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Helga König im Gespräch mit Birgit Albrecht, eine der 14 Autorinnen und Autoren von "Der neue Fischer Weltalmanach 2014"

Sehr geehrte Frau Albrecht, vor geraumer Zeit habe ich das Nachschlagewerk "Der neue Fischer Weltalmanach 2014" rezensiert. Sie sind als Autorin in diesem umfangreichen Werk für die Chroniken der nord- und westafrikanischen Staaten verantwortlich. Deshalb möchte ich heute einige Fragen an Sie richten.

Helga König:  Können Sie unseren Lesern die Gründe nennen, weshalb Sie gerade für die Chroniken  der nord- und westafrikanischen Staaten verantwortlich sind? 

 Birgit Albrecht
Foto: Frank Löhmer
Birgit Albrecht: Mein beruflicher Hintergrund als Lektorin in den Bereichen Kunst, Psychologie und Politik weist mich zwar nicht primär als Afrikaspezialistin aus. Der Kontinent hat mich aber immer schon fasziniert. Und durch die kontinuierliche Lektüre nicht nur der westlichen, sondern auch der afrikanischen Presse (die zu großen Teilen im Netz zugänglich ist) sowie zahlreicher Bücher über Afrika habe ich mir ein breites Wissen über die politischen und ökonomischen Zusammenhänge in West- und Nordafrika angeeignet, das mich befähigt, die jeweilige aktuelle Lage komprimiert in den Chroniken zu schildern. Eine Afrikaspezialistin kann man freilich nur werden, wenn man den Kontinent ausgiebig und wiederholt bereist oder länger dort lebt. Und vermutlich sollte man offen dafür sein, bisherige Sichtweisen über Bord zu werfen.

Helga König: Wie darf man sich die Zusammenarbeit der 14 Autoren und Autorinnen dieses Nachschlagewerkes vorstellen? 

Birgit Albrecht: Da wir alle in verschiedenen Städten sitzen, arbeiten wir nicht direkt zusammen. Die Zuständigkeiten sind ja auch klar voneinander abgegrenzt. Aber es gibt einmal im Jahr eine Redaktionskonferenz im Frankfurter Verlagshaus, bei der die verantwortlichen Redakteurinnen gemeinsam mit den Autorinnen und Autoren die Schwerpunkte des nächsten Almanachs festlegen und über mögliche inhaltliche oder auch optische Änderungen diskutieren. Erscheinungsbild wie auch inhaltliche Gestaltung des Fischer Weltalmanachs müssen kontinuierlich den aktuellen Entwicklungen auf dem Buchmarkt wie auch den sich wandelnden Ansprüchen an Informationsvermittlung angepasst und entsprechend weiterentwickelt werden. Daran haben die Autorinnen und Autoren mit Ideen und Vorschlägen durchaus einen gewissen Anteil.

Helga König:  Gibt es eine gemeinsame Botschaft, die man z. B. im Hinblick auf Rohstoffe übermitteln möchte?

Birgit Albrecht:  Nein, der Fischer Weltalmanach transportiert keine Botschaften. Ziel ist es, möglichst wertungsneutral Fakten zu vermitteln und damit einen kontinuierlichen Überblick über das Weltgeschehen zu geben. Aber Fakten sprechen ja oftmals für sich. Der Weltalmanach beleuchtet im Rahmen der Schwerpunkte bestimmte Themen mit zusätzlichen Hintergrundinformationen. Da werden dann auch Missstände klar benannt, aber es steckt keine Mission dahinter. Beim Thema Rohstoffe, vor allem in Afrika, zeigen die Fakten, dass nur durch verantwortungsvollen Umgang mit Rohstoffen und eine Partizipation der lokalen Bevölkerung an den Gewinnen aus dem Rohstoffhandel Konflikte vermieden werden können. Eines unter zahlreichen Bespielen dafür, welche katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt die rücksichtslose Ausbeutung von Rohstoffen hat, ist das Nigerdelta im südlichen Nigeria. Einst Heimat einer enormen Artenvielfalt und mit ihren reichen Fischbeständen Lebensgrundlage tausender Menschen, sind die Wasserarme der Flüsse Niger und Benue heute durch Erdöl aus leckgeschlagenen Pipelines weitgehend verseucht. Hinzu kommt die gesundheitliche Belastung durch das Abfackeln des mit der Ölförderung assoziierten Erdgases. Von den Milliardengewinnen, die internationale Konzerne jährlich mit der Ölförderung einfahren und an denen auch die nigerianische Regierung beteiligt ist, sieht die einheimische Bevölkerung nichts. Statt in Raffinerien zu investieren muss Nigeria als zwölftgrößter Erdölproduzent der Welt sein Benzin importieren. 

Helga König:  Für wen ist dieses Nachschlagewerk in erster Linie gedacht und was verspricht man sich von der Jahreslizenz für weltalmanach.de, das große Informationsportal?

Birgit Albrecht:  Der Fischer Weltalmanach richtet sich an ein breites Publikum, an Schüler, Lehrer, Journalisten und ganz allgemein an Menschen, die an politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den Ländern der Welt interessiert sind. Da der Weltalmanach nur einmal im Jahr als Buch erscheint, erschien es sinnvoll, eine Webseite mit aktuellen Ereignissen anzubieten. Diese entspricht auch den heutigen Ansprüchen der Informationsvermittlung.

Helga König: Um die Fakten für die einzelnen Länder zusammentragen, ist es nicht notwendig, die Länder zwingend zu bereisen, dennoch meine Frage: Haben Sie die Staaten, für deren Chroniken sie verantwortlich sind, bereist und wenn ja, in welchem der Länder möchten Sie am liebsten wohnen und weshalb? 

Birgit Albrecht: Ägypten kenne ich ganz gut, dort war ich mehrmals. Die derzeitigen Entwicklungen dort verfolge ich mit großer Sorge. Liberia würde ich gern kennenlernen, schon allein deshalb, weil es mit Ellen Johnson-Sirleaf,  die erste Frau in der Geschichte Afrikas im Präsidentenamt hervorgebracht hat. Und weil es nach 14 Jahren Bürgerkrieg Hoffnungen auf Entwicklung und vielleicht auch einen dauerhaften Frieden gibt, wenn es auch bis dahin noch ein weiter Weg ist. Die Sicherheitslage ist nach wie vor instabil, 80% der Menschen sind ohne Arbeit. Aber Ma Ellen, wie die Präsidentin von den Liberianern vertraulich genannt wird, hat mit Unterstützung internationaler Geber ein ambitioniertes Aufbauprogramm lanciert. Unterstützt von der UNMIL, gegenwärtig eine der größeren Friedensmissionen weltweit, arbeitet die Regierung am Aufbau staatlicher Strukturen sowie eines funktionierenden Polizei- und Justizapparates. Leben möchte ich in Liberia allerdings nicht. 

Helga König: Was bringen dem Leser nach Ihrer Ansicht die Basisdaten? 

Birgit Albrecht: Einen umfassenden Überblick über die ökonomischen, politischen und sozialen Fakten aller Länder. 

Helga König: Wie soll der Leser es deuten, wenn er liest, dass das Bruttonettoeinkommen 2012 je Einwohner in Luxemburg 76 960 US-Dollar und in Liberia 370 US-Dollar betragen hat?

Birgit Albrecht:  Luxemburg ist ein reiches westliches Land mit stabilen politischen Verhältnissen und verlockend großzügigen Angeboten zur Vermögensanlage. Liberia kämpft immer noch mit den Folgen von 14 Jahren Bürgerkrieg, in dem es u.a. um Rohstoffe ging. Aber solche Extremvergleiche halte ich nicht für sinnvoll, denn sie geben ein einseitiges Bild ab. Afrika ist schon lange nicht mehr nur der unterentwickelte, krisengeschüttelte postkoloniale Drittweltkontinent. Einige Länder sind auf gutem Wege, stabile Volkswirtschaften aufzubauen, ehrgeizige Pläne für Entwicklung und Industrialisierung, den Ausbau der Infrastruktur sowie Anreize für Investoren durch Finanz- und Handelsreformen haben nahezu alle afrikanischen Länder. Ghana zählt seit kurzem zu den Ländern mit mittlerem Einkommen. Mit der jährlichen Präsentation fundierter Fakten ermöglicht der Fischer Weltalmanach genau diese differenziertere Sicht der Weltlage. 

Helga König:  Was ist nach Ihrer Sicht derzeit das wichtigste Thema, bzw. der wundeste Punkt in dieser Welt?

Birgit Albrecht:  Ich finde es schwierig, hier eine Gewichtung vorzunehmen. Überall dort, wo Menschen der Zugang zu Grundvoraussetzungen des täglichen Lebens – Wasser, Nahrung, Gesundheitsversorgung, Energie, Bildung – fehlt, ist der Boden für Konflikte bereitet. Dass es weltweit immer noch viel zu viele Regionen gibt, in denen Menschen genau diese basalen Dinge fehlen, ist sicher einer von vielen wunden Punkten, von denen die meisten mit eben diesem Grundkonflikt zusammenhängen.

Helga König:  Mit welchen 5 weiteren Länderchroniken würden Sie sich gerne befassen und können Sie diesbezüglich die Gründe nennen? 

Birgit Albrecht: Eine Zeitlang war ich u.a. für die Kuba-Chronik zuständig. Die singuläre politische Situation dort und ihre weitere Entwicklung interessieren mich sehr. Ansonsten habe ich mit 24 Länderchroniken eigentlich genug.

Liebe Frau Albrecht, ich danke Ihnen herzlich  für das aufschlussreiche Interview.
Helga König

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