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Helga König im Gespräch mit Prof. Dr. #Heribert_Prantl über sein Buch "Mensch Prantl"

Lieber Prof. Dr. Prantl, dieser Tage habe ich auf "Buch, Kultur und Lifestyle" Ihr autobiographisches Kalendarium "Mensch Prantl" rezensiert und möchte Ihnen hierzu einige Fragen stellen. 

Anbei der Link zur Rezension: "Mensch Prantl" 

Helga König: Sie schreiben gleich zu Anfang des Buches, dass die Welt "Hoffnung" benötige. Was müssten wir Menschen anders machen, damit weltweit Hoffnung entstehen kann? 

Prof. Dr. Heribert Prantl
Foto:Jürgen Bauer

Prof. Dr. Heribert Prantl:
Wir dürfen uns von den Krisen nicht auffressen lassen. Es gibt eine Lust am katastrophischen Denken; sie ist gefährlich, weil sie die Hoffnung zerstört, die nötig ist, um die Krisen zu bewältigen. Das Katastrophalisieren führt zu Depression und Aggression. Es gibt eine Egozentrik der Hoffnungslosigkeit, die Optimismus fast als Beleidigung empfindet. Man kann Zukunftslosigkeit so finster beschreiben, dass die Zukunft vor einem wegläuft. Dieser Versuchung müssen wir widerstehen. Hoffnung lässt die Welt nicht zum Teufel gehen; in der Hoffnung steckt die Kraft zum Handeln. 



Helga König: Schon Caroline Emcke hat sich in ihrem Werk “Gegen den Hass“ mit dieser furchtbaren Kraft, wie sie diese bezeichnen, auseinandergesetzt. Das ist einige Jahre her, doch der Hass macht immer noch, wie Sie es formulieren, aus anderen Menschen Objekte, die der Befriedigung des eigenen Hasses dienen müssen. Bedarf es noch mehr Aufklärung, damit dem Hass das ansteckende Gift entzogen wird und falls ja, wie müsste diese Aufklärung aussehen? 


Prof Dr. Heribert Prantl:
Wer vom Hass getroffen wird, kann von ihm infiziert werden. Die vom Hass Getroffenen hassen dann zurück: Sie hassen den Täter, sie hassen auch die Gruppe von Menschen, zu denen man den Täter rechnet. So entsteht die monströse Dynamik des Hasses. Wenn diese Dynamik funktioniert, ist das ein Erfolg der Hasser, der Mörder, der Terroristen. Das müssen wir uns klar machen. Darin besteht die Aufklärung: Wir müssen uns klar machen, was Hass anrichtet und warum wir Hass nicht mit Wut beantworten dürfen. 

Der Journalist Antoine Leiris, dessen Frau bei einem islamistischen Terroranschlag in Paris getötet wurde, richtete einen bewegenden offenen Brief an die Mörder: "Natürlich bin ich vor Kummer fast am Ende, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu." Aber, so schrieb er auch: "Ich werde euch jetzt nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Sicher, darauf habt ihr es angelegt - doch auf diesen Hass mit Wut zu antworten, das hieße, sich derselben Ignoranz zu ergeben, die aus euch das gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit Argwohn betrachte und meine Freiheit für meine Sicherheit opfere. Vergesst es. Ich bin und bleibe der, der ich bin." 

Das war, das ist ein berührendes, ergreifendes und mutiges Bekenntnis. Das war, das ist eine Antwort auf den Hass. 

Helga König

Helga König:
Weshalb war es Ihnen wichtig, den Irrtum auszuräumen, dass die heutige Demokratie in Deutschland kein Geschenk der Amerikaner, unterstützt von Briten und Franzosen war, das diese 1945 den naziverseuchten Deutschen als Maßregel der Sicherung und Besserung mitgebracht hatten? 


Prof. Dr. Heribert Prantl:  Weil die Demokratie in Deutschland eine eigene, lange Geschichte hat. Ihre Wurzeln reichen tief, viel tiefer, als viele wissen. Diese Wurzeln können Halt geben. Im Zivilisationsbruch der Jahre 1933 bis 1945 ist auch die Erinnerung an die Kämpfe um Freiheit und Demokratie in Deutschland zerbrochen. Die Frühgeschichte der deutschen Demokratie ist so voller Kraft, die Lebensschicksale ihrer Protagonisten sind so faszinierend. Erzählen wir von Caroline Schlegel-Schelling, die Demokratin im Kerker. Erzählen wir von Carl Schurz, der nicht in Deutschland, aber in Washington Innenminister wurde. Erzählen wir on Friedrich Hecker, dem Bilderbuch-Revolutionär. Oder von Robert Blum, dem Märtyrer der Demokratie. Gewiss: Sie alle sind in Deutschland fürs Erste gescheitert. Aber ihre Ideen lebten auf, hundert Jahre später, im Grundgesetz. Dieses Grundgesetz war kein Import aus den USA, es war keine Entwicklungshilfe. Es hat sich in Deutschland entwickelt, unter furchtbaren Wehen. 

Helga König: Als Sie 5 Jahre alt waren, wurde seitens des Bundesverfassungsgerichtes in Karlsruhe das Gleichberechtigungsgesetz erzwungen. Hat dieses Gesetz Ihren Werdegang in irgendeiner Form negativ beeinflusst? 

Prof. Dr. Heribert Prantl
Foto: Arne Lesmann
Prof. Dr. Heribert Prantl:
  Negativ? Im Gegenteil. Die Gleichberechtigungsgesetze haben meine Freude am Recht geweckt und meine Überzeugung von der Kraft guter Gesetze befördert. Ich habe als Jurastudent und als Rechtsreferendar am Regensburger Lehrstuhl von Dieter Schwab gearbeitet, dem Papst des Ehe- und Familienrechts in Deutschland. Es war eine Lust zu erleben, wie Recht die Gesellschaft positiv verändert – und dass das eine Daueraufgabe ist. 

Helga König: Prägen Begriffe wie "Gnade", "Barmherzigkeit" und "Seligkeit" primär katholische Kindheiten und wenn ja, wodurch? 

Prof. Dr. Heribert Prantl:  Es waren dies wichtige Worte in meiner Kindheit. Ich habe sie immer und immer wieder gehört. Sie schaffen eine Aura der Geborgenheit. Das hat mir gut getan. Gnade, Barmherzigkeit, Seligkeit: Das sind wunderbare Wörter, die nicht nur kindheitswichtig, sondern lebenswichtig sind. 

Helga König: Räume "großer Stille", so Ihre Worte, findet man die in den Barockkirchen Bayerns gleichermaßen wie in gotischen oder gar romanischen Sakralbauten in Europa . Was lösen solche Räume bei Ihnen aus? 

Prof. Dr. Heribert Prantl:  Wenn ich in diesem Räumen stehe, habe ich das Gefühl, nicht allein zu sein, auch wenn ich ganz allein dastehe. Ich bin dort vielleicht als Einziger oder mit nur wenigen Anderen, aber ich bin nicht einsam. Warum? Die Kirchen, ob gotisch oder barock, sind mehr als kunstvoll geschichtete Steine, sie sind mehr als Funktionsbauten, in denen Gottesdienste gehalten werden. Sie verkörpern ein Geheimnis. Das Geheimnis hat verschiedene Gestalt. So ein Raum ist nicht eine x-beliebige Sehenswürdigkeit, es ist mehr als ein Museum, mehr als ein Schauplatz von Macht und Herrlichkeit: So ein Bau ist ein Ort der Spiritualität, ein Glaubens- und ein Lebensraum; er ist ein Ort, der die Geschichte bewahrt, ein Ort, an dem sich die geistige und die geistliche Substanz eines Landes verdichtet und fortwirkt. Und noch was fällt mir ein, weil mir das Asylrecht wichtig ist. Die Kirche war zu allen Zeiten ein Ort des Schutzes und des Asyls. Dort war der Mensch sicher, auch der verfolgte Mensch. 

Helga König: Weshalb ist es so wichtig, die Grundrechte zu schützen und was schätzen Sie an diesen Rechten besonders? 

Prof. Dr. Heribert Prantl: Die Grundrechte sind der Wegweiser für unsere Gesellschaft. Sie sind daher in Not-, in Krisenzeiten besonders wichtig. Wenn, wie in der Corona-Zeit, Grundrechte weggeräumt werden, weil sie angeblich die Pandemie-Bekämpfung erschweren – dann erwacht mein Widerstandsgeist. Grundrechte sind das Grundnahrungsmittel der rechtsstaatlichen Demokratie. Sie sind nicht nur wichtig für das Verhältnis von Staat und Bürger. Sie sind wichtig für die Beziehungen von Mensch zu Mensch. 

Helga König: Ich bin noch immer sehr berührt von dem 6. Kapitel in Ihrem Buch und hier von den Geschichten auf den Seiten 136/137. Was ging Ihnen durch den Kopf als Sie von dem Schicksal von Yusra Mardini erstmals hörten? 

Prof. Dr. Heribert Prantl:  Da blieb mir fast das Herz stehen. Und durch den Kopf ging mir der Satz: Der Einzelfall zählt. Es zählt nicht das abstrakte Reden über Flüchtlingszahlen, es zählen nicht die politischen Schlagworte. Es zählt der Einzelfall, es zählt das einzelne Schicksal. Und wenn es stimmt, dass sich Leistung lohnen soll, dann ist es die unglaubliche Leistung dieser jungen Frau, die sich in Anerkennung und Asylschutz äußern muss – Anerkennung für einen unbeugsamen Lebenswillen.

Helga König: Sie schreiben, dass zur Fluchtursachenbekämpfung eine restriktive Waffenexportpolitik und eine neue Handelspolitik gehören. Wie ist ein rasches, breites Umdenken in unseren Zeiten zu schaffen? 

Prof. Dr. Heribert Prantl:  Das geht nicht auf Knopfdruck. Das geht, wenn wir uns anstrengen – und das gilt nicht nur für "die Politik". Das gilt für jeden von uns. Wir lassen unsere Kleidung unter erbärmlichen Umständen in Asien herstellen, was der hiesigen Textilindustrie nicht eben guttut. Die in Asien billigst hergestellte Kleidung geht dann später als Secondhand-Spende nach Afrika, wo dann wiederum die dortige Textilindustrie den Bach heruntergeht. Ist das nicht pervers? Und noch perverser sind die Waffenexporte in Krisengebiete. Wir müssen uns klar machen, was wir mit unserem Lebens- und Wirtschaftsstil anrichten – und dass wir uns damit selber schaden. Es geht nicht nur um das kleine Karo des Wer-mit-wem-Regierens in Deutschland, sondern um das Überleben angesichts weltweiter Großrisiken. Der menschenfreundliche Umbau der Gesellschaft ist nicht einfach nur die Befriedigung eines volatilen Zeitgeistes. Er geht um das Prinzip Verantwortung. Das müssen wir uns immer und immer wieder klar machen. Es geht um eine neue Ethik für die Zivilisation. 


Helga König:
Sie schreiben, Sie hätten Ihre Aufgabe stets darin gesehen, für die Grundrechte und Grundwerte einzutreten. Wann ist ihnen dies am meisten geglückt? 

Prof. Dr. Heribert Prantl: Da gibt es kein einzelnes Ereignis. Wenn ich ein wenig dazu beigetragen habe, dass die Bürgerinnen und Bürger stolz sind auf die Grundrechte, dass sie von "ihren" Grundrechten reden, dass es also so etwas wie ein Grundrechtsbewusstsein gibt – dann freut mich das ungeheuer. 

Helga König: Welche Aufgabe möchten Sie in den kommenden Jahrzehnten gerne mit Erfolg lösen?

Prof.: Dr.  Heribert Prantl: Gut schreiben ist nicht alles. Ich möchte meinen Enkeln ein guter Großvater sein.

Lieber Herr Prof. Dr. Prantl, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche  Interview.

Herzlich Helga König

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