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Helga König im Gespräch mit Veit Lindau

Lieber Veit Lindau, dieser Tage habe ich Ihr Buch "SeelenGevögelt" rezensiert. Dazu möchte ich Ihnen heute einige Fragen stellen. 

Helga König: Sie begreifen sich als moderner Mystiker. Können Sie den Lesern kurz erklären, was die Aufgabenbereiche in einem solch ungewöhnlichen Beruf sind? 

 Veit Lindau
Foto aus seinem Bestand
Veit Lindau: Mystiker ist kein Beruf. Mystiker sind Menschen, die in allem, was sie tun, dem Mysterium des Lebens begegnen wollen und müssen. Ihnen reichen Konzepte, Regeln und vorgefertigte Religionen nicht aus. Sie suchen die direkte, nackte Begegnung mit der Wirklichkeit. Wir finden Mystiker im stillen Kern jeder Religion. Aber ich kenne auch Menschen, die nicht an Gott glauben und dennoch in jedem Grashalm die Magie des Lebens wahrnehmen können. Ich bezeichne mich (etwas provokant) als modernen Mystiker, weil ich mich gern und aktiv in unsere moderne Welt stürze, anstatt die Wahrheit im Rückzug auf einen heiligen Berg zu suchen. Ich bin gern Geliebter, Vater, Geschäftsmann, Coach oder Speaker. Doch dies sind alles nur Rollenspiele. In jeder dieser Rollen versuche ich der Essenz des Lebens so nah wie möglich zu sein.
Helga  König: Woran erkennen Sie, dass ein Mensch ein Mittel-Maßverschwörer ist und was muss geschehen, damit er die Bereitschaft entwickelt, seine Ängste zu überwinden und seinen tatsächlichen Gaben gemäß sein  Leben zu führen? 

Veit Lindau: Das kann man nicht von außen beurteilen und sollte es auch nicht. Wer bin ich, um den Lebenspfad eines Anderen zu bewerten? Jeder Mensch ist aufgefordert, sich selbst die Frage aller Fragen zu stellen: „Lebe ich wirklich oder schlafe ich?“ Ich empfehle einen ehrlichen Blick in die eigenen Augen, am Abend vor dem Spiegel. Leuchten die eigenen Augen nach einem gut durchwirkten Tag oder sind sie traurig, leer, suchend, enttäuscht oder einfach nur dumpf? Was geschehen muss, um den Ruf zu hören? Die eigene Sterblichkeit und somit die erschreckend einmalig-kostbare Chance dieses Lebens muss voll im Bewusstsein ankommen. Sie muss dich bis ins Mark erschüttern, dann kann dich keine Neurose dieser Welt abhalten, deinen Weg zu gehen.

 Helga König: Hat ein älterer Mensch, der in tausend Verpflichtungen verstrickt ist, auch noch eine Chance, alles Mittelmäßige hinter sich zu lassen und seinem Ruf zu folgen und falls ja, kennen Sie Beispiele, die erfreuliche Ergebnisse aufweisen?

Veit Lindau:  Oh ja, die kenne ich. Ich bin ein Glückspilz, denn ich begegne in meiner Arbeit vielen tausend, sehr, sehr verschiedenen Menschen. Aus diesen Begegnungen ziehe ich meinen Optimismus. Ich weiß, wozu Menschen fähig sind. Ich habe eine pensionierte Lehrerin mit siebzig Jahren erwachen und sich in eine wilde, sehr sinnliche Frau verwandeln sehen. Ich habe Menschen mit Krebs im Endstadium noch einmal voll erblühen und dann friedvoll sterben sehen. Aber ich kenne auch Menschen in den Zwanzigern mit einem bereits erschreckend verknöcherten Geist. Erwachen ins Leben kennt kein Alter, keine Krankheit, keine Behinderung. EIN Moment in wirklicher, innerer Freiheit kann die Ketten der Vergangenheit für immer sprengen. 

Helga König: In Ihrem “Manifest des Lebens“ kommt der Begriff „ Jetzt“ vor. Sind Sie ein Tolle-Schüler oder in irgendeiner Weise buddhistisch geprägt?

Veit Lindau:  Ich mag Tolle sehr, bin aber kein Schüler von ihm. Ich bin insofern buddhistisch geprägt, als ich im Buddhismus die geistige Klarheit und Disziplin gefunden habe, die es braucht, die Komplexität eines menschlichen Lebens einigermaßen sanft und freudvoll zu meistern. Außerdem besitzt der Buddhismus eine sehr differenzierte Psychologie mit angenehm praktischen Ansätzen. Aber ich bin kein Buddhist. „Jetzt“ ist im Grunde genommen eine Sache der Logik. Es gibt nämlich nichts anderes. Leben findet nun mal immer nur JETZT statt. 

Helga König:  Ihre Vorstellung Sex mit der eigenen Seele haben zu können, gefällt mir sehr gut. Können Sie den Lesern kurz erläutern, auf welche Weise man der eigenen Seele langfristig Befriedigung verschaffen kann?

Veit Lindau:  Ich mag da keine absoluten Behauptungen aufstellen. Ich kann und möchte nur meine Erfahrungen teilen. Nichts, was wir mit den Händen berühren oder auf der Zunge schmecken können, erfüllt unsere Seele auf Dauer. Weltliche Spiele erfreuen uns kurzfristig und ich finde, diese Möglichkeit sollten wir durchaus mitnehmen und genießen (wenn wir schon mal hier sind ;-)). Doch das, was ich die Seele nenne, weiß intuitiv, dass wir hier in diesem Leben nur Sandburgen bauen können. Also, was erfüllt dann wirklich? Wenn wir unsere Seele, unsere Essenz brennen, leuchten, fliegen lassen. Jeder Moment, dem wir uns voll und bewusst hingeben, erfüllt. Dann können sogar Schmerz und Traurigkeit und Ohnmacht erfüllen, wenn sie bewusst erfahren werden. Ich glaube an einen inneren Ruf in jedem von uns. Ein Versprechen, welches wir uns selbst irgendwann vor langer Zeit gegeben haben und welches wir erfüllen müssen. Dieses Versprechen hat nicht unmittelbar etwas mit äußerem Erfolg zu tun, obwohl wir es manchmal auch darin erreichen. Es hat etwas damit zu tun, dir selbst in der Stille deines Herzens zu lauschen und der Wahrheit, die dann aufsteigt, wirklich bis in die letzte Geste treu zu sein. 

Helga König: Ist Frustration nach Ihrer Meinung ein Indiz dafür, dass man dem inneren Ruf nicht folgt? 

Veit Lindau: Ja. Zuerst ist es nur eine leichte Unstimmigkeit, die wir gern übergehen. Mit Medien, Essen, Arbeit,... Dann wird daraus Unruhe und dann Frust. Wenn wir immer noch nichts tun, schlägt es in Zorn oder Resignation bis hinzu Depression um. Das ist sehr, sehr schade! Wir haben leider noch keine gemeinsame Kultur des Lauschens und der authentischen Kommunikation erschaffen. Selbstverwirklichung gilt immer noch als esoterische Luxusutopie. Der ständig wachsende Bedarf an Psychopharmaka spricht eine deutliche Sprache. Für mich ist Selbstverwirklichung eine Grundsäule menschlicher Gesundheit.

Helga König: Sie konstatieren, dass der Mensch sinnorientiert ist. Wie begründen Sie Ihre These? 

Veit Lindau: Wir sind keine einfachen Tiere mehr, denen es reicht, im Kreislauf von Geburt bis Tod einfach zu existieren. Wir sind bewusste Wesen und suchen nach unserer Identität. Es sind zwei Fragen, die diese Suche antreiben: Wer bin ich? Und Wofür bin ich wirklich hier? Ein Mensch, der darauf eine für sich in der Tiefe stimmige Antwort gefunden hat, hat ein Zentrum im Sturm des Lebens gefunden, auf das er immer zugreifen kann. Menschen, die das „Wofür?“ kennen, sind zu außergewöhnlichen Leistungen fähig. Da decken sich meine Beobachtungen mit den Ergebnissen vieler Untersuchungen, z.B. der Salutogenese. Ein Mensch, dem der Sinn fehlt, hängt ein bisschen wie ein undefinierbarer Schluck Wasser in den evolutionären Kurven des Lebens. Etwas in ihm ist leer und das werden alle materiellen Güter dieser Welt nicht füllen.

Helga König: Sie scheinen sich sehr mit Psychologie zu befassen. Welche Psychologiebücher haben Sie in Ihrem Leben weitergebracht? 

Veit Lindau:  Oh je, das sind sehr viele. Doch was mich am meisten voran gebracht, aufgerichtet, inspiriert hat, waren keine Bücher. Das waren lebende Vorbilder, die für ihr Leben gebrannt haben. Ich verdanke meinen menschlichen Lehrern sehr, sehr viel. 

Helga König: Worum geht es Ihnen in Ihren Seminaren und wer sind Ihre Gäste? 

Veit Lindau: Im Kern geht es immer um das Eine: Die Chance, die Herausforderung und die Kunst der konkreten Selbstverwirklichung. Finde heraus, wer du bist, wofür du stehst und was deine Gaben sind. Und dann gebäre dich selbst in die Welt – vor allem in den Hauptspielfeldern Beruf und Arbeit. 

Helga König: Was erhoffen sich die Seminarteilnehmer von Ihnen, was Psychologen nicht leisten können?

Veit Lindau:  Ich würde niemals sagen, dass dies Psychologen nicht leisten können. Doch bei mir geht es ganz klar nicht um Therapie. Ich inspiriere, hinterfrage, provoziere, liebe, lehre, lache, erkläre, trainiere zu einem einzigen Zweck – Menschen für die Chance ihres kostbaren Lebens zu sensibilisieren und ihnen, wenn sie in Fahrt kommen, gute Handwerkszeuge mit auf den Weg zu geben. Aus den Feedbacks weiß ich, was die Menschen an mir wertschätzen und sehen: einen guten Lehrer, Ehrlichkeit, Authentizität. Die vorgelebte Möglichkeit, dass es möglich ist, intelligent nach den Sternen zu greifen und fest mit beiden Füßen auf dem Boden zu stehen. Dass es möglich ist, sein Leben der Wahrheitssuche zu verschreiben und mit Freude in dieser Welt unterwegs zu sein. Dass sich das Schöne und das Hässliche, das Kleine und das Große, Schatten und Licht nicht ausschließen, sondern in jedem Menschen vereinen.

Lieber Veit Lindau, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Interview.
Helga König

Kostenfreies Foto aus dem Bestand von  Veith Lindau- Der Fotograf ist mir nicht bekannt.

Hier der Link zur Website von Veit Lindau.<veit.lindau@lifetrust.info>
Link zum Video:http://vimeo.com/50072570
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