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Helga König im Gespräch mit Heiko Ernst

Sehr geehrter Herr Ernst, vor wenigen Tagen habe ich Ihr Buch "Innenwelten" rezensiert. Dazu möchte ich Ihnen heute einige Fragen stellen.

Helga König: Was sind für Sie Tagträume?

Heiko Ernst: Tagträume sind eine enorm wichtige und dringend notwendige geistige Aktivität. Sie helfen uns, die Wirklichkeit innerlich zu verarbeiten, sie regulieren unsere Emotionen, sie trösten oder motivieren uns, und sie sind eine Quelle für Kreativität. Ohne Tagträume wären wir, paradoxerweise, realitätsuntüchtiger.

Helga König: Benötigt man für Tagträume zwangsläufig Stille und Alleinsein?

Heiko Ernst:  Man kann auch im Trubel einer Party oder während einer Konferenz oder sogar in einem Gespräch zwischendurch mal „wegtreten“ und das innere Kino anknipsen. Das tun wir auch unwillkürlich und sehr viel öfter, als wir glauben. Viele Tagträume sind recht kurz, oft nur wenige Sekunden lang, eher Filmclips. Aber natürlich sind Phase der Stille und der Alleinzeit wichtig für ausgiebigeres und kreativeres Tagträumen. Vor allem Kinder brauchen solche Phasen, in denen „nichts los“ ist, in denen kein Fernseher läuft, kein Computerspiel. Sie müssen die Fähigkeit entwickeln können, mit sich und ihren Gedanken und Träumen allein sein zu können – das ist wichtig für die Entwicklung einer autonomen Persönlichkeit, und es verhindert, dass sie abhängig werden von ständigen äußeren Reizen und Ablenkungen.

Helga König: Können Sie den Lesern an dieser Stelle in knappen Worten erklären, wie innere Bilder und Realität zusammenspielen, Sinn stiften und kreativ machen?

Heiko Ernst: Viele Tagträume sind zunächst reine Wunschvorstellungen, Fantasien, in denen wir Helden sind, die Welt retten oder unsere Feinde bestrafen oder in denen wir Sex mit Traumpartnern haben. Aber viele andere Fantasien, die sich um unsere Zukunft, unsere Rolle im Leben drehen, haben meist deutliche Realitätsanteile. Wir spielen das, was wir erlebt haben, noch einmal durch, wir verarbeiten Ideen und Informationen und integrieren sie in unsere Wünsche: Was könnte anders und besser sein? Wie realistisch ist eine Wunscherfüllung? Und was wären machbare Alternativen?

Helga König:  Können Sie den Lesern erklären wie die seelische Instanz eines Tagtraums beschaffen ist, die uns ein Spiel mit der Zeit erlaubt?

Heiko Ernst: Tagträume sind meistens zukunftsorientiert – wir „sehen“ uns in einer Traum-Welt, in der wir unsere Ziele erreichen, berühmt und begehrt und erfolgreich sind, und so weiter. Diese Gedankenspiele geben uns den Anschub, uns auf den Weg zu diesen Zielen zu machen und über die Etappen dorthin nachzudenken.

Helga König : Was verstehen sie Sie Imaginationskraft?

Heiko Ernst: Imaginationsfähigkeit ist die große evolutionäre Errungenschaft des Menschen – sich Dinge zu vergegenwärtigen, die in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegen. Erst diese bildhafte Vorstellungskraft hat unserer Art das Planen und Vorsorgen ermöglicht - und damit die Möglichkeit, Natur besser zu beherrschen und Ziele zu verfolgen. Das alles können Tiere nicht, sie sind nur instinktgeleitet.

Helga König: Kann derjenige, der sich Tagträume versagt, die Wirklichkeit nur bedingt bewältigen?

Heiko Ernst: Ohne Tagträume fehlte dem Menschen eine wichtige Verarbeitungsmöglichkeit von Realität. Tagträume ermöglichen auch eine wichtige Distanzierung von der Gegenwart – und von sich selbst: m an sieht sich aus einiger Distanz oder projiziert sich in andere Welten – und lernt so mehr über sich selbst. Wer nicht tagträumen kann, ist abhängig von ständiger äußerer Stimulation – ständig auf der Jagd nach Unterhaltung und Ablenkung. Und ihm fehlt ein wichtiges Element der Selbstreflexion.

 Helga König: Was hat Sie dazu bewogen, in Ihren Betrachtungen eine Textstelle aus Sartres „Das Imaginäre“ einzubinden?

Heiko Ernst: Freud glaubte, dass Tagträume ein Ersatz sind für unerfüllte und unerfüllbare Wünsche. Er arbeitete ja vor allem mit neurotischen Patienten, und weil einige davon ihm ihre Tagträume erzählten, verallgemeinerte er: „Nur der Unbefriedigt tagträumt.“ Letztlich seien sie also ein neurotisches Symptom, zumindest aber eine Flucht aus der Wirklichkeit. Das ist aber im Lichte der neueren Forschung höchstens die Hälfte der Wahrheit. Tagträume erfüllen weit mehr Funktionen als nur die „Ersatzbefriedigung“ oder den Selbsttrost. Das hat beispielsweise auch der Freud-Anhänger Sartre erkannt, und in seine, Werk über das Imaginäre erklärt er die Fantasie zur „Hohlform unserer Wünsche“ und gleichzeitig zur schöpferischen Kraft.

Helga König: Was Peter von Matt über die Metafantasie schreibt, dürfte letztlich nicht nur auf Künstler zutreffen, was meinen Sie dazu?

Heiko Ernst: Eine Art „Opus-Fantasie“ kann natürlich jeder schöpferisch tätige Mensch haben – eine Vision, einen Tagtraum davon, wie das Werk einmal aussehen und wie glücklich man dann sein wird, es vollbracht zu haben. Aus dieser Fantasie schöpft man die Kraft für die oft mühsamen Wege zum Ziel.


Lieber Herr Ernst, ich danke Ihnen für das erhellende Interview.

Ihre  Helga König
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Bitte klicken Sie auf den Link unter. Herr Heiko Ernst ist Chefredakteur der Zeitschrift "Psychologie Heute".
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