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Helga König im Gespräch mit Frank Rebmann über sein Buch "Der Stärken-Code", Campus

Lieber Frank Rebmann, vor geraumer Zeit habe ich Ihr Buch "Der Stärken-Code" auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiert.  Deshalb möchte ich heute einige Fragen an Sie richten.

Anbei der Link zur Rezension: "Der Stärken-Code"

Helga König: Sie arbeiten mit Ihrem 11 köpfigen Team für die stärkenorientierte Entwicklung von Führungskräften und Mitarbeitern. Können Sie unseren Lesern zu Ihrer Firmengeschichte kurz etwas berichten und wie sich Ihre Arbeit heute gestaltet? 

 Frank Rebmann
Foto: aus seinem Bestand
Frank Rebmann: Seit rund 20 Jahren bin ich als Trainer, Berater und Coach tätig. In dieser Zeit sammelte ich zahlreiche Erfahrungen im Vertrieb, in der Konzeption und der Ausbildung von Trainern in verschiedenen Trainingsunternehmen. U. a. war ich als Training Director in der dt. Niederlassung des weltweit größten Trainingsunternehmens angestellt und zuständig für die Rekrutierung und Ausbildung der Trainer, außerdem als Trainingsdirektor eines Stuttgarter Trainingsunternehmens verantwortlich für Vertrieb und Konzeption. Seit 2012 liegt mein Fokus auf dem Thema Stärken. Im gleichen Jahr wurde ich von Firmen wie z.B. von Allianz beauftragt, ein Stärkentraining zu entwickeln, das offen für alle Mitarbeiter sein sollte. Dieses Training wird nach wie vor dort durchgeführt, zu den Seminaren werden Wartelisten geführt. Überall, wo wir in Firmen Trainingsmaßnahmen durchführen konnten, bei denen der Fokus auf dem Entwickeln der Stärken liegt, haben sich nach den Seminaren die Ergebnisse der Führungskräfte oder Mitarbeiter deutlich verbessert. Aufgrund der zunehmenden Nachfrage begann ich Stück für Stück weitere Trainer ins Boot zu holen und sie auszubilden, sodass wir derzeit ein Trainerteam von 14 Trainer haben, das wir bald sogar aufstocken werden.
 Helga König

Helga König: Weshalb tun sich Menschen so schwer, die eigenen Talente zu entschlüsseln, anzuerkennen und weiterzuentwickeln?

Frank Rebmann:  Das ist insbesondere in Deutschland nicht üblich. Hier gilt der Ausspruch  "Nicht geschimpft ist genug gelobt", und das beherzigen viele auch für sich selbst. Es gilt als arrogant bzw. übertrieben oder amerikanisch, sich selbst zu loben und zu dem zu stehen, was man kann. Bei einigen Menschen hat es auch damit zu tun, dass sie ihre Lebenslügen nicht anschauen wollen, weil sie seit vielen Jahren etwas tun oder sich in Umständen befinden, die ihren eigenen Stärken nicht entsprechen. Oft geht im Alltag auch das Gespür für die eigenen Stärken verloren und für das, was einem wirklich Freude macht. Man findet zwischen Beruf, Kindern, Familie, Freunden etc. einfach nicht die Zeit, oder besser, man nimmt sie sich nicht.

Helga König: Wie lässt sich das Talent eines Mitarbeiter einer Firma auf ein stets abrufbares Stärkenniveau anheben und welche  positive Auswirkungen hat dies für die Firma?

Frank Rebmann:  Zunächst einmal muss das Talent des Mitarbeiters erkannt werden und er muss die Möglichkeit bekommen, es in seinem Berufsalltag einzusetzen und weiter auszubauen. Das kann durch eigenes Training geschehen oder auch durch die Unterstützung einer Führungskraft, die gelernt hat, genau hinzuschauen und zu wissen, wie man Mitarbeiter fordert, ohne sie zu überfordern. Die positiven Auswirkungen für die Firma und den betroffenen Mitarbeiter sind enorm. Der Mitarbeiter ist wesentlich produktiver, motivierter und leistungsfähiger. Und sein Job fühlt sich für ihn nicht wie harte Arbeit an, sondern wie etwas ganz Natürliches, das ihm voll und ganz entspricht. Für Menschen, die gerne messbare Ergebnisse möchten:




Interessant ist neben diesen Ergebnissen die Auswirkung des Stärkenansatzes auf das Thema Gesundheitsmanagement. Früher haben wir viele Seminare zum Thema Stressmanagement durchgeführt – der Erfolg war aber nur mäßig. Aus heutiger Sicht ist auch klar, warum. In Stressfallen geraten wir besonders dann, wenn wir Aufgaben leisten müssen, die uns anstrengen und erschöpfen. Natürlich kann man mit Entspannungsmethoden, dem Analysieren von Stressauslösern etc. den negativen Stress, den man auch Distress nennt, etwas mildern. Aber am Ende des Tages ist es doch so, dass uns bestimmte Aufgaben erschöpfen, weil sie nicht unseren Stärken entsprechen. Wenn wir unsere Stärken einsetzen können, dann gehen uns die Dinge erstens leicht von der Hand, erzielen wir zweitens sehr gute Ergebnisse und sind drittens sogar selbst motiviert, die Aufgaben umzusetzen.

Helga König: Welche Erfahrungen haben Sie sammeln können bei von Ihnen Trainierten, die im Selbsttest ihre Stärken erkannten?

  Frank Rebmann
Foto: aus seinem Bestand
Frank Rebmann: Für manche ist es die Bestätigung dessen, was sie manchmal gespürt oder geahnt hatten. Für andere ist es wie ein Eintauchen in eine neue Welt, eine neu entdeckte Landschaft. Sie können dann besser einordnen, warum sie sich mit manchen Dingen immer schon schwer getan haben, warum sich manches einfach nie richtig angefühlt hat und warum sie sich nach etwas anderem gesehnt haben.

 Helga König
Helga König: Wie Sie den Leser wissen lassen, gibt es fünf Dimensionen im Bereich der Stärken. Die Dimensionen speisen sich aus vielen Eigenschaften, die Sie im Buch aufgelistet haben. Wie sieht es aus, wenn man spontan fast alle ankreuzt? 

Frank Rebmann:  Das lässt der Test nicht zu, da man in einer Zeile immer nur eine Eigenschaft ankreuzen darf. Man muss sich also festlegen und das wählen, was einem am meisten entspricht. Dadurch wird man gezwungen, sich zu entscheiden. Je einfacher es einer Person übrigens fällt, aus fünf vorgegebenen Stärkenmerkmalen eines herauszugreifen, desto ausgeprägter ist bei dieser Person meistens dann auch diese einzelne Stärke. Es kann natürlich sein, dass man relativ ausgeglichen in allen oder mehr als einem oder zwei Dimensionen seine Stärken hat. Nach rund 10.000 Testverfahren haben wir aber festgestellt, dass bei den meisten Menschen ein oder zwei Dimensionen wesentlich stärker ausgeprägt sind. 

Helga König: Verfügen Führungskräfte nach Ihren Erfahrungen über andere Stärken als deren Mitarbeiter und unterscheiden sich die Stärken von Frauen maßgeblich von denen, die Männer im Managementbereich haben? 

Frank Rebmann: So wirklich eindeutig lässt es sich nicht identifizieren – zum Glück. Sonst könnte es wieder passieren, dass Firmen versuchen, ein bestimmtes Profil zu identifizieren, um nach diesem Profil ihre Führungskräfte und Mitarbeiter auszuwählen. Das ist mit verschiedensten Potenzialanalysemethoden in der Vergangenheit schon versucht worden – und meistens schief gegangen. So einfach lässt sich die Persönlichkeit dann doch nicht einfangen. Dafür spielen viele andere Aspekte auch eine Rolle, z.B. welche Erfahrungen ein Mensch gemacht hat, wie ihn sein Umfeld beeinflusst, welche Werte ihm wichtig sind u.v.m.

 Helga König:  Wie wichtig sind Werte zur Stabilisierung unserer Stärken?

  Frank Rebmann
Foto: aus seinem Bestand
Frank Rebmann:  Unsere Werte spielen eine ganz enorme Rolle. Sie sind wie eine Richtschnur auf dem Weg unseres Handelns, bei dem wir unsere Stärken einsetzen können. Es kommt z.B. vor, dass Mitarbeiter als Verkäufer ausgebildet werden, weil sie ein unglaubliches Geschick haben, das Vertrauen von Menschen zu gewinnen. So ein Verkäufer kann sprichwörtlich einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen. Allzu oft haben wir in unseren Seminaren aber erlebt, dass es nicht nur darauf ankommt, diese Stärke zu haben, sondern dass sie auch mit dem eigenen Wertesystem übereinstimmen muss. Ich kannte einen Verkäufer aus der Versicherungsbranche, der über viele Jahre in seiner Abteilung die besten Verkaufszahlen hatte. Irgendwann wurde er in eine andere Abteilung versetzt und sollte Leistungen verkaufen, die er selbst für unfair und täuschend gegenüber den Kunden angesehen hatte. In dieser Abteilung wurde viel Geld mit dem Nichtwissen der Kunden gemacht. Von einem auf das andere Jahr war er nicht mal mehr im Mittelfeld. Aber warum? In einem Einzelcoaching identifizierten wir seine Werte und entdeckten unter den ersten sechs Werten die zwischenmenschlichen Werte "Glaubwürdigkeit", "Ehrlichkeit" und "Loyalität". Kein Wunder, dass er seine Verkaufsstärken nicht mehr einsetzen konnte. Er hätte sonst die ganze Zeit sich selbst verleugnen müssen und das, was ihm wichtig ist im Umgang mit anderen Menschen.
 Helga König

Helga König: Sollten wir uns klugerweise weniger um unsere Schwächen als um unsere Stärken bemühen und wenn ja weshalb?

Frank Rebmann:  Definitiv. Eine zu intensive Beschäftigung mit den eigenen Schwächen bedroht unser Selbstbild. Sie schwächt uns und wirft uns zurück. Und egal, wie viel wir versuchen, unsere Schwächen loszuwerden, wir werden niemals so gut werden und so viel Freude haben, wie wenn in diesem Bereich unsere Stärke läge. Dürfen wir unsere Schwächen ignorieren? Nein! Wir dürfen sie nicht ignorieren, wenn wir merken, dass eine Schwäche unsere Leistung oder Weiterentwicklung beeinträchtigt – oder die Leistung und Weiterentwicklung von Mitarbeitern oder Kollegen. Ja! Wir dürfen unsere Schwächen ignorieren, wenn sie keine wesentlichen negativen Auswirkungen haben. Dann ist es sinnvoller, sich auf seine Stärken zu konzentrieren, sie weiter auszubauen und Aufgaben zu übernehmen, bei denen wir diese gezielt einsetzen können. Wenn wir nun feststellen, dass wir doch an unseren Schwächen arbeiten müssen, ist der erste Schritte, sich klar zu machen, über welche Form der Schwäche wir reden. Es gibt auf der einen Seite Schwächen, die aus einem Mangel resultieren. Dazu gehört z.B. ein Mangel an Können oder Talent oder Motivation. Auf der anderen Seite gibt es Schwächen, die aus einer Übertreibung resultieren, etwa wenn ein detailverliebter Mensch sich im Detail verliert und jede Mail viermal überprüft, bevor er sie losschickt. Wie wir die verschiedenen Schwächen identifizieren und was wir tun können, damit sie uns nicht beeinträchtigen, erfahren die Leser in meinem Buch "Der Stärken-Code".

Helga König: Welcher philosophische Ansatz steht hinter ihrer Arbeit?

Frank Rebmann:  Das ist eine sehr interessante und spannende Frage, die mir noch nie gestellt wurde, obwohl sie tatsächlich der rote Faden für das ist, was hinter meinem Stärkenansatz steht. In meinem Philosophiestudium kam ich sehr früh mit dem Philosophen Hans-Georg Gadamer in Berührung und war von Anfang an fasziniert von seiner Philosophie der Hermeneutik oder anders gesprochen, von seiner Philosophie des Verstehens, wobei Verstehen bei Gadamer nicht nur die theoretische Fähigkeit meint, Texte zu interpretieren. Es meint auch und vor allem die Bereitschaft, eigene Meinungen zurückzustellen, um "den anderen zu hören und sich etwas sagen zu lassen". Dieser Gedanke ist enorm wichtig für den Stärkenansatz, weil er erstens verhindert, dass aus dem Blick auf die eigenen Stärken eine arrogante und ichbezogene Haltung entsteht, und weil er zweitens darauf hinweist, dass es nicht darauf ankommt, sich über oder unter andere zu stellen, sondern darauf, den anderen mit seinen Stärken und nicht so sehr mit seinen Schwächen zu sehen. Im Jahr 1997 hatte ich das Glück, Hans-Georg Gadamer im Kreise von 10 Doktoranden eine Woche lang im Gespräch zu erleben. Und was mir erst viele Jahre später bewusst wurde, war seine unnachahmliche Gabe, jeden von uns zum Selbstdenken zu führen und nicht zum Hinterherplappern irgendwelcher philosophischer Bücherweisheiten. In einem Nebensatz meinte er damals, wir werden wohl nie ganz ergründen können, wer wir sind, aber wir dürfen auch nie aufhören, danach zu fragen. Das ist der zweite wichtige Gedanke meines Stärkenansatzes, denn die Frage nach den eigenen Stärken ist immer auch eine Frage nach der eigenen Persönlichkeit. Solange wir noch fragen, wer wir sind und wer wir sein können, entwickeln wir uns weiter, bleiben lebendig und geben unserem Leben einen Sinn.

Lieber Frank Rebmann, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

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Der Stärken-Code: Die eigenen Talente entschlüsseln, anerkennen und weiterentwickeln


Website des Autors Frank Rebmann:  Stärkentrainer Frank Rebmann und Team