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Helga König im Gespräch mit Beate Frenkel und Astrid Randerath, Autorinnen von „Die Kinderkrankmacher“ (Herder)

Liebe Beate Frenkel, liebe Astrid Randerath dieser Tage habe ich Ihr Buch "Die Kinderkrankmacher" rezensiert. Dazu möchte ich heute einige Fragen an Sie richten. 


Helga König: Können Sie - zum besseren Verständnis - kurz erläutern, was man unter ADS und ADHS versteht? 

 Beate Frenkel
Beate Frenkel:  ADS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Zu den Symptomen gehört eine erhöhte Unkonzentriertheit. Die Kinder, denen ADS attestiert wird, gelten oft als verträumt. Kommen bei den Kindern Impulsivität und ein ausgeprägter Bewegungsdrang hinzu, spricht man von ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Das Problem ist: Immer mehr Kinder leiden angeblich unter diesen Störungen. Vor 20 Jahren gab es noch 5000 Kinder mit ADHS, jetzt sind es angeblich über 600 000. Jährlich schlucken sie 1.75 Tonnen Tabletten dagegen. Dabei muss man wissen: ADS/ADHS ist keine körperliche Krankheit. 

Bei Diabetes misst man beispielsweise den Blutzucker- dann hat man die Diagnose. Bei ADHS ist es oft Auslegungsfrage, hat der renommierte Schweizer Kinderarzt Remo Largo in einem Interview mit uns erläutert. Er sagt: " Ja, ADHS gibt es, aber nur ein Prozent der Diagnosen ist berechtigt." Die ganz große Mehrzahl der Kinder bekommt also Tabletten, die sehr schwere Nebenwirkungen haben, obwohl sie sie gar nicht brauchen. 

Helga König: Wo liegen die wahren Ursachen dafür, dass immer mehr Kinder unter Konzentrationsmangel, Hyperaktivität, Schwermut und Aggression leiden? 

 Astrid Randerath
Astrid Ranerarth: "Nicht die Kinder sind das Problem, sondern die Erwachsenen" – so hat es Remo Largo im Gespräch mit uns auf den Punkt gebracht. Viele Eltern fühlen sich unter Druck, weil sie Angst vor dem sozialen Abstieg ihrer Kinder haben. Sie geben im Jahr 1,5 Milliarden Euro allein für Nachhilfestunden aus – obwohl die Kinder oftmals gute Noten haben. Eltern haben Angst, dass ihre Kinder in der Schule versagen, wenn sie unkonzentriert oder zappelig sind. Und viele Lehrer sind unter Druck, weil sie in viel zu großen Klassen in immer kürzerer Zeit den Lehrstoff durchpauken müssen. Diesen gesellschaftlichen Notstand macht sich die Pharmaindustrie zunutze und bietet die Tabletten an, die angeblich dagegen helfen. Oft helfen schon Sport, mehr Zeit und Zuwendung. Die Verhaltensstörung ist ja oft ein Hilfeschrei des Kindes. Nur brauchen die Eltern und Lehrer auch mehr Unterstützung, um den Kindern zu helfen. Sie werden meist völlig allein gelassen. Wir haben einige Initiativen in unserem Buch beschrieben, die da Mut machen. Tabletten können jedenfalls nur das letzte Mittel sein, nie das erste.

 Helga König
Helga König: Die Entwicklung zeigt, dass von Jahr zu Jahr immer häufiger nach der schnellen Lösung bei verhaltensauffälligen Kindern gesucht wird. Sie nennen die Zahl von 1.75 verabreichten Tonnen Methylphenidat im Jahre 2012. Welcher Stoff ist das eigentlich? 

Beate Frenkel:  Der Wirkstoff Methylphenidad ist in Medikamenten wie Ritalin enthalten und fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Normalerweise wirkt er anregend, bei unruhigen Kindern aber eher dämpfend. Deshalb werden aktive Kinder unter der Wirkung ruhiger, so genannte "Schreikinder" verstummen. Nur: Kinder, die das Medikament über lange Zeit regelmäßig einnehmen, können nicht lernen, besser mit ihrer Tagesbelastung umzugehen. Die Kinderhirne entwickeln sich ja nutzungsabhängig, hat der Hirnforscher G. Hüther in einem Interview mit uns erklärt. Wenn die Kinder im Kindesalter nicht lernen, auch mal einen Impuls zu unterdrücken, sich nicht sofort ablenken zu lassen oder gar wütend, aufbrausend zu reagieren, können sie es auch als Erwachsene nicht. 

Die Gefahr ist daher: Die Entwicklung der Kinder wird nachhaltig gehemmt. Durch die verbreitete Behandlung mit Methylphenidad gibt es immer mehr Menschen, die die Symptomatik nicht im jugendlichen Alter verlieren. Wir steuern also auf eine Generation von jungen Erwachsenen zu, die ohne die Tabletten nicht leben und arbeiten können. Dazu kommen teils schwere Nebenwirkungen: Unruhe, Psychosen, Appetitlosigkeit, Verfolgungswahn, Herzrhythmusstörungen. Sogar schlaganfallähnliche Symptome können auftreten. Da fragen wir uns: Was tun wir da eigentlich unseren Kindern an, die doch unser höchstes Gut sind. 

Helga König: Was verstehen Sie unter dem Begriff "Helikopter-Eltern" und wo liegt deren Erziehungsfehlverhalten? 

Astrid Renerath: Was wir erschreckend fanden: Die Hälfte der deutschen Kinder bis 14 Jahren hat noch nie auf einem Baum gesessen. Das hat eine Umfrage unter Eltern ergeben. Als Grund nannten die Eltern, dass sie zu viel Angst hätten, dass die Kinder sich verletzen könnten. Unsere Kinder werden heute von Eltern, die wie „Helikopter“ ständig um sie herumschwirren, oftmals überbehütet. Diese Eltern meinen es sicher gut. Sie haben große Sorgen um das Wohl der Kinder, aber sie nehmen ihnen gleichzeitig die Chancen eigene Erfahrungen zu sammeln und dabei zu lernen. 

Helga König: Wie reagieren Lehrer auf verhaltensauffällige Kinder, welche Erwartungshaltung haben sie Eltern gegenüber? 

Beate Frenkel
Beate Frenkel:  Lehrer stehen heute vor sehr großen Klassen, haben viel Lernstoff – auch nochmal mehr durch die verkürzten Schuljahre – den sie mit den Kindern durchziehen müssen. Außerdem sind sie ja auch noch durch „Pisa“ einem großen internationalen Konkurrenzdruck ausgesetzt. Da mangelt es ihnen leider oft an der Zeit, sich mit der Verhaltensauffälligkeit eines Kindes auseinander zu setzen. Sie wünschen sich daher oft von den Eltern, dass die ihr Kind in den Griff bekommen. Doch Eltern sind ja oftmals genauso ratlos und überfordert. Da brauchen Eltern und Lehrer Unterstützung, um dem Kind zu helfen. Die Politik muss hier dringend etwas tun. Es kann z.B, nicht angehen, dass in Deutschland ein Schulpsychologe durchschnittlich 8.600 Schüler betreut! Das ist viel zu wenig und wir sind damit Schlusslicht in Europa. Und wir brauchen dringend auch kleinere Klassen und mehr Lehrer an den Schulen. Hier muss die Politik einschreiten, denn die Kinder sind unsere Zukunft! 

Helga König:  Wie wirkt sich Ritalin auf die Kreativität von Menschen aus?

 Astrid Randerath
Astrid Randerath: Die Kinder schlucken Tabletten, die nicht für sie gemacht sind und von denen wir nicht wissen, was sie langfristig in den wachsenden Kinderhirnen bewirken. Wir haben mit vielen Kindern und Jugendlichen gesprochen, die unter den Tabletten gelitten haben. Ein junger Mann, heute 19 Jahre alt, hat uns gesagt, er habe seine Kindheit und Jugend wie ferngesteuert, wie in Trance verbracht. Heute ist er ein toller junger Mann, der Klavier spielt, sportlich ist und Naturwissenschaften studiert- nur dies Talente konnte er als Kind nie entwickeln, sondern erst jetzt wo er die Tabletten nicht mehr schluckt. Man muss sich klar darüber sein, dass diese Psychopharmaka schwerwiegende Nebenwirkungen haben können. 

Immer mehr Kinder bekommen beispielsweise Neuroleptika verordnet, die auch als Gehirnweichmacher bezeichnet werden. Bei erwachsenen Patienten hat man festgestellt, dass die Hirnmasse schrumpft. Und diese Medikamente bekommen jetzt immer mehr verhaltensauffällige Kinder. Die Nebenwirkungen sind wirklich erheblich. Wir beschreiben in unserem Buch zum Beispiel die Geschichte von Josh, dem Brüste wuchsen. Er hatte mit 14 Jahren Körbchengröße C, hat furchtbar gelitten darunter und musste die Brüste amputiert bekommen. Seine Eltern klagen deshalb gegen den Hersteller sowie über tausend andere Eltern auch. Das hat das Pharmaunternehmen schon viele Millionen gekostet. Aber das Geschäft auf dem Rücken der Kinder geht weiter. Es lohnt sich offenbar trotzdem. 

Helga König: Sie schreiben in dem Buch noch von vielen anderen Medikamenten, die Kindern verabreicht werden, um größer, besser, ruhiger und schöner zu werden. Woher kommt dieser Wunsch nach Perfektion, ist es ein Ergebnis der Werbung? 

Beate Frenkel: Daran hat die Pharmaindustrie maßgeblich mitgewirkt. Der Pharmamanager einer großen Firma hat uns vor Jahren gesagt, "Jetzt knöpfen wir uns die Kinder vor. Die machen wir zu Kranken.“ Das hat offensichtlich funktioniert. Da wird ein Milliardengeschäft mit unseren Kindern gemacht. Es gibt immer mehr neue Krankheiten. So haben Kinder, die öfter mal wütend sind, neuerdings eine sogenannte "Launenderegulationsstörung" und dagegen gibt es auch schon die passenden Medikamente. Das hat Methode. Für all diese Diagnosen gibt es ein amerikanisches Handbuch für Psychiater – an dem orientieren sich auch deutsche Ärzte. Jetzt ist rausgekommen: Die meisten Ärzte, die an diesem Handbuch schreiben, kriegen Geld von der Pharmaindustrie. Das heißt: mit neuen Krankheiten wird ein neuer Markt geschaffen, auf dem sich viel Geld verdienen lässt – auf Kosten unserer Kinder. 

Helga König:  Welche Möglichkeiten haben Eltern, um ihre lebhaften Kinder vor Ritalingeschützen zu bewahren? 

Astrid Randerath: Wir raten Eltern, sich auf gar keinen Fall zu Medikamenten drängen zu lassen, sondern sich eine zweite ärztliche Meinung einholen. Bei der Arztwahl ist darauf zu achten, dass der Arzt pharmakritisch ist, zum Beispiel der Gruppe "Mein Essen zahl ich selbst" (MEZIS e.V.) angehört. Viele Eltern schämen sich, doch damit sie Hilfe bekommen, sollten sie das Tabu brechen. Nur so können wir unseren Kindern helfen, die doch das Wichtigste sind, was wir haben.

Liebe  Beate Frenkel, liebe Astrid Randerath,  herzlichen Dank  für das aufschlussreiche Interview

Ihre Helga König

Fotos: Privat

PS:  Das Buch hat die Glücksforscherin Simone Langendörfer und mich  dazu veranlasst, eine Spezialinterviewseite auf "Buch, Kultur und Lifestyle" einzurichten. Sie  trägt den Titel "Wann ist eine Kindheit kindgerecht?" . Dort schließen wir uns  Ihrem Engagement seit dem 15.6.2015 an. Erste Resonanz hat es bereits gegeben.

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