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Helga König im Gespräch mit Willi Achten, Autor des Romans "Die wir liebten".

Lieber Willi Achten, vor geraumer Zeit habe ich Ihren Roman "Die wir liebten" auf "Buch, Kultur und Lifestyle" vorgestellt. Dazu möchte ich  heute einige Fragen an Sie richten:

Anbei der Link zur Rezension: "Die wir liebten"

Helga König: Das Haupthandlungsgeschehen Ihres Romans ereignet sich zwischen 1970-76. Was unterscheidet Ihrer Ansicht den unangepassten Teil junger Menschen von jenem der 1968er Jahre? 

 Willi Achten
Foto: Heike Lachmann
Willi Achten: Der 68er-Protest, den man u.a. als Kulturkampf verstehen kann, wurde ja von den Nach-Achtundsechzigern miterlebt, hautnah, auch wenn man nicht in der vordersten Linie stand. Die Thesen und Themen wurden übernommen und ausgebaut. Es gibt keinen Bruch zwischen den Haltungen der Handlungsträger. Von den Protesten um das Jahr 1968 zu den Friedensdemos zum Beispiel im Hofgarten der Uni Bonn im Oktober ´81 führt eine direkte Linie. 

 Helga König
Helga König: Die Mutter Ihrer Protagonisten ist zu dieser Zeit bereits erfolgreich berufstätig. Dazu sollte man wissen, dass bis 1977 eine Frau in West-Deutschland nur dann berufstätig sein durfte, wenn das "mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar" war. War es Ihre Absicht, an die generellen Schuldzuweisungen zu erinnern, die berufstätige Frauen damals ertragen mussten, wenn in der Familie etwas schief lief, weil Männer durch die "Hausfrauenehe" noch immer gesellschaftlich exkulpiert waren? Können Sie Ihren Gedanken näher ausführen?

Willi Achten:  Nein, die Mutter der beiden jungen versucht ein selbständiges Leben, sie "war das kaufmännische Gehirn hinter Vater. Sie hatte ihr Leben", wie es im Roman heißt. Sie war eine eigenständige Frau, die erfolgreich einer Beschäftigung nachging. Dass sie scheiterte, lag an den Umständen, dem Zerbrechen der Ehe und vor allem daran, dass sie keine Hilfe bekam, keine professionelle Hilfe. Sie driftete in eine Depression, die unbehandelt blieb, die sie selbst versuchte zu kurieren mit einem ungeeignet Medikament, das sie abhängig machte. Dieser Missstand hat mich interessiert. 

Helga König: Die Hausfrauenehe ist ein ähnliches Relikt aus der Nazi-Zeit, wie der perfide Umgang mit Kranken oder Geistesschwachen. Haben sich diese Relikte auf dem Lande- dort finden ja die Ereignisse ihre Romans statt-, länger gehalten als in den Städten und wenn ja, was hat dies mit rebellierenden jungen Menschen gemacht? 

Willi Achten: Das kann ich kaum beurteilen, ob es da ein Stadt-Land-Gefälle gab. Ich habe das nicht recherchiert. Ich glaube auch nicht, dass es überhaupt in der Fläche existiert hat, wenn man mal vom linksliberalen Bürgertum absieht, das sich in den Universitätsstädten nach 68 bildete. Dort hat es Protest- und Widerstandhandeln dominanter gegeben. Das waren aufgeklärte Milieus. Auf dem Land waren es die Landkommunen, die den Protest organisierten. Aber eben auch heranwachsende Jungen wie die Romanhelden Edgar und Roman, die von Hause aus mutiges selbstbestimmtes Handeln in Ansätzen kennenlernten und fortführten. Die Eltern wie auch die übrigen Familienmitglieder, etwa der Großonkel Leonhard, waren auf eine umfassende Art anständig und es existierten Bücher in der Familie. Der Vater war ein großer Leser. Die Jungen wuchsen nicht in einem leeren, tumben Raum auf. Exemplarisch sei hier die Lieblingslektüre des Vaters genannt: Heinrich Böll. Das färbte ab, auch wenn es im Roman nicht explizit benannt wird, aber man liest es zwischen den Zeilen, welche aufklärerische und damit explizit "politische" Bedeutung Literatur für die Protagonisten hatte. 

Helga König: Was wollten Sie anhand der körperlich unterkühlten Beziehung der Eltern Ihrer Protagonisten aufzeigen? 

  Willi Achten
Foto: Heike Lachmann
Willi Achten: Zunächst einmal: Liebe, körperliche Nähe, Sexualität war kein Thema in den Familien. Die sexuelle Revolution wurde von der 68-Generation und ihren Nachfolgern gelebt. Die Eltern-Generation war "verklemmt" – so nannte man das damals. Die Eltern im Roman führen eine Ehe, wie sie damals nicht häufig vorkam – ihnen kommt die Liebe abhanden, und einer von beiden handelt und trennt sich: Das war damals ein mutiges Unterfangen, gerade in einem Dorf mit all seiner Nähe, aber auch immenser sozialer Kontrolle. Das muss man erst mal wagen, und der Vater der Jungen wagt es. Ist mutig, wenn auch sein Mut, die Jungen und die Familie ins Verderben führt, aber nicht, weil das Trennen ein so verwerflicher Akt ist, sondern weil die restaurativen und immer noch faschistoiden Kräfte die Jungen für vogelfrei erklären. Wenn man so will, bricht der mutige selbstbestimmte Vater aus, und die Jungen Edgar und Roman zahlen die Zeche. Sie waren die schwächsten in der Kette. Es war der Mief früherer Jahre, diese bigotte, spießige und den Menschen nicht gerecht werdende Moral, die sich über sie ergoss. 

 Helga König
Helga König: Sind die Eltern mit dem Leben, das sie in jener Zeit führen, über-fordert und falls ja, weshalb? 

Willi Achten: Ja, die Eltern überfordern das System Familie, weil sie sich trennen und der Vater seinem erotischen Traum folgt. Wie schon gesagt, das war mutig und das soziale Kollektiv straft ihn – nicht ihn direkt, sondern man wählt seine Söhne, um ihn zu treffen. So ließe sich der Roman auch lesen.

Helga König: Welche Rolle spielt Musik in Ihrem Roman? 

Willi Achten: Eine große Rolle. Wir haben einmal die spießige, restaurative Musik, wie sie Heino und Peter Alexander verkörpern, dann die Musik Bob Dylans und der Beatles. Man kann heute nicht mehr ermessen, welche Bedeutung der Musik zukam und an erster Stelle Bob Dylan. Seine Songs gegen Rassismus, gegen den staatlichen Machtapparat, das rechtsnationale Amerika ließen sich problemlos auf Deutschland übertragen. Diese Musik befreite die junge Generation, jedenfalls den Teil, der sich von den Eltern und ihren Normen abwandte, die zum Teil noch von der Naziideologie geprägt waren. Es ist darüber hinaus ja nicht zufällig, dass die "moderne" Musik, hier Procul Harum, die Ehe der Eltern ins Wanken brachte. Bei Heinos und Alexanders Schlagern wäre die eigene Sehnsucht dem Vater nie klar geworden.

Helga König: Können Sie unseren Lesern mehr über ihre Motive berichten, die sie dazu bewegten, ein Erziehungsheim aus den Nazi-Tagen mit ins Spiel zu bringen? 

  Willi Achten
Foto: Heike Lachmann
Willi Achten: Ich bin in der Nähe von Waldniel aufgewachsen. Es gibt hier einen autobiografischen Bezug. Dort gab es eine britische Schule in dem ehemaligen Kinderheim "Hostert". Dieses hatte in der Nazizeit eine sogenannte "Kinderfachabteilung", in der Kinder und Jugendliche getötet wurden: behinderte und "erziehungsschwierige" Kinder. In der Bevölkerung, gerade bei uns jungen Menschen, war das so gut wie nicht bekannt. Ich wollte auch an die Opfer erinnern. Ich wollte meiner Empörung Raum geben, umso mehr als ich recherchierte, dass bis in die 70er Jahre Medikamentenversuche an Kindern und Jugendlichen in manchen Erziehungsheimen fortgesetzt wurden, erst die "Heimreform" brachte dieses perfide System nach und nach ins Wanken. Es sei an diese Stelle auch an die frühe RAF erinnert, die z.T. konstruktiv mit daran gearbeitet hat, dass die Zustände in den Heimen publik wurden und sich änderten.

 Helga König
Helga König: Worin liegt der Hauptunterschied im Wesen Ihrer Romanhelden Edgar und Roman und worum ging es Ihnen bei den beiden hauptsächlich? 

Willi Achten: Roman ist weitgehend angstfrei, Edgar nicht. Es sind unterschiedliche Typen was ihre Resilienz und ihren Mut angeht. Weil aber Edgar auch empfindsamer ist, sieht er mehr, nimmt mehr war, was zwischen den Menschen im Dorf und in der Familie geschieht. Außerdem zeigt sich in ihm die Fallhöhe. Wenn er in den "Gnadenhof" ins Heim muss, ist das ein furchtbarer Akt. Aber weil ihre Liebe zueinander die beiden Brüder trägt, finden sie einen Ausweg. Sie ergänzen sich idealerweise. Roman hat das Hirn und das Herz für den Widerstand und den Widerspruch. "Er ist aus einem besonderen Stoff" – liest man im Roman. 

Helga König:  Im Erziehungsheim, das die beiden Protagonisten erleben müssen, ist die "Schwarze Pädagogik" noch nicht abgeschafft worden. Was hatte das für die Entwicklung der Protagonisten zur Folge? 

 Willi Achten
Foto: Heike Lachmann
Willi Achten: Dass sie leiden, dass sie Ihre Antworten auf dieses perfide Erziehungssystem aber auch finden und definieren. Roman zieht es, so darf man es lesen, in die Nähe der RAF. Edgar forscht – vielleicht als Historiker. Sie geben beide keine Ruhe, und das ist gut so. Die Jugend prägt ihr Leben. Aber sie haben dem System eben auch etwas entgegenzusetzen. Ihre Streiche erinnern an Max und Moritz. Sie sind gewitzt, sie sind mutig, sie finden einen Weg. Den beiden drückt der Leser die Daumen, hoffe ich, hat er sie einmal ins Herz geschlossen, was gelingen sollte, denn sie treiben es bunt … 

Helga König: Waren nach Ihrer Ansicht die 1970er Jahre, wie Margarethe von Trotta es nennt, eine "Bleierne Zeit" und wenn ja, weshalb? 

Willi Achten: Ich habe das noch mal nachgelesen. Den Titel ihres Films "Die bleierne Zeit" entnahm Margarethe von Trotta einem Hölderlin-Gedicht. Sie wollte damit nicht die Gewalt in den 70er-Jahren markieren, sondern die Atmosphäre der Fünfzigerjahre, als man wie unter einem "bleiernen Himmel gelebt" […] hat, "unter einer Bleikappe des Schweigens". Dieses Schweigen zerbrechen Edgar und Roman. Sie halten sich nicht länger an das Schweigegebot, decken auf, was in der Nazizeit etwa der Dorfpolizist gemacht hat, der junge Kriegsgefangene wegen eines nichtigen Vergehens erschießen ließ, was übrigens gar nicht fiktiv ist, sondern tatsächlich so stattgefunden hat. Die 70er Jahre waren das genaue Gegenteil einer bleiernen Zeit im Trottaschen Sinne. Es ging rund, endlich. Es wurde auf das gezeigt, was verheimlicht wurde. Es wurde auf die gezeigt, die Täter waren. Es wurde eine neue, befreitere Zeit eingeläutet. Immer mit dem Sound-track Bob Dylans, Neil Youngs, Jimi Hendrix`. Und L. Cohens.

Lieber Willi Achten, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.

Herzlich Helga König

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Website: Willi Achten