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Helga König im Gespräch mit Claus Peter Simon, geschäftsführender Redakteur des Magazins GEO Wissen und Autor des Buches "Woher kommt die Liebe ?"

Lieber Herr Simon, dieser Tage habe ich Ihr Buch "Woher kommt die Liebe?" rezensiert. Dazu möchte ich Ihnen heute einige Fragen stellen.

Helga König:  Gibt es nach Ihren Erkenntnissen Menschen, die gefühlsarm oder gefühlsblind sind und sind diese Personen nach Ihrer Erfahrung im Leben benachteiligt und falls ja weshalb?

 Claus Peter Simon
Foto: Chenxue You
Claus Peter Simon: Solche Menschen gibt es zweifellos. Man muss allerdings unterscheiden: Bei Psychopathen und Menschen mit Autismus oder dessen milden Form, Asperger, ist die Gefühlsarmut ein Symptom unter mehreren. Und dann gibt es Menschen, die stehen am anderen Ende des normalen Spektrums des Empfindens, sie sind sozusagen der Gegenpol zu jenen Empfindsamen mit hoher emotionaler Intelligenz. Solchen Menschen ist es kaum möglich, die Gefühle anderer richtig zu deuten und eigene Befindlichkeiten auszudrücken. Sie nehmen ihre Gefühle nur als diffuse Spannungszustände wahr, emotionales Unwohlsein äußert sich bei ihnen körperlich, durch Kopfschmerzen oder Schlafstörungen etwa. Oft haben sie dadurch gestörte Beziehungen zu anderen Menschen, und soziale Kontakte zu pflegen, fällt ihnen schwer. Psychologen nennen das Phänomen Alexithymie, griechisch für „keine Worte für Gefühle“.

Helga König: Was verstehen Sie unter leidvollen Gefühlen und wozu sind diese notwendig?

Claus Peter Simon:  Trauer, Mutlosigkeit, Einsamkeit, Angst und Liebeskummer sind Gefühle unter denen Menschen massiv leiden. Aber sie sind keinesfalls sinnlos. Einsamkeit etwa kann ein inneres Warnsignal sein, dass man die Unterstützung anderer zu verlieren droht. Das war vor allem in archaischen Gesellschaften wichtig ist, in denen ein Mensch längere Zeit nicht alleine überleben konnte. Und selbst eine so starke Emotion wie Trauer hat einen wichtigen Sinn: Sie festigt die Bande zu anderen Menschen, etwa zum Partner, wenn der für längere Zeit abwesend ist. Ohne Traurigkeit könnte man sich umgehend neu binden, es gäbe keine Beständigkeit, die aber für den Zusammenhalt etwa von Familien enorm wichtig ist. Trauer ist der Preis für die Liebe, könnte man sagen.

Helga König: Wenn das Mienenspiel noch heute als Königsweg zum Verständnis der Emotionen gilt, dann muss man feststellen, dass Kommunikation im Internet aufgrund dessen mit Problemen verbunden ist, weil man sich nur auf das geschriebene Wort beziehen kann. Was kann Sprache im Bereich der Emotion leisten?

Claus Peter Simon:  Das nur geschriebene Wort lädt sicherlich zu
emotionalen Missverständnissen ein – deswegen hat sich ja in der privaten Internet-Kommunikation die Nutzung von Emoticons etabliert, mit denen man zumindest rudimentäre Gefühlszustände ausdrücken kann. Aber ein ähnliches Problem gab und gibt es schon beim Telefonieren: Dabei hört man zwar die Sprache, sieht den anderen aber nicht. Auch dadurch geht schon viel emotionaler Gehalt verloren, telefonieren verlangt eine große Interpretationsleistung: Wie klingt die Stimme des anderen, was bedeutet das Schweigen, hat er gerade tief eingeatmet, wie ist wohl sein Mienenspiel?

Helga König: Sie  thematisieren in Ihrem Buch eine Vielzahl von Gefühlen, allen voran die Angst. Noch nie hat es so viele Angststörungen in unserer Gesellschaft gegeben wie heute. Was glauben Sie, worauf das zurück zu führen ist?

Claus Peter Simon: Es erscheint wie ein Paradox: Auf der einen Seite leben wir heute viel länger und ungefährdeter als jemals zuvor. Dafür aber haben wir eine Vielzahl neuer echter und vermeintlicher Gefahren geschaffen, vor denen wir Angst haben, etwa Atomkraftwerke, Straßenverkehr, Handystrahlung oder Zusatzstoffe in der Nahrung. Diese lösen eine Vielzahl von real fassbaren bis diffusen Ängsten aus. Hinzu kommt, dass man sich heute gegen alles und jedes versichern kann – was einen oft überhaupt erst auf die Idee kommen lässt, gegen was man Angst haben könnte. Wir leben ja generell in einem Zeitalter der Unübersichtlichkeit. Auch darauf reagieren wir mit Ängsten, weil die alten evolutionären Angstmuster, kämpfen oder fliehen, nicht weiterhelfen – etwa wenn wir tagelang auf das Ergebnis einer Untersuchung zur Krebsfrüherkennung warten.

Helga König: Weshalb sind gerade ängstliche Menschen als Künstler oder Wissenschaftler besonders erfolgreich und Zusatzfrage: War Einstein ein im Grunde ängstlicher Mensch?

Claus Peter Simon:  Angst ist eine ungeheuer starke Antriebskraft. Zu viel von ihr kann einen Menschen zweifellos lähmen, aber ein gewisses Maß an Angst kann die Schaffenskraft enorm fördern, gewaltige Energie und Kreativität freisetzen. Edvard Munch, der unter Ängsten und Depressionen litt, hat dem Gefühl in seinem berühmten Bild "Der Schrei" Ausdruck verliehen. Oder Steven Spielberg: Er war als Kind äußerst schreckhaft, musste sich beim Sezieren eines Frosches gar übergeben – und wurde einer der kreativsten und erfolgreichsten Regisseure überhaupt. Oder Robert Falcon Scott: Er hatte derartige soziale Ängste, dass er vor Festen Beruhigungsmittel nahm, erreichte aber als einer der ersten Menschen den Südpol. Wenn dem Menschen etwas gelingt, so kann er auf diese Weise seine Angst überwinden und Glück empfinden. Das Belohnungssystem im Gehirn verlangt dann nach Wiederholung, nach dem nächsten Film, der nächsten Komposition, der noch besseren Forschungsarbeit. Ob Einstein sonderlich ängstlich war weiß ich nicht.

Helga König: Werden einsame, isolierte Menschen zwingend krank oder können solche Menschen in ihrer Einsamkeit auch zu besonders kreativen Leistungen befähigt werden?

Claus Peter Simon:  In totaler Einsamkeit, in Isolation,
verkümmert ein Mensch nach kurzer Zeit seelisch und körperlich völlig, denn wir sind als Menschen ja zweifellos höchst soziale Wesen. Einsamkeit im Sinne des englischen "solitude"  meint aber eher den selbst gewählten Rückzug aus der Welt und gilt als Stärke der Persönlichkeit: Man muss es schließlich erst einmal mit sich selbst aushalten können. In dieser Art von Einsamkeit kann auch Kreativität gedeihen. So bemerkte Karl Lagerfeld vor einigen Jahren in einem Interview, das Zeiten von Einsamkeit für ihn die höchste der Form von Luxus sind, erst dies mache ihn zu dem, was er sei. Er findet also kreative Inspiration in der Stille für seine künstlerische Arbeit.

Helga König:  Ich habe vor Jahren ein sehr bemerkenswertes Buch über Scham gelesen, aus dem hervorging, dass sie Auslöser für Aggression sei. Können Sie das bestätigen?

Claus Peter Simon:  Eigentlich möchte man beim Gefühl der Scham ja am liebsten im Boden versinken. Allerdings erfordert diese Emotion immer den Blick eines anderen Menschen: Wir schämen uns für etwas und vor anderen, wenn wir etwa auf der Toilette sind aber vergessen haben abzuschließen und jemand tritt plötzlich ein. Dabei entfacht das Schamgefühl zum Teil heftige körperliche Reaktionen wie Erröten, ein beschleunigter Puls, Zittern und mitunter sogar eine unmittelbare Fluchtreaktion. Insofern ist es durchaus vorstellbar, dass die Betreffenden ihre Reaktionen auch nach außen richten, man sich etwa verächtlich über den Beobachter des eigenen Missgeschicks äußert oder ihn im Affekt gar körperlich angeht. In den meisten Fällen würde man aber wohl eher mit Rückzug reagieren.

Helga König: Vor einigen Tagen habe ich ein Buch rezensiert, indem 113 Fachleute sich zur Liebe äußern. Worin sehen Sie den Sinn der Liebe bei Entscheidungsfindungen?

Claus Peter Simon: Sie sprechen sicher von dem wunderbaren „World Book of Love“. Ich sehe weniger den speziellen Sinn der Liebe bei Entscheidungsfindungen, sondern den Sinn von Gefühlen an sich für Entscheidungen. Denn vor allem, wenn die Entscheidungsgrundlage unsicher ist und es viele Optionen gibt, ist es wichtig, auf seine Gefühle zu hören, denn der Verstand alleine wäre völlig überfordert. Der Verstand ist vor allem dazu da, die Fakten zu sammeln. Erst die Emotion, die wir dabei verspüren, sagen uns, was für uns richtig ist, auf diese Weise entstehen auch Bauchgefühl und Intuition. Und andersherum gilt: Menschen, die aufgrund einer Hirnschädigung nichts oder kaum noch etwas fühlen, sind oft nicht in der Lage, sich zu entscheiden.

Helga König: Sie haben vermutlich  nicht grundlos eine Sentenz des Philosophen Schopenhauer über das Kapitel Neid gesetzt."In Deutschland ist die aufrichtigste Form der Anerkennung der Neid". Gilt das heute noch immer und falls ja, lässt sich dies begründen?


Claus Peter Simon: Neid bedeutet ja, dass ich etwas gut finde, was ein anderer hat, ob das nun ein tolles Auto, ein gut bezahlter Job oder eine glückliche Beziehung ist. Und offenbar gibt es gewisse kulturelle Unterschiede, welche Ausprägung von Neid der Einzelne dabei empfindet. Da gibt es den eher gutartigen Neid, wobei der Neider den Beneideten bewundert und er danach strebt, demjenigen nachzueifern. Diese Neidform spricht man eher den US-Amerikanern zu, die daher auch wenig Schwierigkeiten haben, ihre Besitztümer ostentativ auszustellen. Auf der anderen Seite gibt es den übel wollenden Neid, das heißt, dem anderen wird sein Erfolg nicht so recht gönnt – das frustriert den Neider und macht ihn missgünstig. Man möchte zwar haben, was der andere hat, fast noch mehr wünscht man sich aber, dass der andere es nicht hat. Wenn in Deutschland von der Neidgesellschaft die Rede ist, so ist eher diese depressiv-lähmende und empört-rechtende Form von Neid gemeint. Da scheint mir ein Kern Wahrheit drin zu stecken. Möglicherweise gibt es da einen Zusammenhang mit den unterschiedlichen Gemütslagen: Die US-Amerikaner, die oft das Positive betonen, die Deutschen, die oft, vielleicht zu oft, das Negative betonen.

Helga König: Warum ist es wichtig, sich mit Emotionen, den eigenen und jenen seiner Mitmenschen intensiv auseinander zu setzen? 

Claus Peter Simon: Seine eigenen und die Emotionen anderer zu erkennen ist unerlässlich, um die Absichten all derer, mit denen wir es zu tun haben, richtig einschätzen zu können. Wer das nicht kann, versteht die Welt um ihn herum letztlich nicht. Seinen Gefühlen trauen zu können, ist daher entscheidend für das Glücksempfinden und die Lebenszufriedenheit. Unsere Emotionen navigieren uns gewissermaßen durchs Leben. Sie sind es, die verhindern, dass wir falsche Entscheidungen treffen und ins Unglück laufen. Sie machen uns zu mitfühlenden Wesen, befähigen uns zu einem gelingenden Zusammenleben.

Lieber Herr Simon, ich danke Ihnen für das  erhellende Interview.

Ihre Helga König
Fotos von  Claus Peter Simon: copyright: Chenxue You

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