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Peter Jakob König im Gespräch mit Dr. Peter Zudeick

Sehr geehrter Herr Dr. Zudeick, dieser Tage habe ich Ihr Buch "Ich bejahe diese Frage mit Ja"  rezensiert und möchte Ihnen hierzu heute einige Fragen stellen.

Peter J. König: Herr Dr. Zudeick, wie Ihrem Buch zu entnehmen ist, haben Sie den Politikern und dem politischen Geschäft schon seit Jahrzehnten sehr genau auf die Finger geschaut. Wie viel Durchhaltewillen muss man besitzen, um dabei manchmal nicht zu verzweifeln?

Dr. Peter Zudeick: Es geht viel einfacher: Der ungeheure Unterhaltungswert von Politik hat von Anfang an dafür gesorgt, dass ich meinem Thema und seinen Protagonisten nie zu nahe kam. Etwas komisch finden schafft Distanz. Es ist die dem Satirischen eigene Distanz, die das vermeintlich Große und Bedeutende als aufgebläht erkennt und auf seinen meist lächerlich kleinen Kern reduziert. Das ist spannend, macht immer wieder und immer noch Spaß, vergleichbar der Freude eines Verhaltensforschers beim Beobachten der Objekte seines wissenschaftlichen Interesses. "Durchhaltewillen", "Verzweiflung"? Fremdworte.

Peter J. König:  Bitte beschreiben Sie einmal, welcher Typus des Politikers Sie besonders reizt, wer Ihre kabarettistische Ader besonders herausfordert.

Dr. Peter Zudeick: Wie sich aus dem oben Gesagten von selbst ergibt: Die besonders aufgeblasenen Typen, vollgepumpt mit falschem Pathos, bis zur Schädeldecke abgefüllt mit Phrasen und Kalauern, die Agenten des "Jargons der Eigentlichkeit", die ohne Pause daherschwadronierenden Selbstdarsteller - sie alle liebe ich inbrünstig.

Peter J. König:  Wie reagieren  diese gewählten und mit politischer Macht ausgestatteten Herrschaften, wenn man Sie durch die ironische Mangel dreht?

Dr. Peter Zudeick: Die Prachtexemplare der beschriebenen Gattung reagieren überhaupt nicht. Wenigstens nicht öffentlich. Keiner gibt sich die Blöße, sich über Satire aufzuregen. (Wenn's im Fernsehen wäre, dann wäre das vermutlich anders.) Es gibt aber auch Politiker, die verständig und selbstkritisch genug sind, um mit Satire umgehen zu können. "Da haben Sie's uns aber mal wieder gegeben, Zudeick. Aber die anderen haben auch was abgekriegt. Ist in Ordnung." Solche Sätze höre ich hin und wieder.

Peter J. König:  Da Sie ja in erster Linie politischer Journalist sind, stellt sich die Frage, inwieweit ein solches Buch wie: „Ich bejahe diese Frage mit ja“ sich auf Ihre tagesaktuelle journalistische Tätigkeit auswirkt?

Dr. Peter Zudeick: Jedenfalls nicht störend. Beide Tätigkeiten - Analyse und Kritik politischer Vorgänge und Zusammenhänge und die satirische Methode - gehen nebeneinander her, ergänzen einander. Es sind zwei Aspekte eines Zusammenhangs. In der Außenwahrnehmung ist es allerdings schon so, dass einige Menschen - Politiker, Kollegen und andere Mitmenschen - mich entweder als "seriösen" Politikkorrespondenten oder als Satiriker einsortieren. Also entweder "Ernstmacher" oder "Spaßmacher". Das Notwendige zum Widersinn einer solchen Unterscheidung hat der große Robert Gernhardt gesagt.

Peter J. König:  Wie viel Distanz muss man besitzen, damit die Macht der Politik den professionellen Betrachter nicht zu sehr einnimmt und ihn vielleicht letztlich gänzlich aufsaugt?

Dr. Peter Zudeick: Die größtmögliche, siehe Antwort zu Frage 1. Natürlich muss der politische Korrespondent so nahe wie möglich an die Politik und an Politiker ran, um zu wissen, was abgeht. Aber er darf sich - ebenso selbstverständlich - nicht vereinnahmen lassen. Das geht nur, wenn man das ganze Polit-Getriebe und vor allem sich selbst nicht zu wichtig nimmt, wenn man nicht zu eitel ist, wenn man nie vergisst, dass man als Journalist nicht zur politischen Klasse gehört.


Peter J. König: Ihre Arbeit und Ihre Denke zeichnet Sie als intellektuellen Menschen aus. Wann ist bei Ihnen das Stadium erreicht, dass Sie beim Zuhören von Politikerstatements am liebsten losschreien würden?

Dr. Peter Zudeick: Das passiert selten. Meistens freue ich mich über meine Lieblinge, wie sich der Tierfreund über das possierliche Verhalten von Kätzchen und Hündchen freut. (Ich weiß, Tiervergleiche gelten als "menschenverachtend". Ich sehe das anders.) Richtig wütend werde ich nur, wenn Politiker anhaltend lügen oder permanent sachlichen Unsinn reden, weil sie meinen, das Publikum sei doof genug, das nicht zu merken.

Peter J. König:  Beschreiben Sie doch einmal bitte, inwieweit sich der Typ Politiker sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat und zwar im Auge des ironischen Betrachters.

Dr. Peter Zudeick: Nicht alle Politiker haben sich gewandelt. Es gibt nach wie vor politisches "Bodenpersonal", also Menschen, die auch im Politikgetriebe ihre Bodenhaftung nicht verloren haben, Realitätssinn haben, fleißig arbeiten und auch ihren Humor noch nicht ganz eingebüßt haben. Daneben hat sich seit einigen Jahren der Typ des "Event"-Politikers entwickelt. Den gab es zwar auch immer schon, aber mit der rasanten Vermehrung vor allem der Fernsehprogramme hat sich eben auch der Typus Politiker rasant vermehrt, der an keiner Fernsehkamera, an keinem Mikrofon vorbeigehen kann, ohne irgendeine Sprechblase zu produzieren. Weil er - leider zu Recht - vermutet, dass das von ihm erwartet wird. Dieser Typus hält Auftritte in Fernseh-Talkshows für die wahre Politik, und wenn er in Führungspositionen ist, dann sorgt er dafür, dass "Events" gesetzt, also Dinge inszeniert werden, die nur für die Medien da sind. Gerhard Schröder war ein Musterexemplar dieser Gattung, Angela Merkel ist auf diesem Gebiet mindestens ebenso gut. Nicht zu vergessen: Diese Entwicklung geht mit der rasanten Vermehrung eines bestimmten Journalisten-Typus einher, der gerne als "Hinhalte-Journalismus" karikiert wird. Politikern Mikrofone hinzuhalten gilt bei dieser Spezies schon als beruflicher Inhalt. Gerhard Schröder, der sich da besonders gut auskennt, hat das mal so beschrieben: "Da kommt morgens, wenn ich aus dem Haus gehe und in den Dienstwagen steigen will, eine Fernsehtante auf mich zu, hält mir das Mikrofon hin und sagt: 'Und, Herr Bundeskanzler?'" Ich halte diese Darstellung nicht für besonders übertrieben.

Peter J. König:  Ihr Fundus mit Anekdoten, so zeigt dieses Buch, muss sehr umfangreich sein. Haben Sie schon zu Beginn ihrer journalistischen Tätigkeit damit begonnen, diese zu sammeln?

Dr. Peter Zudeick: Nein. Während meiner Zeitungszeit habe ich zwar auch schon viel Freude an Politik als unerschöpflichem Quell ewiger Heiterkeit gehabt, aber das war nicht Gegenstand meiner Arbeit. Ich habe als Zeitungsjournalist zum Beispiel kaum Glossen geschrieben. Das ging erst so richtig los, als ich beim Radio war. Das Hören schärft den Sinn fürs große Schwadronat noch einmal besonders, und seither lasse ich mir nichts entgehen, was den Humorstandort Deutschland weiterbringt.

Peter J. König: Ihre Arbeit und Recherchen sind sehr zeitaufwendig. Bleibt Ihnen überhaupt noch außerhalb des ganzen Geschäftsbetriebes Zeit irgendetwas zu betreiben, dass nichts mit Politik zu tun hat?

Dr. Peter Zudeick: Aber ja. Ich habe Frau und Kind (Jakob, vier Jahre), mit denen ich zwar nicht so viel Zeit verbringen kann, wie ich möchte, aber ich arbeite dran. Ich treibe Sport, bin immer noch (seit rund 45 Jahren) aktiver Hockeyspieler, ich mache gerne Radtouren, früher regelmäßig mit meinem älteren Sohn aus erster Ehe, in letzter Zeit weniger, ich laufe Ski. Und ich lese viel - wenn es geht, nicht nur Bücher, die mit dem Beruf zu tun haben. Zum Beispiel beschäftige ich mich immer noch viel mit Philosophie, bin Mitglied in zwei philosophischen Gesellschaften - das hält den Kopf fit.

Peter J. König: Zum Schluss die Frage, haben Sie sich vielleicht schon einmal überlegt, sich ganz dem politischen Kabarett hinzugeben, weil diese ehrenwerte Zunft doch jeden Befähigten unbedingt benötigt?


Dr. Peter Zudeick: Die Frage habe ich mir einige Male gestellt, aber immer negativ beantwortet. Mir liegt zuviel an meinem Beruf, als dass ich den ganz aufgeben könnte. Und das müsste ich, wenn ich voll ins Kabarett-Geschäft einsteigen würde. So, wie es ist, ist es ganz gut: Zwei Standbeine (politischer Journalist und Satiriker), ein Spielbein (Kabarettist). Eine Existenz auf zweieinhalb Beinen, sozusagen. Medizinisch sicherlich nicht uninteressant.

Lieber  Herr Dr. Zudeick, ich danke Ihnen für das interessante Interview.
Ihr
Peter Jakob König

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