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Helga König im Gespräch mit Tina Soliman zu ihrem Buch "Ghosting - Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter", erschienen bei Klett Cotta

Liebe Tina Soliman, dieser Tage habe ich auf "Buch, Kultur und Lifestyle" Ihr neues Buch "Ghosting - Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter" rezensiert. Dazu möchte ich heute einige Fragen an Sie richten.


Helga König:  Warum sollten Menschen im digitalen Zeitalter sich mit dem Phänomen des "Ghosting" näher befassen und was ist darunter eigentlich zu verstehen?

 Tina Soliman
Foto-Credit: Monique Wernbacher
Tina Soliman:  Der Begriff "Ghosting" kommt aus den USA. Er beschreibt das Phänomen, dass sich Menschen, die man "datet", mit denen man sich also verabredet, verbindet, befreundet oder gar verpartnert, in Luft aufzulösen scheinen. Anrufe oder Nachrichten bleiben unbeantwortet. Es wirkt so, als hätte man es eben mit einem Gespenst – einem "Ghost" - zu tun gehabt. Das hat Folgen für den, der keine Erklärung für das Verschwinden des Anderen bekommt. Ungeklärtes beschäftigt unser Gehirn besonders stark. Wir brauchen Orientierung. Dies ist ein Grundbedürfnis, genauso wie wir Bindung brauchen. Beziehungen regulieren unsere Ängste! Nun ist "Ghosting" gelebter Teil unserer neuen Umgangskultur geworden. Die Digitalisierung, die Partnervermittlungs- und Dating-Plattformen haben Ghosting als Tool zur Option gemacht. Hält eine Begegnung nicht, was sie – oder eben der Algorithmus – versprach, wird sie abrupt und wortlos beendet.

 Helga König
Helga König: Sie schreiben, dass ein "Ghost" sich selten als Täter fühle, wie aus Gesprächen und Zuschriften erkennbar sei. Wie erklären Sie sich das?

Tina Soliman: Weil es so viele tun. Wenn sich alle in dieser Weise verhalten, dann scheint es ja akzeptabel zu sein, dann muss ich mich nicht dafür schämen, dass ich mich nicht erkläre und einfach wortlos weiterziehe. Zudem glauben viele Menschen, alles Recht dazu zu haben, egoistisch durch das Leben Anderer zu stapfen. Andere wiederum können gar kein Fehlverhalten erkennen, weil sie es selbst nicht anders kennen. Und es gibt nicht wenige Menschen, in deren Familie der plötzliche Kontaktabbruch, das plötzliche Schweigen, als Konfliktlösungsmittel gilt. Diese Menschen sind einen derartigen Umgang gewohnt. Das heißt aber nicht unbedingt, dass sie es gutheißen. Sie können aber nicht anders. Solche Verhaltensmuster sitzen tief, und wenn diese Unfähigkeit, offen zu erklären, was ist, plötzlich als gesellschaftlich akzeptiert gilt – wozu dann diese Schwäche bekämpfen?

Helga König: Welchen Gesamteindruck haben Sie von den wortlos Verlassenen, die Ihnen schreiben, konkret, wie sieht deren emotionaler Zustand aus?

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Tina Soliman:  Fast alle Verlassenen, mit denen ich sprach, fühlten sich tief verletzt und verunsichert. Ihr Selbstbild, aber auch ihre Wahrnehmung, ist getrübt. Haben sie sich alles nur eingebildet? Was hatte man sich erträumt? Was habe ich falsch gemacht? Bin ich nicht liebenswert? Welche Rolle spielten eigene Wünsche und Vorstellungen? Projektionen? War gar alles nur ein Traum? Was ist wahr? Es ist hochgradig problematisch, wenn sich der Andere in Luft aufzulösen scheint. Fast ein Substanzverlust. Als löse sich ein Teil des Selbst auf. Und: Die permanente Anwesenheit der Abwesenheit quält. 

Helga König: Ein Ghost möchte offenbar durch sein Verhalten eine Beziehung zu einem Gegenüber und das, was war, ungeschehen machen. Was steckt hinter einem solchen irrealen Bemühen? 

 Tina Soliman
Foto-Credit: Monique Wernbacher
Tina Soliman: Es hat in der Tat etwas von „Auslöschen“, und so wird es ja auch von den Betroffenen selbst formuliert. "Der hat mich gelöscht!", sagte zuletzt eine Interviewpartnerin oder „Den lösche ich. Zu klein. Gefällt mir nicht. Schnell weiter wischen“, sagte sie im selben Atemzug. Auf dieser Oberfläche fangen Beziehungen an – oder eben nicht. Das finde ich schon einmal schwierig, weil meist Beziehungen enden, wie sie begonnen haben. Reden wir also von Beziehungen und nicht von unverbindlichen Dates, dann ist noch offensichtlicher, dass wir Teile unserer Geschichte nicht löschen können, alles, was folgt, wäre unzusammenhängend, wie lose Teile einer Kette. Meist entsteht jedoch Sinn über Zusammenhänge. Alles, was wir erleben, macht uns aus, prägt uns, lässt uns hoffentlich immer besser verstehen. Warum sich diesen Erfahrungen und damit der Möglichkeit zu reifen berauben? Bestehen wir nicht gar aus Erinnerungen? Formt die Erinnerung nicht sogar unseren Charakter und damit unsere Zukunft? Man kann sich der Vergangenheit nicht wie eines alten Kleidungsstücks entledigen.

 Helga König
Helga König: Sie schreiben, dass selbst nach einer dreimonatigen Beziehung ein Weggang ohne Begründung als Vernichtung, als Verunsicherung und als ein massiver Angriff auf das Selbstwertgefühl empfunden werde. Wie können sich Menschen vor solchen Angriffen schützen, wenn sie sich z.B. auf Dating-Portalen aufhalten?

Tina Soliman: Menschen, die nach einer kurzen Beziehung geghostet werden, sind in der Tat häufig genauso verletzt wie Verlassene nach längeren Beziehungen. Woran liegt das? Ich würde sagen: an den Projektionen, an den Wunschvorstellungen, die der später Verlassene zuvor entwickelt hat. Es gab noch keinen schnöden Alltag, keine kleinen Streitereien, keine Entzauberung durch die Realität. Die Beziehung war noch mit allen Erwartungen und Möglichkeiten belegt. Alles schien möglich – nur nicht das Ende. Wie man sich schützen kann? Indem man gleich zu Beginn genau hinhört und seiner Intuition traut. Meist hat der in Wahrheit Beziehungsunwillige oder – unfähige nämlich schon früh recht deutlich signalisiert, dass er nicht an einer langfristigen Beziehung interessiert ist. Es lohnt sich, auch zu wissen, wir jemand zuvor aus Beziehungen gegangen ist.

Helga König: Sie schreiben, beim Online-Dating werden Beziehungen unter den Kriterien von Ertrag und Rentabilität betrachtet. Ist "Ghosting" ein Prinzip oder die Folge dieser Sichtweise?


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Tina Soliman: Ich würde sagen: eher die Folge. Die Dating-Plattform-User haben sich selbst zur Option gemacht. Die Dating-Apps haben die Begegnung, das vorsichtige Sich-näher-Kommen, in ihr Programm eingespeist, berechnet und damit beschleunigt. Denn Zeit hat keiner mehr. Nähe wird auf Knopfdruck produziert, die Auswahl berechnet und der Prozess des Kennenlernens wie auch der Trennung ausgespart. Alles scheint nach dem Amazon-Prinzip zu funktionieren. Der Suchende stellt sich ins Regal. Er will also eigentlich gefunden werden. Gleichzeitig aber ist er auch Suchender. Auswahl und Abwahl bedingen sich einander. Wahl bedeutet aber nicht unbedingt Entscheidung! Die Option, jederzeit abzubrechen bleibt. Und was nicht passt, geht retour. Wenn in allen Bereichen das Bestellerprinzip gilt, warum nicht auch in Beziehungen? Wir haben die Gesetze aus der Warenwelt auf uns selbst übertragen, sind zu einem Produkt geworden, das man konsumiert und dann zurückgibt, wenn es nicht passt.


Helga König: Werden posttraumatische Verbitterungsstörungen zukünftig zum gängigen Krankheitsbild nicht weniger Datingportal-User/innen gehören und falls ja, weshalb?

 Tina Soliman
 Foto-Credit: Monique Wernbacher
Tina Soliman: Der Begriff "Posttraumatische Verbitterungsstörung" ist eher noch wenig bekannt. Die meisten kennen wohl die Posttraumatische Belastungsstörung, unter der etwa Opfer eines Krieges leiden. Der Neurologe und Psychologe Michael Linden von der Berliner Charité spricht dagegen von einer "Posttraumatischen Verbitterungsstörung", die sich entwickeln kann, wenn jemand plötzlich und ohne Erklärung verlassen wird. Der so Verlassene fühlt sich ungerecht behandelt, herabgewürdigt, sein Vertrauen wurde offenbar missbraucht. Als Folge dieser Gefühle kann er eine sogenannte reaktive psychische Störung entwickeln. Er reagiert verbittert und zieht sich zurück. Viele Verlassene erzählten mir, dass sie sich nicht mehr in Beziehungen trauen – aus Angst, verletzt zu werden. Und je häufiger sie verlassen wurden, je tiefer die Wunde. Wenn sich Ghosting als gängige Umgangsform verfestigt, werden diese Art von Störungen wohl vermehrt auftreten.

Helga König: Sie schreiben, Ghosting habe auch Folgen für das soziale Miteinander in der Gesellschaft. Teilen Sie die Meinung der Psychologen, dass man in der Schule Konfliktfähigkeit, Fairness und Empathiefähigkeit trainieren kann, wenn Eltern diesbezüglich versagen?

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Tina Soliman: Wir befinden uns in einer Zeit des abgewandten Blicks. Das fängt schon damit an, dass die Mamas oder Papas mit dem Handy vor dem Gesicht den Kinderwagen schieben. Kinder erlernen über das Gesicht der Mutter oder des Vaters Einfühlung und später auch die Fähigkeit zu mentalisieren, d.h. sich Gedanken über die Gedanken und Gefühle anderer Menschen zu machen. Das Kind blickt aber nun in ein unbewegtes Gesicht. Meist versucht es dann, durch übermäßige Kommunikation bei der Mutter eine Reaktion hervorzurufen. Wie soll das gehen, wenn es in das geradezu eingefrorene "still face" der Mutter blickt? Das Kind wird also immer unruhiger und fängt an zu weinen. Von klein auf brauchen wir die Reaktion des Anderen. Nur so werden wir zu emotionalen und empathiefähigen Wesen. Erst über die Mimik des Gegenübers lernt das Kind, emotionale Zustände zu unterscheiden und sich selbst wahrzunehmen. Das Fehlen einer Reaktion ist schädlich - nicht nur für das Kind.

Die Schule könnte dann das Erleben und Leben von Werten wie "Anstand", Verantwortung, Einfühlung und Humanität weiter ausbauen und erfahrbar machen. Ich persönlich glaube aber: Achtung, Verantwortung und Konfliktfähigkeit lernt man zu allererst in der Familie. Fast alle Umfragen mit Jugendlichen ergeben, dass ihnen Sicherheit sehr wichtig ist und sie gleichzeitig große Angst haben, sich festzulegen. Konflikte, Streit, Auseinandersetzung werden häufig als Bedrohung oder Angriff empfunden. Sie haben nicht gelernt, mit Kritik oder Ablehnung umzugehen. Viele junge Befragte sagten mir: "Ich vermeide Stress. Will nicht angegriffen werden, auch ist Ghosting" eben bequem. Allerdings möchte ich selbst auf gar keinen Fall ge-ghostet werden. Ghosting sei der absolute "Beziehungs-Gau"! Nun aber ist "Ghosting" gelebter Teil unserer neuen Umgangskultur geworden.

Helga König:  Ist "Ghosting" eine Zeiterscheinung oder doch weitaus mehr?

 Tina Soliman
Foto-Credit: Monique Wernbacher
Tina: Soliman: "Ghosting" beschreibt eine digitale Mentalität, die in die analoge Welt hinüber geschwappt ist. Es werden mittlerweile Arbeitgeber geghostet, Ärzte oder Therapeuten. Man macht sich nicht mehr die Mühe zu erklären, will sich Zeit und Aufwand – vor allem aber die mühsame Auseinandersetzung ersparen. Meinem Gefühl nach werden sich diese Mechanismen eher verstärken, auch wenn die Regel: Form bestimmt Inhalt mir doch eher schematisch erscheint. Ghosting wird zu noch mehr Isolation und Einsamkeit führen. Ich erkenne aber eine gewisse Ambiguität: Die Dating-Plattform-User kennen die grausamen Spielregeln und spielen dennoch mit. Glücklich sind sie damit jedoch nicht, wie ich aus den vielen Gesprächen weiß. Gleichzeitig sprachen viele Plattform-Nutzer von der Angst, sich festzulegen, sich falsch zu entscheiden. Überall Verwirrung und Unsicherheit. Eigentlich sollte doch die Berechnung der Liebe durch Algorithmen mehr Sicherheit bringen. Sicherheit in der Liebe? Dabei gelten ja eigentlich noch die alten Normen, etwa Verbindlichkeit, Beständigkeit und zwischenmenschlicher Respekt. Normen sind nötig, um eine Gesellschaft zusammen zu halten. Wenn solche Normen aber durch eine anders gelebte Praxis ausgehöhlt werden, untergräbt das den Zusammenhalt der Gesellschaft. Wenn sich etwa Unbeständigkeit als neue Norm des digitalen Miteinanders durchsetzt, dürften die Folgen für das soziale Miteinander massiv sein. Denn wenn gesellschaftliche Normen wie Verbindlichkeit und Verlässlichkeit nicht mehr zählen und alles sich in Flüchtigkeit verliert, hat nichts mehr Bestand. "Digital Dating" wirkt auf mich wie ein riesiges soziales Experiment.

Liebe Tina Soliman, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König

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Ghosting: Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter

Website: Tina Soliman