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Helga König im Gespräch mit #Stella_Deetjen, Gründerin und Vorsitzende von "Back to Life"

Liebe Stella Deetjen, Sie sind  Gründerin  und Vorsitzende  von "Back to Life". Vor geraumer Zeit hat mich der Maler und Friedensaktivist Walter E. Beck auf Sie und Ihre Organisation aufmerksam gemacht, woraufhin ich kurz darauf im Rahmen meiner Sonntagskolumne, den Lesern von "Buch, Kultur und Lifestyle" "Back to Life"  entgegenzubringen versucht habe. 

Es freut mich sehr, dass Sie trotz Ihrer knapp bemessenen Zeit,  nun persönlich über Ihre humanitäre Hilfe in Indien und in Nepal auf "Buch, Kultur und Lifestyle" berichten.

Helga König: Können Sie unseren Lesern bitte berichten, welche Schlüsselerfahrung Sie dazu veranlasst hat, das humanitäre Projekt "Back To Life" ins Leben zu rufen? 

  Stella Deetjen
Stella Deetjen: Vor über 20 Jahren kam ich nach Indien – auf einer mehrmonatigen Rucksackreise durch Asien. Als ich damals in Benares ankam, befielen mich am Ufer des heiligen Flusses Ganga schlimme Magenschmerzen und ich sank gekrümmt an den Treppenfluchten zusammen. Nur ein paar Meter entfernt saß eine Gruppe um Almosen bettelnder Leprakranker, sogenannte "Unberührbare", allesamt grausam entstellt und scheinbar nur noch auf den Tod wartend. Ihre unheimlichen Gesichter und Verstümmelungen jagten mir Angst ein – vor allem, weil ich zu diesem Zeitpunkt gar nichts über Lepra wusste. Plötzlich kam aus der Gruppe der Bettler ein alter Mann auf mich zu und legte mir sanft seine Krallenhand auf den Kopf. Dieser Moment hat alles für mich verändert: Erst war ich geschockt, schließlich hatte mich soeben ein Leprakranker angefasst. 

Doch dann lösten sich durch seine Berührung und Fürsprache meine Schmerzen und ich war anschließend tief beschämt, weil ich die Bettler nur auf Grund ihres abschreckenden Äußeren beurteilt hatte. Um mich nochmals zu bedanken, kam ich am darauf folgenden Tag mit ein paar Utensilien als Geschenk zu ihnen zurück. Sie waren völlig überrascht, aber auch sehr erfreut über meinen Besuch. So kam es, dass ich auch an den nächsten Tagen immer wieder vorbeischaute. 

Was damals mit ersten mühsamen Verständigungsversuchen begann, entwickelte sich nach und nach zu einer warmherzigen Freundschaft. Dann passierte es eines Tages: Die Bettler wurden verhaftet und ich entschied mich im Moment der Festnahme, zum Entsetzen der Polizisten, mit auf den LKW zu springen. Ein unvorstellbarer Vorgang, weil ich mich allein durch die Nähe zu den Bettlern vor jedermann praktisch selbst zur "Unberührbaren" machte. 

Bei der Polizei setzte ich mich sofort für ihre Freilassung ein, doch es dauerte leider viele Monate bis ich durch endlose Behördengänge und durch die Berichterstattung vieler indischer Zeitungen diese letztendlich erwirken konnte. Als diese schlimme Erfahrung überstanden war, wollte ich eigentlich zurück nach Europa, ein Studienplatz wartete auf mich. Doch meine Bettler-Freunde baten mich zu bleiben. Und ich blieb tatsächlich. Zusammen mit Freiwilligen startete ich daraufhin eine Straßenklinik für Leprakranke, die zum ersten Projekt unserer etwas später gegründeten Hilfsorganisation "Back to Life" wurde.  
  Helga König
Helga König: Welche Aufgaben und Ziele verfolgt "Back To Life"

Stella Deetjen: "Back to Life" fördert seit 1996 in Indien und seit 2009 in Nepal die Verbesserung der Lebensumstände von notleidenden und schwer benachteiligten Menschen. Bis zu 45.000 Menschen werden mittlerweile durch die Maßnahmen von "Back to Life" erreicht. Unter dem Leitgedanken "Hilfe zur Selbsthilfe" werden die Projekte initiiert. Projektleiter und Partner begleiten diese, um die örtliche Bevölkerung schließlich in die Selbstbestimmung und Selbstständigkeit zu führen. Administrative Aufgaben werden in Deutschland von einem kleinen Team ausgeführt, um die Kosten gering zu halten. Darüber hinaus leisten viele Helfer, Vereinsmitglieder sowie der Vorstand ehrenamtliche Arbeit. 

Helga König: Können Sie uns bitte berichten, wie Ihr Alltag derzeit ausschaut? 

Stella Deetjen:  Es ist eigentlich kein Tag wie der andere. Unentwegt erfordern unsere vielen unterschiedlichen Projekte meine Aufmerksamkeit. Einmal ist es ein Interview für eine Zeitung oder die Teilnahme an einer TV-Talkshow, im nächsten Moment habe ich Besprechungen mit meinem Team, um neue Maßnahmen in Nepal und Indien zu planen oder ich besuche unsere Projektgebiete, um mir selbst ein Bild von der Situation und den Nöten der Menschen direkt vor Ort zu machen. Nebenbei bin ich aber auch noch eine alleinerziehende Mutter. 

Helga König: Wie viele Mitarbeiter sind an Ihren humanitären Projekten in Nepal und Indien beteiligt? 

Stella Deetjen: Um die Verwaltungskosten grundsätzlich gering zu halten, arbeiten wir in unserem deutschen Büro mit gerade mal drei Mitarbeitern. In Nepal und Indien beschäftigen wir noch einmal ca. 120 ausschließlich einheimische Mitarbeiter. 


Helga König: Welche Erfahrung haben Sie mit Leprakranken gemacht? 

Stella Deetjen:  Was mich immer wieder tief beeindruckt, ist die Demut und Leidensfähigkeit der Betroffenen und ihrer Familien, aber auch ihr Humor. Sie leben als Geächtete am Rande der indischen Gesellschaft – ohne große Chancen, dass sich das einmal ändert – und trotzdem habe ich mit diesen Menschen häufig mehr gelacht, als mit irgendjemand anderen sonst. Die wenigen unbeschwerten Momente im Schicksal dieser Menschen sind einfach zu kostbar und so werden diese voll Dankbarkeit wahrgenommen. Das bescheidene Glück, genug für den Tag zu essen zu haben, kann dafür schon Anlass genug sein. So etwas ist für uns Europäer doch nur schwer vorstellbar. 

Helga König: Was hat es mit den Geburtshäusern in Mugu auf sich? 

Stella Deetjen: Man muss wissen: Die Mütter­ und Säuglingssterblichkeitsrate in der westnepalesischen Gebirgsregion Mugu zählen zu
den höchsten weltweit. Als ich Mugu vor vielen Jahren das erste Mal besuchte, war ich von den Zuständen zutiefst schockiert. Denn auf Grund einer vorherrschenden Geisterfurcht müssen
 dort alle Mädchen und Frauen stets ihr Haus verlassen, wenn sie menstruieren und gebären, weil in den Häusern kein Blut vergossen werden darf. 

Nach ihrem Glauben würden sie damit ihre Götter erzürnen und großes Unglück über die gesamte Familie bringen. Unter wirklich unvorstellbaren Bedingungen harren sie deshalb jeden Monat nächtelang in widerlich stinkenden Ställen voller Tierfäkalien und Schmeißfliegen aus, falls sie nicht ganz schutzlos der Kälte und extremen Witterung im Wald ausgesetzt sein wollen. Selbst ihre Babys mussten sie bisher allein im Stall oder in einem Erdloch zur Welt bringen – das kann schnell zum Todesurteil für Mutter oder Kind werden. 

Ich saß in einem dieser Ställe, es ist selbst für wenige Minuten kaum dort auszuhalten. Mütter mit ihren Neugeborenen müssen dort aber teilweise mehrere Wochen verbleiben. Wegen der absolut unhygienischen Zustände leiden viele unter schweren Infektionen, Blutungen, Abszessen oder Durchfall. Das hat zur Folge, dass viele Frauen bereits eines ihrer Kind verloren haben. 

Um die Situation der Mädchen und Frauen dort wirklich zu verbessern, bauen wir deshalb gemeinsam mit den Dorfgemeinschaften Geburtshäuser in Mugu – an geografisch sinnvollen Orten, so dass gleich mehrere Gemeinden einen Vorteil davon haben. Mittlerweile betreiben wir vier Geburtshäuser, zwei weitere werden voraussichtlich noch in 2016 eröffnet. Durch unsere Hebammen und Krankenpfleger finden hier Schwangere sowie Mütter und Neugeborene erstmals vor, während und nach der Geburt genügend Schutz, Fürsorge und medizinische Betreuung. 

Den Jugendlichen aus der Region bieten wir passend dazu auch eine Ausbildung zu diesen Berufen an. Die Geburtshäuser selbst gehören natürlich den Gemeinden. Deshalb leiten wir die Dorfgemeinschaften an, ihre Geburtshäuser letztlich auch selbst zu führen. 

Helga König: Sie bemühen sich u.a. um den Wiederaufbau von 10 zerstörten Schulen im Erdbebengebiet in Nuwakot. Können Sie dazu Näheres sagen? 

Stella Deetjen: Bei den katastrophalen Erdbeben in Nepal im Frühjahr 2015 wurden bis zu 30.000 Klassenzimmer zerstört. Damit nicht eine ganze Generation junger Nepalis ohne Bildung aufwachsen muss, haben wir uns entschlossen, beim Wiederaufbau von Schulen zu helfen. Die Region Nuwakot, nördlich von Kathmandu, wurde aus diesem Grund zu unserem neuen dritten Projektgebiet in Nepal. Die Wellen der Zerstörung haben dort besonders schlimm gewütet, viele Bergdörfer wurden dem Erdboden gleich gemacht. Es gab viele Tote und noch mehr Menschen haben in den Trümmern ihrer Häuser alles verloren, was sie besaßen. Ihnen blieb oft nichts außer ihrem nackten Leben. Auch dort habe ich vor Ort mit den Menschen gesprochen. Jeder Vater, jede Mutter dort ist verzweifelt, dass die Kinder jetzt noch schlechtere Chancen haben, vernünftig ausgebildet zu werden. Deshalb werden wir in den Dörfern als Erstes mehrere Schulen wiederaufbauen. Darüber hinaus planen wir weitere, auf die Bedürfnisse der Bevölkerung ausgerichtete Hilfeleistungen. 

Helga König: Was hat es mit der Förderung der schulischen Ausbildung von 360 Mädchen auf sich?

Stella Deetjen:  In unserem südnepalesischen Projektgebiet Chitwan fördern wir benachteiligte junge Mädchen, deren arme Eltern sich die Ausbildung ihrer Töchter niemals leisten könnten. Mit unseren Stipendien erhalten die Mädchen von der Schuluniform über die Schultasche bis zum Lernmaterial alles, was sie für den Unterricht benötigen. In den Schulen sorgen wir auch für die nötige Ausstattung wie Tafeln, Tische und Bänke sowie ausreichendes Lehrmaterial. Sollten zusätzliche Lehrer oder Kindergärtnerinnen benötigt werden, finanzieren wir auch diese. Die Verbesserung der Ausbildungssituation, speziell der Mädchen, ist sehr wichtig für eine langfristige Erleichterung der Lebensbedingungen in der Region. Da jedoch durch den Schulbesuch die Arbeitskraft der Kinder für die Familie verloren geht, fördern wir z.B. durch Mikrokredite, Landwirtschaftsschulungen sowie die Verteilung von Ziegen und Saatgut auch die gesamte ökonomische Entwicklung der Familien. Damit sollen die Familien genug Einkommen erzielen, um ihre Kinder zur Schule schicken zu können. 

Helga König: Was bedeutet in Ihrem Projekt der Leitspruch "Hilfe zur Selbsthilfe"? 

Stella Deetjen: Unsere Programme sind grundlegend darauf ausgelegt, der Bevölkerung unserer Projektgebiete einen baldigen Weg aus der Armut und Abhängigkeit aufzuzeigen. Mit unseren Förderungen und Trainings bereiten wir die Menschen darauf vor, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Kinder, die durch einen regelmäßigen Schulbesuch erhöhte Chancen auf besser bezahlte Berufe bekommen, werden höchstwahrscheinlich ihre Familien mit eigener Kraft aus der Armutsspirale herausziehen können. Frei nach dem Motto "Wir helfen Euch und machen vor, wie es geht..." arbeiten wir schon seit vielen Jahren sehr erfolgreich. Es ist keine langfristige Lösung, unentwegt Hilfsgüter in eine durch Armut und Katastrophen betroffene Region zu liefern, ohne gleichzeitig die kontinuierliche Entwicklung der Bevölkerung zu fördern. Dadurch würden nur neue Anhängigkeiten geschaffen werden und Probleme bestenfalls verlagert. Wenn wir neue Schulen oder Geburtshäuser bauen, werden von vorneherein die Bewohner der Dörfer in die Planung und Ausführung miteinbezogen. Gerne helfen sie dann dabei, z.B. den Boden auszuschachten oder Baumaterial zur Baustelle zu transportieren. Dadurch wird das Gebäude nicht nur zu einem Gemeinschaftsprojekt, sondern die Verantwortung dafür liegt von Beginn an auch auf den eigenen Schultern. So wird es zur eigenen Schule, zum eigenen Geburtshaus. Der anschließende Stolz und die Zufriedenheit der Menschen bestätigen uns jedes Mal auf Neue, dass wir die richtigen Konzepte anbieten. 

Helga König: Wie kann man Pate Ihrer Projekte werden? 

Stella Deetjen: Einen Patenschaft, gleich ob eine Geburtshaus-, Schul- oder Projektpatenschaft bevorzugt wird, ist ganz einfach über unsere Webseite www.back-to-life.org abzuschließen, alternativ lassen wir Interessierten auch gerne Infomaterial per Mail oder Post zukommen oder beraten telefonisch unter der Telefonnummer: 06172- 662 6997. Für Einzelspenden gilt das natürlich genauso. 

Helga König: Was verstehen Sie unter Transparenz der Projekte des gemeinnützigen Vereins?

Stella Deetjen: Das Thema Transparenz ist uns sehr wichtig, deshalb haben wir uns der "Initiative Transparente Zivilgesellschaft" angeschlossen und ermöglichen auf unserer Webseite, alle relevanten Informationen wie z. B. Finanzberichte einzusehen. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) hat übrigens bei seiner Einschätzung keine kritischen Anhaltspunkte gefunden. Für eine größtmögliche Effizienz unserer Arbeit werden zudem sowohl unsere Projekte als auch unsere Buchhaltung überprüft: Unabhängige Wirtschaftsprüfer kontrollieren unsere Finanzen und Aktivitäten direkt in unseren Projektgebieten. Die Mitarbeiter der Ministerien in Nepal und Indien prüfen und genehmigen unsere Projekte direkt vor Ort. Darüber hinaus prüft natürlich auch das deutsche Finanzamt unsere Buchhaltung, ob alle finanziellen Mittel satzungsgemäß eingesetzt wurden und stellt erst dann den Freistellungsbescheid aus. Wir informieren aber auch regelmäßig mittels Newsletter-Magazinen, Homepage und Facebook­Seite über unsere aktuellen Aktivitäten.

Liebe Stella Deetjen, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Interview

Ihre  Helga König

Fotos: Back to Life

Anbei der Link zur Hompage von  "Back to Life"

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