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Helga König im Gespräch mit Tina Soliman über Ihr Buch "Der Sturm vor der Stille"

Liebe Frau Soliman, kurz vor der Buchmesse 2014 haben Sie Ihr zweites Buch zum  Thema Kontaktabbruch verfasst, mittlerweile mit weiteren Betroffenen, aber auch mit namhaften Psychologen gesprochen und sich in zahlreiche bemerkenswerte Bücher vertieft, die ich kenne und im Laufe der Jahre zum Teil rezensiert habe. Ihr neues Buch  "Der Sturm vor der Stille" habe ich bereits rezensiert und möchte Ihnen einige Fragen dazu stellen.

Link zur Rezension "Der Sturm vor der Stille": 

Helga König: Sie haben in Ihrem Literaturverzeichnis u.a. das von mir seit langer Zeit hochgeschätzte Buch "Die Masken der Niedertracht"“ von Marie-France Hirigoyen angeführt und beziehen sich in Ihrem Buch auch immer wieder auf Untersuchungsergebnisse von Hirigoyen. Welche Erkenntnisse hat Ihnen das Buch im Hinblick auf Kontaktabbruch generell gebracht?

 Tina Soliman
Foto:  Monique Wernbacher
Tina Soliman:  Marie-France Hirigoyen hat einen sehr unbarmherzigen Blick auf Beziehungen zwischen Menschen, aber eben auch einen sehr entlarvenden. Sie beschreibt, wie ein Mensch einen anderen Menschen subtil vernichten kann, ohne sichtbare Spuren. Hirogoyen spricht im Bezug auf die Kontaktverweigerung von einer "sauberen" Gewalt: Man sieht nichts, keine ärztlichen Protokolle, keine Augenzeugen, keine sichtbaren Verletzungen. Keine Spuren, kein Blut, kein Leichnam. Der Tote ist ja dem Augenschein nach lebendig!

Eine Leserin erzählte mir von ihrem tyrannischen Mann, der sie am Ende dazu brachte, sich als absolute Versagerin zu fühlen. Er demontierte sie nach und nach. Nach 20 Jahren Ehe kannte er ihre Schwachstellen, ihre wunden Punkte. Ziel und Zweck seines sadistischen Verhaltens war, wie sich später herausstellte, das Sorgerecht für die beiden Kinder.

Diese Methode wenden gern Männer an, so die Psychoanalytikerin Hirigoyen. Dabei nutze der eine die Schwächen des anderen aus. Er bringt ihn so weit, dass er an sich selbst zweifelt, um dann seine Abwehr zu zerstören.

Das Opfer - wie Hirigoyen den Verlassenen bezeichnen würde - verliert zunehmend an Selbstvertrauen und gerät in derartige Verwirrung, dass es seinem Aggressor eigentlich nur Recht geben kann: Ich bin eine Null!

Ein weiterer Grund, die Schwachstellen des anderen aufzudecken, kann natürlich auch sein, dass man von den eigenen ablenken will. Die Methode, den anderen so zu destabilisieren, dass er nicht mehr klar denken kann, beschreiben vor allem Männer. Ein Betroffener, der mir seit Jahren von seiner Funkstille-Problematik (seine Freundin verließ ihn plötzlich) berichtet, hatte gar das Gefühl, sich am Ende aufgelöst zu haben. Er wusste nichts mehr, traute sich nichts mehr zu, hielt sich für komplett unfähig.

Hirigoyen beschreibt ja vor allen Dingen die subtile Manipulation des Abbrechers, der durch Unklarheit und Unzuverlässigkeit den anderen buchstäblich in den Wahnsinn treibt. Tatsächlich beschreiben viele Leser, die unter der psychischen Unzuverlässigkeit eines ihnen vermeintlich nahen Menschen leiden, ein Gefühl der Angst, eines ständigen Auf-der-Hut-Seins, eines ständigen Beobachtens des anderen: Welchen Gesichtsdruck hat er oder welche Tonlage hat seine Stimme? Sie fürchten seine Kälte, wenn sie seinen Erwartungen nicht entsprechen, und doch wundern sie sich am Ende, dass die Freundschaft oder Beziehung schief gegangen ist.

Andere sind darüber erstaunt, dass sie zum Spielball einer perfiden Manipulation geworden sind. Sie wurden getäuscht und missbraucht. Wahrscheinlich ist das der wahre Schock. Ein Leser beschrieb die Funkstille als einen "Mord an der Seele". Übertrieben? Nein! Keiner der Experten, die ich befragte, fand das überzogen. Ein Mord setzt die Absicht voraus, den anderen zu vernichten. Und tatsächlich bezeichnet Professor Martin Teising die Funkstille ohne Umschweife als eine Form der Vernichtung. 

Und auch Prof. Hantel-Quitmann, der renommierte Psychologe und Familientherapeut, findet klare Worte: „Kommunikation und Kooperation sind Grundvoraussetzungen für Menschlichkeit! Wir sterben ohne das!“ Hugo Grünwald, Professor an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, stuft nur "den reinen Akt des Tötens" als verletzender ein als den Akt des Schweigens. Und für die Psychoanalytikerin Hirigoyen ist das Schweigen eine perverse Gewalttat, nicht sichtbar, dafür aber effektiver als jeder Hieb in den Magen. 

Der Angreifer mache sich an die Identität des anderen heran, um ihn dann jeder Individualität zu berauben. Dies sei ein Prozess seelischer Zerstörung. "Und wer ein Ding zerbricht, um herauszufinden, was es ist, hat den Pfad der Weisheit verlassen", heißt es. 

Helga König:  Zu welchen neuen Erkenntnissen gelangten Sie durch Prof. Dr. Hantel-Quitmann?

Tina Soliman: Man könne, so erklärte mir der Psychologe Wolfgang Hantel Quitmann, drei Abbrecher-Typen beschreiben. So gäbe es den "normalen Abbrecher", den ängstlichen bzw. neurotischen und denjenigen, der Kontakte abbricht, weil er unter einer Persönlichkeitsstörung leidet. Der „normale Abbrecher“ ist derjenige, der in einer Beziehung über längere Zeit verzweifelt versucht hat, seine Bedürfnisse und Verletzungen zu kommunizieren und darin nicht gehört wurde. 

Er oder sie weiß sich nicht anders zu helfen, als die dauerhaft unbefriedigende und unglücklich machende Situation mit Schweigen zu beenden. „Normale Abbrecher“ fliehen auf diese Weise mitunter auch aus der Beziehung mit persönlichkeitsgestörten Menschen, etwa solchen, die als Narzissten nur um sich selbst kreisen und nicht in der Lage sind, Beziehungen zu anderen einzugehen. 

Die zweite Variante des Abbrechers, die neurotische oder angstgesteuerte, liegt vor, wenn derjenige, der den Kontakt abbricht, selbst gar nicht weiß, warum er das tut. Da gibt es etwas, das ihn oder sie dazu treibt, aber was das ist, bleibt erst einmal unbekannt. Die dritte Variante des Kontaktabbruchs betrifft Menschen, die unter einer Persönlichkeitsstörung leiden, etwa schizophren sind, eine Borderline- oder eine narzisstische Persönlichkeitsstörung haben. In diesen Fällen gilt, dass die Betroffenen gewissermaßen in ihrer eigenen Welt leben. Letztlich können nur sie selbst verstehen, warum sie etwas Bestimmtes tun. Menschen mit Näheangst sind also dafür prädestiniert abzubrechen, gleichzeitig aber auch dafür; verlassen zu werden, denn auch sie tun etwas gegen Nähe. 

Helga König: Haben Sie in Ihren Gesprächen mit Betroffenen feststellen können, dass bei zumindest einem der Beteiligten Narzissmus eine Rolle spielte und falls ja; wie äußert sich dieser erkennbar für Dritte?

Tina Soliman:  Bei der Funkstille ist oft das Selbstbild des Abbrechers gravierend beeinträchtigt – übrigens nicht selten auch durch das Verhalten des später Verlassenen! Minderwertigkeitskomplexe sind die Grundlage für Narzissmus. Grundsätzlich aber möchte ich den plötzlichen Kontaktabbruch nicht pathologisieren. Dies ist nur der Fall bei einer Gruppe, in die auch Borderliner und Schizoide gehören. Sie verfahren nach dem Prinzip: "Ich will mich nicht einlassen, aber ich lasse dich auch nicht gehen." Sie brechen den Kontakt ab, weil auf diese Weise eine Verbindung gehalten wird, und sei es nur eine, die aus Schmerz, Wut und Leere besteht. Menschen mit schizoidem Charakter, Borderliner und eben auch Narzissten zeichnet eine Angst vor Nähe aus. 

Über schizoide Charaktere und Narzissten habe ich bereits im Funkstille-Buch gesprochen. Sie ziehen einen Menschen an, suchen bedingungslose Nähe, um den anderen dann umso heftiger wieder wegzustoßen. Beziehungen werden ersehnt, um Einsamkeitsängste zu mildern, zugleich aber gefürchtet, weil sie abhängig machen und ihr Verlust das Selbstwertgefühl zu sehr bedroht. Der sich nähernde Partner wird als Angreifer abgelehnt, während sich sehnsüchtige Hoffnungen auf ihn richten, sobald er sich entfernt. Ein Nähe-Distanz-Spiel, das sehr zerstörerisch sein kann, für beide Seiten. Das Ende einer Beziehung wird dann als Beweis dafür betrachtet, dass im Leben eben nichts von Wert und nichts von Dauer ist. Folgt man dieser Logik, könnte man das Leben genauso gut auch sein lassen, weil es ja bekanntlich ohnehin mit dem Tod endet. Vielleicht wäre es der Mühe wert, einmal genauer zu ergründen, inwieweit hinter der Angst vor Nähe letztlich die Angst vor dem Tod steckt.

Noch einmal speziell zum Narzissten. Bei der Funkstille geht es vor allem um Anerkennung und Abwehr – insofern handelt es sich auch um die Problematik des Narzissten. Der Mensch braucht Anerkennung, und die Funkstille ist geradezu das Gegenteil, denn der andere wird ja, dem Augenschein nach ignoriert, dies wiederum von demjenigen, dem durchschnittliche Aufmerksamkeit nicht ausreicht, und dem Anerkennung alles bedeutet. Der Narzisst reißt nicht nur jegliche Aufmerksamkeit an sich, er richtet auch die eigene Aufmerksamkeit ausschließlich auf sich. Er braucht die Anerkennung wie die Luft zum Leben. Fragte man ihn, für was er Anerkennung suche, würde offenbar, wie schmerzlich diese Frage für ihn ist. Unvollkommenheit macht den narzisstisch Gestörten nervös, denn das erinnert ihn an die eigene Unvollkommenheit, für die er sich schämt. Deshalb muss er sie ausmerzen. 

Nur leider schwindet mit der Prozedur der Auslöschung des Fehlerhaften auch alles Liebenswerte. Unbewusst ist das vielleicht auch gewollt, denn die Gefahr der Nähe liegt darin, dass der andere die so mühsam verborgenen Schwächen erkennt. Absurd: Der Narzisst lechzt nach Anerkennung derer, die er vermeintlich verachtet, für die er sich gar nicht interessiert, die er abwerten muss, um sich aufzuwerten. Offensichtlich ist, dass Neid Folge eines Minderwertigkeitsgefühls ist, da der andere ja über etwas verfügt, das man nicht hat. Besäße aber der Narzisst z.B. die Fähigkeit des anderen, gemocht zu werden, beliebt zu sein, empfindsam zu sein, anderen nah zu sein, könnte er damit gar nichts anfangen! Er begehrt also etwas, was er gar nicht verwerten kann. Ihm fehlt das emotionale Werkzeug. Er beneidet den anderen um ein Leben – vielleicht sogar um das Leben –, was er nicht hat und nie haben kann, weil er ist, wie er ist. 

Helga König:  Spielen bei Kontaktabbrüchen stets Grenzüberschreitungen eine Rolle und äußern diese sich immer erkennbar für Dritte?

 Tina Soliman
Foto: Monique Wernbacher
Tina Soliman: In den häufigsten Fällen ist der Kontaktabbruch die Folge eines unglücklich verlaufenen Miteinanders, eines Geflechts aus gegenseitigen Verletzungen, Missachtungen, des Gefühls, vom anderen nicht wahrgenommen zu werden. Viele Abbrecher-Kinder klagen darüber, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht gesehen wurden und die Eltern offenbar ein "anderes Kind" wollten, eines, das ihre Vorstellungen erfüllt. Aus diesem Grundgefühl des Sich-nicht-verstanden-Fühlens kann auch Jahrzehnte später der Kontakt abgebrochen werden. Irgendwann geben diese erwachsenen Kinder erschöpft auf. Funkstille. 

Lebensbestimmende Erfahrungen sind eben oft von leiser Art. Erst nach und nach entfalten sie ihre grundstürzende Wirkung. Die Lappalie ist vielleicht der Auslöser, doch keineswegs der eigentliche Grund für das plötzliche Abtauchen der vertrauten Person. Anja, eine Betroffene, mit der ich seit drei Jahren Kontakt habe, hat vor vielen Jahren den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen, weil diese ihre Wünsche und Bedürfnisse ignoriert hat. Anja wollte ausbrechen aus einer Welt, die ihr zu klein wurde, sich ausprobieren, reisen. Ihre Mutter aber erwartete, dass Anja eine Lehre macht und im Dorf bleibt. Die Mutter sah Anja als ihr erweitertes Ich. Hinzu kommt, dass Anjas Vater die Mutter – schwanger – verlassen hatte – eine erste Funkstille! Anja trägt schwer am Schicksal der Mutter und fühlt sich auch schuldig. 

Die Grenzüberschreitung und die Abwehr der Mutter, die es schon seit der Geburt gab, begann sehr früh. Tanja spürte das. Deshalb macht es Sinn zu schauen, wo die Funkstille begann, wann der Riss in die Beziehung kam. Anja wollte mit dem Bruch erst einmal den Kontakt - und den damit verbundenen Schmerz - einfrieren. Im ersten Buch erklärte ich: Die Funkstille ist in erster Linie ein Notsignal, das besagt: Bitte höre, was ich nicht sage. Doch Signale gab es schon vor der Funkstille. Sie wurden jedoch im Alltag des Miteinanders überhört, auch offensichtliche Zeichen nicht wahrgenommen oder, wenn sie doch bemerkt wurden, schnell wieder verdrängt. 

Anjas Mutter, die ich traf, hat "keine Ahnung, welche Laus ihr über die Leber gelaufen ist". Anjas wortloser Appell an ihre Mutter lautet: "Liebe mich, wie ich bin! Akzeptiere mich! Nimm mich wahr! Sehe mich! Ihr Kontaktabbruch erwuchs aus einem längeren inneren Prozess und ist somit für Anja auch plausibel. Für die Mutter, die an diesem Prozess aber nicht teilnehmen konnte – oder wollte –, macht der Abbruch keinen Sinn. Kontakt muss Sinn machen. Kontaktverweigerung auch. Offensichtlich ist auch, dass die Funkstille als "Lösung" immer wieder in Familien auftaucht, in denen sie schon einmal oder gar mehrfach praktiziert wurde. Man wird verlassen oder geht seinerseits. Ein Muster, das, wird es nicht durchbrochen, sich immer wiederholt. Das Rüstzeug dafür, Konflikte anders zu lösen als durch Weggehen, wurde nicht erlernt. Anjas Leben begann mit einem Weggang! 


Helga König: Weshalb ist es so schwierig, für die Beteiligten rechtzeitig über Kränkungen zu sprechen oder werden Kränkungen kommuniziert, doch der Akteur nimmt das Gesagte nicht wahr, welche Eindrücke konnten Sie sammeln?

Tina Soliman:  Meist wird nonverbal kommuniziert, dass die Beziehung, so wie sie sich darstellt, unerträglich geworden ist. Für den Abbrecher mögen es deutliche Signale gewesen sein, aber die Verlassenen empfinden den Abbruch meist als plötzlich, was auch daran liegen mag, das der Verlassene die Zeichen nicht dechiffrieren kann oder will. Die meisten Funkstillen passieren aber nicht aus "heiterem Himmel". Oft sind sie seit Monaten oder gar über Jahre vorbereitet. Der Bruch scheint zwar im Affekt zu passieren, doch – wie bei einem Schläfer, der einen Terroranschlag vorbereitet – ist das Ende über eine längere Zeit vorbereitet. Der Auslöser ist nur der Moment der Entladung! 

Eine Frau, die plötzlich nach 15 Jahren verlassen wurde, bezeichnet ihren Ex-Mann tatsächlich als einen "Schläfer". Sie selbst kann kaum fassen, dass sie nicht bemerkt hat, wie er das Attentat – auf sie – vorbereitet hat. Dagegen wundern sich viele Abbrecher, die mir schreiben, über die vermeintliche Fassungslosigkeit der Verlassenen. In ihren Augen hatten sie mehr als einmal kommuniziert, dass sie die Beziehung so nicht weiter führen wollen. Doch oft waren die Botschaften verschlüsselt. 

Einige Abbrecher geben auch zu, dass sie eher eine Illusion der Kommunikation aufgebaut, Austausch bewusst unterbunden haben, um die "Entdeckung" der Bombe zu verhindern. Hinzu kommt: Nicht immer sind dem Abbrecher selbst eigene Reaktionen klar. Es gibt Verletzungen, die in der Vergangenheit liegen und die der Abbrecher auf die Gegenwart überträgt. Er reagiert gereizt und verletzt, weiß aber nicht warum. Das hat mit den sogenannten Triggerpunkten zu tun – die Sie in Ihrer nächsten Frage aufgreifen. 


Helga König: Ja, Sie erwähnen in Ihrem Buch so genannte „Triggerpunkte“. Unverarbeitete längst vergangene Beziehungen können Anlass für einen Abbruch sein, der durch ein bestimmtes Ereignis oder Verhalten hervorgerufen werden kann. Können Sie Beispiele nennen?

Tina Soliman: Triggerpunkte spielen vor allen bei den Abbrechern eine Rolle, die neurotisch reagieren, wobei die Motive des eigenen Handelns ihnen nicht unbedingt bewusst sein müssen. Prof. Hantel-Quitmann erzählte mir die Geschichte von einer Frau, die ihren Mann verlassen hat, als ihre Tochter in einem Alter war, in dem sie selber das Weggehen des Vaters erlebt hat. Eine andere Frau hat kurz vor dem 4. Geburtstag ihrer Tochter ihren Mann verlassen. In der Therapie kam heraus, dass ihr eigener sexueller Missbrauch mit vier Jahren begann. Sie ging ohne ein Wort, weil sie ihrem Mann nicht erklären konnte, warum sie fliehen musste. Sie wusste es ja selbst nicht. Dieses Phänomen nennt man in der Psychotherapie den Anniversary-Effekt (Jahrestag). Dabei handelt es sich um eine mehr-generationelle Wiederholung. Man weiß nicht, warum man etwas tut, und leidet darunter. Dies ist ganz klar eine neurotische Angelegenheit: wo die Angst etwas steuert und mir aber nicht klar ist, warum ich Angst habe. Bei der Funkstille geht es – wie im ersten Buch beschrieben – immer auch um Angst.

Helga König: Sie nennen Ihren Titel nicht grundlos „Der Sturm vor der Stille“. Was bedeutet das konkret? 

 Tina Soliman
Foto: Monique Wernbacher
Tina Soliman: "Es geht mir um den inneren Sturm bevor einer bricht – eventuell auch um die qualvolle Zeit des Verlassenen vor dem Bruch – wenn er merkt, dass der andere ihn mit aller Gewalt in die Flucht treiben will."

Helga König: Können Kontaktabbrüche auch eine Art Abstrafung sein oder sind es eher lebensrettende Maßnahmen?

Tina Soliman: Natürlich gibt es auch Abbrecher, die Wert darauf legen zu betonen, dass sie sich nach dem Abbruch wie befreit fühlten und die Funkstille die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen sei. Die Funkstille sei gar ein Menschenrecht, schrieb ein wütender Abbrecher. In erster Linie aber wollen Abbrecher erst einmal für sich klare Verhältnisse schaffen. Wenn ich das Gefühl habe, chronisch im falschen Film zu sein, chronisch missverstanden zu werden, mit meinen Bedürfnissen nicht verstanden zu werden, dann muss ich irgendwann gehen, um mich selbst zu retten. Ich muss gehen, um mir selber treu zu bleiben.

Man sagt: Ich will nicht mehr. Genauer formuliert heißt das: Ich will nicht mehr so! "Ich fand die Worte nicht, also habe ich gehandelt und damit erklärt, dass ich den Kontakt nicht mehr ertragen kann. Das heißt aber nicht, dass ich den Kontakt nicht will. Wie soll man das verständlich in Worte fassen?“ erklärt die Abbrecherin Anja. 

Das Drängen der Mutter nahm ihr die Luft zu atmen und damit die Fähigkeit, ihren Schmerz auszusprechen. Es gibt Menschen, die der Welt abhanden kommen, weil sie ihnen zu viel geworden ist. Die Sprachlosigkeit der Abbrecher ist meist kein aus freien Stücken gewähltes Schicksal oder gar ein banales Kommunikationsproblem, sie ist vielmehr Ausdruck eines schmerzlichen Verlustes, einer Angst vor Verlust und einer tiefen Trauer. Die empfundene Hilf- und Hoffnungslosigkeit können nicht in Worte gefasst werden. Das Problem dabei ist, dass die andere Seite dies nicht versteht, auch nicht verstehen kann, wenn Angst und Trauer eben nicht gezeigt werden. Sprachlosigkeit hat auch etwas mit der eigenen Biografie zu tun. 

Wächst ein Kind in einer Umgebung auf, in der Grundbedürfnisse, wie zum Beispiel das nach Bindung, missachtet werden, wird es im Zuge des Heranwachsens Verhaltensweisen entwickeln, die weitere Verletzungen vermeiden helfen. Und da man sich den Eltern oder aber den eigenen (erwachsenen) Kindern schwerlich anderweitig entziehen kann, ist die Funkstille oft das einzig probat erscheinende Mittel. "Würde meine Mutter versuchen, Kontakt aufzunehmen, würde sie versuchen mich zu verstehen und mir Fragen stellen, wäre ich bereit, mich dem zu stellen. Denn genau diese Appellfunktion hat mein Abbruch. Könnte ich wählen zwischen Kontakt und keinem Kontakt, wäre die Antwort klar: "Kontakt!“, erklärte mir Anja. 

Es gibt aber auch Menschen, die Schweigen ganz bewusst als Waffe einsetzen. Schweigen ist häufig das Werkzeug des Narzissten, auch von Sadisten (s. vorherige Fragen). Der gezielte Einsatz des Schweigens kann als Waffe und vor allem als Manipulationswerkzeug genutzt werden. Der Narzisst schweigt, um seine Gekränktheit zu demonstrieren, aber auch, weil ihm die anderen kein Wort wert sind. Das Schweigen hat eine immense psychodynamische und emotionale Kraft, die stark verunsichern kann und nicht wenige Menschen sogar vollends aus der Bahn wirft. 

Es gibt einige wenige Zuschriften von Abbrechern, die zugeben, dass es ihnen Spaß gemacht hat zu sehen, wie der Verlassene auf der Suche nach einer Erklärung nach und nach den Boden unter den Füßen verlor und am Ende kopflos und erniedrigt den Kampf aufgab. Doch zuvor war oft das Machtgefälle umgekehrt! Schweigen ist in erster Linie eine Kränkung, selbst wenn es eine Folge von Kränkungen ist. 

Helga König: Neigen Kontaktabbrecher dazu, ihr Verhalten im Anschluss an den Abbruch zumindest schriftlich zu erläutern oder gehen sie eher kommentarlos ihrer Wege ?

Tina Soliman: ...nur wenn der Bruch kommentarlos passiert, spreche ich von einer Funkstille! Insofern... . 

Helga König:  Verheilen die Wunden eines Kontaktabbruchs, wenn man sich für Loslassen als Ende der Funkstille entscheidet oder ist Loslassen für die Beteiligten unmöglich, solange kein endgültiger verbalisierter Abschluss erfolgt?

Tina Soliman:  Mich fragten viele Betroffene: Kann man mit der Funkstille leben? Die Antwort ist: JA! Dennoch ist die Funkstille kein brauchbares Konfliktlösungsmittel, denn beide Seiten, Verlassener wie auch der Abbrecher, bleiben in belastender Weise miteinander verbunden. Aber dennoch berichten viele Abbrecher, dass sie durch den Kontaktabbruch inneren Frieden gefunden hätten, dass eine Schwere aus ihrem Leben gewichen sei und dass sie ohne Manipulation, Überwachung, Kontrolle besser lebten, auch wenn der Verlust sie schmerze. Und auch Verlassene erklären, dass sie loslassen und abschließen konnten, meist dann, wenn sie aufgehört haben, nach dem Auslöser der Funkstille zu suchen, nach den Gründen, nach ihren eigenen Fehlern. 

Es geht bei der Bewältigung der Funkstille-Problematik sicherlich auch darum zu lernen, zu akzeptieren, dass es nicht für alles eine Erklärung gibt, und es geht um die Akzeptanz der Polarität des Lebens. Das Gute und das Schlechte gehören zum Leben, ohne Enttäuschung und Trauer ist das Leben nicht zu haben. Wenn man aber die Funkstille wirklich durchdringen will, gibt es wohl nur eine Möglichkeit: Man kommt nur raus, indem man reingeht – wie bei vielen Konflikten. Denn natürlich ist es ungesund, Konflikte nicht zu verarbeiten. Die Funkstille ist ja leider ein besonders "beliebtes" Konfliktlösungsmittel in Familien. 

Die Verhaltensweisen werden fortlaufend wiederholt, wenn man das Muster nicht durchbricht. Dazu gehört natürlich, sich die wunden Punkte in den Biografien der Familien anzuschauen. Auch gibt es die Gefahr der seelischen Infektion: Der Kranke kränkt den Gesunden so sehr, dass auch dieser erkrankt und beginnt, mit den Kampftechniken zurückzuschlagen, die er vom Aggressor gelernt hat. Es ist allerdings nicht ratsam, sich der Waffen des anderen zu bedienen. Und es ist auch nicht empfehlenswert, sich bei Gesprächsverweigerung ungefragt zu "verteidigen", denn damit gerät man immer wieder von neuem in die Schusslinie desjenigen, der schweigt. 

Hinzu kommt, dass immer gleiche Verhaltensmuster offenbar immer wieder bestimmte Reaktionen provozieren – ein verhängnisvoller Kreislauf, der schwer zu durchbrechen ist, wenn man nicht reingeht und ihn unterbricht. Übrigens ist auch nicht jede Wahrheit besser als Schweigen. Es gibt ungeliebte oder ungewollte Kinder. In solchen Fällen sollte man sich gut überlegen, ob die Wahrheit tatsächlich besser ist, oder? Andererseits: Wenn Menschen Sinn in einer Handlung sehen, können sie sehr vieles durchstehen und bewältigen, ohne Sinn jedoch kaum etwas. Ich denke letztendlich auch, dass wir akzeptieren müssen, dass Beziehungen sich verändern, so wie auch Menschen psychische Wesensveränderungen durchmachen. Und, weil das viele Leser fragen: Nicht jeder, der einen Kontaktabbruch erlebt, braucht eine Psychotherapie, und natürlich leidet nicht jeder der Betroffenen unter einer Persönlichkeitsstörung. 

Doch sämtliche Fachleute, die ich befragt habe, betonten, dass es eher nicht "normal" sei, Beziehungen mit einem plötzlichen Abbruch zu beenden. Wenn also auf der Abbrecher-Seite der Leidensdruck hoch ist – und er ist es, wie die Zuschriften meiner Leser beweisen –, dann ist es tatsächlich hilfreich zu schauen, woher dieser Druck und der Impuls, einfach wegzugehen, kommen. Der Abbrecher ist sich in seiner Nähevermeidung oft selbst fern. Er muss also herausfinden, wie es in ihm selbst aussieht. 

Sich einem Problem stellen heißt aber eben auch, es sichtbar zu machen – nicht jeder hat die Kraft oder den Mut dazu. Das gilt übrigens für beide Seiten. Für Verlassene mag es das Beste sein, damit aufzuhören, den anderen im inneren Gespräch zur Rechenschaft zu ziehen oder es ihm in einem hilflosen Schattentheater heimzahlen zu wollen. Der Abbrecher weiß ja häufig gar nichts vom selbstzerstörerischen Ärger des Verlassenen. Auch wenn es unmöglich erscheint: Hilfreich kann dabei sein, an das Gute zurückzudenken, das man mit dem anderen Menschen erlebt hat und es wertzuschätzen. 

Entscheidend scheint zu sein, dass wir lernen, mit Abhängigkeiten umzugehen, sie wertzuschätzen, wenn sie uns Freiheit bedeuten und sie zu beenden, wenn sie einengen. Mit der Funkstille weiterzuleben, ohne an ihr zu verzweifeln, bedeutet zuzulassen, dass der andere eine andere Wahrnehmung, eine andere Wahrheit hat als ich selbst. Letztlich bedeutet es auch, mehrere Realitäten zuzulassen, sich von einem Bild, das man von dem anderen hatte – und aus dem er vielleicht ausbrechen musste, weil es seinem Selbstbild nicht entsprach – Abschied zu nehmen. 

Liebe Frau Soliman, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Interview:
Ihre Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Klett-Cotta- Verlag und können das Buch dort direkt bestellen.  http://www.klett-cotta.de/buch/Gesellschaft/Der_Sturm_vor_der_Stille/48970
Es ist aber auch in allen Buchhandlungen erhältlich.






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