowohl durch eine starke Globalisierung der Unternehmen als auch durch Publikationen und Austausch moderner Management Methoden. Japan hat in der Produktion revolutionäre Arbeitsprozesse entwickelt, die dann weltweite Verbreitung gefunden haben. Die USA war immer stark im Bereich von Managementtheorien und Führungskonzepten. Heute werden neue Managementmethoden überall angeboten und vermarktet. 

Peter J. König: Wie ist der Beruf des Managers überhaupt angesehen, z.B. im Vergleich von Deutschland zu etwa den USA oder aber zu Fernost? 

Rainer Henes: Da muss man zunächst den Begriff Manager verstehen. Im englischen Sprachraum ist jeder der eine leitende Aufgabe hat 'der Manager'. Also ein Leiter einer Tankstelle, eines Restaurants, einer Abteilung im Kaufhaus ist ein Manager. Und natürlich sind alle leitenden Angestellten Manager. In Deutschland hat man den Begriff Manager nur für die oberen Führungsebenen eines Unternehmens gebraucht. Dabei sind dann Begriffe wie Direktor, Prokurist, Abteilungsleiter, etc. nach außen in den Hintergrund getreten und man spricht allgemein von den Managern, und häufig mit einem negativen Unterton. Negativ weil Profitgier, übermäßige Bezahlung, mangelnde Ethik mit dem Begriff Manager verbunden wurden. Das ist natürlich zum Teil richtig, es gibt viele solcher Fälle, aber das ist weniger eine Frage des Berufs 'Managers'  als eine Frage mangelnder ethischer Grundsätze in einigen Unternehmen. Unterm Strich, in USA und Fernost hat die Aufgabe des Managers nicht den negativen Beigeschmack wie in Deutschland. 

Peter J. König: Stimmt es eigentlich, dass die Ethik in dieser Berufssparte abhandengekommen ist, wie es etwa der Finanzbranche nachgesagt wird oder gelten in anderen Wirtschaftszweigen andere Regeln?

Rainer Henes: Wie gesagt, Ethik ist eine Frage der Unternehmenskultur und nicht eine Frage der spezifischen Aufgabe eines Unternehmensführers, eines leitenden Angestellten, oder eines Managers. Ich glaube dort, wo Ethik schon immer ein Teil der Kultur war, häufig von den Firmengründern als oberste Priorität definiert und vorgelebt, hat man selten Probleme gehabt. Wo diese Kultur fehlt, z.B. in der Finanzbranche ist die Gefahr, dass einzelne Personen sich unethisch verhalten natürlich viel grösser. Leider hat es überall in allen Branchen Menschen gegeben, die sich unethisch verhalten haben. Das wird auch nie ganz aufhören, aber man kann es begrenzen.

Peter J. König: Was hältst Du von der staatlichen Deckelung von Managergehältern, wie in der Schweiz beschlossen und von der EU angedacht? 

Rainer Henes: Ich denke, dass der Schweizer Ansatz die Randbedingungen für die Vergütung in Aktiengesellschaften zu ändern eine Berechtigung hat. Eine staatliche Deckelung der Vergütung in einem bestimmten Bereich der Wirtschaft halte ich für falsch. In vielen Bereichen wird unangemessen viel verdient. Aber wie und wo soll man die Grenze ziehen ? Warum spricht niemand über Sportler, Medienstars, Showbusiness Stars, etc.. Wenn dort Millionen, auch teilweise ohne Leistung, bezahlt werden ist das dann besser ? Sicher nicht. Leistung muss honoriert werden, und die Höhe bestimmt der Markt. Exzesse müssen angeprangert werden. Unternehmen müssen sich selbst regulieren. Der Staat kann Rahmenbedingungen durch Gesetze vorgeben, aber sollte nicht Gehälter deckeln, es sei denn es geht um Unternehmen oder Banken wo der Staat selbst eine Rettung vornahm. Solche Unternehmen haben dann natürlich ihre Freiheiten verloren. 

Peter J. König: Ganz aktuell wird in Deutschland über die Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten diskutiert, wie stehst Du dazu und welche Erfahrungen hast Du gemacht, auch im Hinblick auf Deine weltweite Auslandserfahrung? 

Rainer Henes: Frauenquote......besser wäre es man spräche darüber wie man nachhaltig Chancengleichheit und gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit erreicht. Nur eine Quote von Frauen in Aufsichträten hilft da wenig. Hier geht es doch um einen wichtigen und notwendigen Kulturwandel. Um mehr Frauen in Führungspositionen zu haben,  müssen Unternehmen mehr Frauen einstellen, sie im Unternehmen fördern, ihnen Chancengleichheit durch eine gute Unternehmenskultur verschaffen, und bei Beförderungen gezielt Risiken eingehen. Eine pauschale Quote ist für manche Unternehmen einfach und für andere sehr sehr schwierig zu erreichen. In Unternehmen die eine starke technische Ausrichtung haben werden viele Ingenieure eingestellt. Und die meisten jungen Ingenieure sind eben Männer. In Unternehmen wir z.B. im Kommunikationsbereich sieht das ganz anders aus, da stellt man sicher mehr Frauen ein, da es dafür einen Markt gibt. Was ich sagen will ist, dass Unternehmen ihre eigenen Programme haben müssen. Der Staat kann das verlangen, aber nicht mit einer Quote pauschal vorschreiben. Die Medien können helfen, indem sie die Unternehmen positiv herausstellen,  die hier gute Arbeit machen. Meine persönliche und intensive Erfahrung mit Quoten ist sehr gemischt. Auf der einen Seite ist es sicher so, dass ganz ohne Messbarkeit wenig passiert, aber mit Quoten auch falsche Entscheidungen provoziert werden. Schwieriges Thema, ehrlich gesagt. Meine Tendenz geht in die Richtung von staatlich geforderter Selbstregulierung, mit offen geführter öffentlicher Debatte, ohne Verteufelungen, mit Fakten über den Arbeitsmarkt, mit positiver Medienbegleitung und mit Meinungsbildnern aus der Industrie, die sich mit Verstand und Herzblut diesem Thema widmen. 

 Peter J. König: Noch einmal zurück zur Ethik im Wirtschaftsleben, hat es diesbezüglich Veränderungen gegeben im Laufe Deiner Berufserfahrung und wenn ja, zum Besseren oder zum Schlechteren? 


Rainer Henes: Ich glaube es ist besser geworden. Früher hat man weniger erfahren. Heute ist mehr bekannt, da Informationen allgemein auf einem ganz anderen Niveau sind. Das ist gut so. Dadurch, dass mehr öffentlich wird,  kommt es zu einem Rückgang von ethischen Verfehlungen, um das mal vornehm zu sagen. Man könnte auch von Bestechungen, Betrügereien, Diebstahl, Vorteilsnahme, etc reden :-) 

Peter J. König: Was denkst Du über die Globalisierung, hat Europa auf Dauer eine Chance gegen die aufstrebenden Wirtschaftsblöcke zu bestehen, wenn man sich nicht zusammenschließt, ähnlich wie die USA.

Rainer Henes: Die Globalisierung ist nicht aufzuhalten. Sie ist auch richtig. Man kann doch nicht von der Ungerechtigkeit und Armut in der dritten Welt reden und dann gegen Globalisierung sein, die diesen Ländern endlich Chancen gibt. Und Deutschland braucht die Globalisierung um den Lebenstandard seiner Bürger zu sichern. Wir haben ja weder Bodenschätze, noch können wir vom Tourismus leben. Europa kann sicher bestehen, muss aber innovativ und im Arbeitsmarkt flexibler werden. Wir können auf starke Produkte und viel Know How bauen. Aber das muss natürlich immer weiter entwickelt werden. Ein weiterer Zusammenschluss in Europa hilft da wenig. Europa als Ganzes wird nur gegen andere Wirtschaftsblöcke bestehen, wenn es intern gesund ist und nicht durch hausgemachte Probleme nach unten gezogen wird. 


Peter J. König: Haben Staaten überhaupt noch in der Zukunft die Möglichkeiten ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen oder sind nicht mittlerweile die großen, multinationalen Konzerne derart dominant, dass keiner mehr an ihnen vorbeikommt?

Rainer Henes: Welche wirtschaftlichen Interessen sollen Staaten gegen wen durchsetzen? Die großen Konzerne sind meistens Aktiengesellschaften und damit offen für jeden auf der Welt. Sie vertreten keine nationalen Interessen, sondern die der Aktionäre. Ich sehe da keinen Gegensatz solange die Konzerne sich innerhalb bestehendes Rechtes und Regeln bewegen. Natürlich kann ein Konzern in einem bestimmten Staat sehr dominierend werden, wenn er eine übergewichtete Position inne hat. Ich denke aber, dass dies eher Ausnahmen sind in kleinen Ländern. Wettbewerb ist die Lösung, und die Staaten sollten das fördern und nicht abschotten. 

Peter J. König: Was sollte sich innerhalb der Konzerne ändern z. B. bei Führungsstrukturen, Verlagerungen zu Home-office Arbeitsplätzen etc. oder siehst Du keinen Handlungsbedarf um die Unternehmen noch effizienter zu machen?

Rainer Henes: Jedes gut geführte Unternehmen verbessert kontinuierlich seine Arbeitsprozesse und passt seine Strukturen an innere und äußere Änderungen an. Jedes Unternehmen muss um zu überleben, seine Produkte und Dienstleistungen verbessern, und das geht nur mit motivierten und zufriedenen Mitarbeitern. Stillstand hier bedeutet Rückschritt. Experimente mit Arbeitsplätzen und Arbeitsweisen sind gut und gehören zu diesem Verbesserungsprozess. Ob Work from Home gut ist oder nicht hängt vom Einzelfall ab. Für bestimmte Aufgaben klappt das sicher gut, aber sehr viele erfordern Teamarbeit, schnelle mündliche Kommunikation, persönliche Kontakte, schnelle Erreichbarkeit, etc. Dazu muss man zusammen sitzen und arbeiten. Aber, wie gesagt, hier muss man offen sein, experimentieren, und dann auch den Mut haben mal eine Entscheidung zu revidieren, so wie es Yahoo gemacht hat.

Lieber Rainer, wir bedanken uns ganz herzlich für das aufschlussreiche  Interview. Es ist sehr interessant, auch einmal die Ansichten eines TOP- Managers zu aktuellen Fragen zu erfahren.

Peter und Helga

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