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Helga König im Gespräch mit Lenelotte Möller

Sehr geehrte Frau Möller, vor geraumer Zeit habe ich das von Ihnen herausgegebene Buch "Plutarch. Von Liebe, Freundschaft und Feindschaft"  rezensiert. Zu diesem Buch möchte ich Ihnen heute einige Fragen stellen.

Helga König: Was hat Sie veranlasst ein Buch mit Texten von Plutarch zu veröffentlichen?

Lenelotte Möller: Dass Plutarchs Texte so schwer zugänglich waren, und zwar die unter dem Titel „Moralia“ zusammengefassten Schriften noch schwerer als die Parallelbiographien, fand ich ärgerlich, und es machte mich gleichzeitig besonders neugierig, da gerade solche Schriften mein Interesse erwecken, von denen ich den Eindruck habe, dass sie wenig beachtet werden. In ihnen (wenn auch nicht nur in ihnen) ist oft viel zu entdecken.

Helga König:  Mir erscheinen die Texte Plutarchs stets sehr lebensnah. Könnte man Plutarch als einen praxisbezogenen Philosphen bezeichnen?

Lenelotte Möller: Absolut, jedenfalls dort, wo er dies sein will. Es gibt daneben im Gesamtwerk auch historische und naturwissenschaftliche Themen, die nicht so sehr auf Ethik bezogen sind.

Helga König: Plutarch sagt, dass Freundschaft bei den meisten aus der Gleichheit Ihrer Natur und Ihres Charakters hervorgehe, vermöge, welcher sich dieselben gerne denselben Gewohnheiten und Neigungen hingeben, an denselben Beschäftigungen, Handlungen und Unterhaltungen gefallen finden (vgl.: S.19). Das heißt demnach, dass Plutarch vom Gesetz der Anziehung (Gleiches zieht Gleiches an) überzeugt war. Wie interpretieren Sie Plutarchs Annahme?

Lenelotte Möller: An dieser Stelle steht Plutarch in der Tradition vieler antiker Autoren, die sich zu diesem Thema äußern. Bei Sallust steht z. B.: „Dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen, das ist Freundschaft.“

Helga König: Können Sie in knappen Worten skizzieren, wodurch sich nach Plutarch ein Freund von einem Schmeichler unterscheidet?

Lenelotte Möller: Der Freund sagt auch einmal unangenehme Wahrheiten, der Schmeichler nicht; wenn sich jener dem Freund anpasst, geschieht es aus freien Stücken und wohlüberlegt, beim Schmeichler nur um zu gefallen und ohne sachliche Prüfung; der Freund ändert auch nicht kurzfristig und beliebig seine Meinung.

Helga König: Können Sie in ebenso knappen Worten skizzieren, wodurch man von seinen Feinden nach Plutarch Nutzen ziehen kann?

Lenelotte Möller: Feinde beobachten und belauern ihr Objekt dauernd, um aus Fehlern nutzen zu ziehen. Wer sich dessen bewusst ist, wird sich umso korrekter und besser verhalten. Der Nutzen der Feinde besteht also letztendlich darin, dass wir von unseren Feinden gebessert werden, und Plutarch führt den Gedanken soweit aus, dass man den Feinden sogar dankbar sein muss und sie seinerseits nicht hassen sollte.

HelgaKönig: Was bedeutet für Plutarch "Bruderliebe" ?

Lenelotte Möller: Zu den wichtigsten Aspekten bei diesem Thema gehört, den Bruder nicht als Konkurrent aufzufassen, sondern ihn zu unterstützen und insbesondere, wo es erforderlich ist, zwischen Frieden zwischen den Eltern und Geschwistern zu sorgen.

Helga König: Welche Beziehung hatte Plutarch zu seiner Frau und lässt sich dies an seinen Texten erkennen ?

Lenelotte Möller: Der Ton, in dem er über sie redet, ist sehr respektvoll und lässt auf ein gutes persönlich-menschliches Verhältnis schließen, doch darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Frauenbild durchaus dem seiner Zeit entsprach und auf Über- und Unterordnung beruhte.

Helga König: Welchen Stellenwert hatte für den Philosophen die Liebe?

Lenelotte Möller: Plutarch erscheint in seinen Schriften außerordentlich menschenfreundlich, und auch, was aus seinem Lebenslauf bekannt ist, spricht diese Sprache. Er plädierte offenbar nicht nur in seinen Schriften für die einzelnen Ausprägungen der Liebe (zur Ehefrau, den Geschwistern, Freunden und Mitmenschen), sondern bewies sie wohl auch in seinem eigenen Leben.

Helga König: Worin unterscheidet sich Plutarch von anderen Philosophen seiner Zeit?

Lenelotte Möller: Gestatten Sie mir, es so zu formulieren: Plutarchs Verdienst ist es, in den „Moralia“ ein Weltbild zusammengefasst zu haben, das für viele Gebildete seiner Zeit akzeptabel war, gerade wenn sie sich wie er nicht 100 % einer philosophischen Richtung (z.B. Stoa oder Epikur) verschreiben wollten. Es ist das letzte umfassende Werk dieser Art vor der Durchsetzung des Christentums.

Helga König: Ist Plutarchs Philosophie im Hier und Jetzt noch anwendbar?

Lenelotte Möller: Bei Plutarch verhält es sich meines Erachtens wie z. B. bei Seneca: Viele Aussagen könnte man, wenn man nicht wüsste, von wem sie stammen, für zeitgenössisch halten. Wenn man die beiden liest, findet man das im Original, womit so mancher moderne Autor heute bekannt und zum Bestseller wird.


Liebe Frau Möller, für  diese erhellenden Antworten zum Thema Plutarch, danke ich Ihnen herzlich.

Ihre Helga König

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