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Helga König im Gespräch mit Reinhard Löwenstein

Sehr geehrter Herr Löwenstein, vor einigen Tagen habe ich Ihr Buch "Terroir" rezensiert und möchte Ihnen hierzu heute einige Fragen stellen. 

Helga König: Noch in den 1990er Jahren lernte ich neuseeländische Weine kennen, die verwirrend stark nach Mangos schmeckten. Nichts ahnend führte ich dies auf eine besondere Bodenbeschaffenheit zurück und war verblüfft als ich in der gleichen Zeit genau diese Geschmacksnote in einem Riesling eines Binger Weingutes auf einer Verkostung in Mainz entdecken musste. Dass diese Kreationen ein „Geschenk“ kommerziell gewiefter Weinmacher an die Mädels und Jungs ist, die sich die Süße der Muttermilch zurückwünschen, wäre ich damals nicht gekommen. Ich deutete es damals als eine bloße vorübergehende Modeerscheinung. Wann ist Ihnen der tiefenpsychologische Zusammenhang klar geworden und wodurch?

 Bild: Weingut  Reinhard Heymann-Löwenstein

Reinhard Löwenstein: Mit diesen Themen beschäftige ich mich schon seit vielen Jahren. Es bedarf allerdings keiner großangelegten tiefenpsychologischer Studien um den Traum vom „Land wo Milch und Honig fließt“ als die Sehnsucht nach einer heilen Kinderwelt zu begreifen. Dass mit Zucker und Brei in einer für Erwachsne kompatiblen Form ( Cola und Hamburger) das „Kind im Erwachsenen“ eingefangen wird ist nicht nur elementarer Bestandteil des Marketings von Coca Cola und Mc Donalds sondern auch der Parfumindustrie. Mit fortschreitender ökonomischer Krise und individuell erlebtem Stress steigt das Bedürfnis nach Regression. Kein Wunder dass auch die Weine immer softer werden.


Helga König: Was ist für Sie ein guter Terroirwein, welche Kriterien muss er erfüllen?

Reinhard Löwenstein: Ein Terroirwein ist weniger in der industriellen Ecke zu finden als auf der Seite der Kultur. Aber was ist ein „kulturbeseelter Wein?“ Welche Art von Kultur? Zehn mir besonders wichtige kulturelle Aspekte von Wein habe ich in dem Buch beschrieben. Auch vor dem Hintergrund der vorherigen Frage haben für mich Terroirweine immer viel Ehrlichkeit und Authentizität sowie mit einem Angebot zur Bewusstseinsentwicklung zu tun. Neue Dinge erschmecken, neue Welten erleben mit Hilfe des Mediums Wein. 


Helga König: Sie sprechen in Ihrem Buch von der Magie des Weines. Wird diese Magie zunichte gemacht, wenn man beginnt Designerweine herzustellen und worin besteht für sie die Magie überhaupt?

Reinhard Löwenstein: Schwarze Magie macht besoffen, weiße Magie ist ein Beitrag zur Emanzipation.


Helga König: Was macht die Besonderheit eines Terrassenlagenweines von der Mosel aus?

Reinhard Löwenstein: Unter der Prämisse, dass er mit Liebe hergestellt ist: Im Weinberg sehr viel mehr Handarbeit an einem wunderschönen Arbeitsplatz und im Glas eine unglaubliche Vielfalt individueller Geschmacksnuancen der unterschiedlichen Schieferböden.


Helga König: Worin unterscheiden sich Ihre Rieslinge von jenen, die beispielsweise am "Roten Hang" in Rheinhessen angebaut werden?

Reinhard Löwenstein: Unsere Felsen entstanden im Devon, der rote Hang sehr viel später unter anderen geologischen Bedingungen im Perm. Bodenphysik und Mineralzusammensetzung des Gesteins und somit auch des Bodens sind unterschiedlich. So kann das Medium „Riesling“ unterschiedliche Aromen in den Wein sublimieren.

Helga König:  Welche Geschmacksnoten hat Ihr Lieblingsriesling?

Reinhard Löwenstein: Er hört sich an wie eine Mozartsinfonie. Immer wieder treten leicht und spielerisch andere Harmonien, Klänge, Empfindungen in den Vordergrund. Er ist ein organoleptischer Rorschachtest, ein innerer Dialog, eine Projektionsfläche vieler Seelenzustände. Er schmeckt immer wieder anders, neu, überraschend…

Helga König: Inwieweit konnten Sie Ihre Ideen im Hinblick auf einen ehrlichen Wein im VDP-Weinverband einbringen? 

Reinhard Löwenstein: Das Ringen um einen „ehrlichen Wein“ stand schon vor 100 Jahren bei der Verbandsgründung im Vordergrund. Es ist mir eine große Ehre dieses Erbe weiter zu gestalten um den Wein in Zeiten von Food-Design und Genmanipulation als wertvolles Kulturgut zu erhalten.

Helga König: Wie viel Säure muten Sie Ihren Kunden in Ihren Rieslingen zu?

Reinhard Löwenstein: Der saure Geschmack der Fruchtsäuren, die Süße des Fruchtzuckers, die Bitternis der Beerenschale und die Schärfe des Alkohols sind die geschmackliche Basis eines jeden Weines. Es ist meine Aufgabe als Winzer diese vier Aspekte im Wein in einer behutsamen Vinifikation so harmonisch entwickeln zu lassen, dass keiner im Vordergrund steht und Raum ist für die wirklich spannenden Geschmackserlebnisse: Für die Individualität von Jahrgang und Weinberg in der typischen Interpretation von Heymann-Löwenstein.

Helga König: Wein hat die Menschen in allen Jahrhunderten zur Poesie beflügelt, durch Goethe lässt sich das am besten bezeugen. Sie haben in Ihr Buch immer wieder Gedichtauszüge eingebunden. Was hat sie dazu bewogen?

Reinhard Löwenstein: Im Altertum gab es nur eine Kunst: Die Poesie. Nachweislich haben die geistigen Getränke die Entwicklung des menschlichen Geistes nachhaltig beeinflusst, haben zur Sesshaftwerdung der Jäger und Sammler und zur Religionsentwicklung beigetragen. Kein Wunder, dass dem Wein in der Poesie ein so großer Raum gewidmet ist, kein Wunder, dass uns die Magie der Poesie die geheimnisvollen Seiten des Weines näherbringen kann.
Betrachten Sie die Überschriften der einzelnen Kapitel. In allen schwingt ein bestimmter emotionaler Aspekt des Weines. Eine Form zu finden, die mir wichtigen „geheimnisvollen“ Ebenen des Weines zu kommunizieren, war für mich übrigens die größte Herausforderung bei der Konzeption des Buches. Ich habe daher weder eine linear-logische noch eine historisch-logische sondern mich für eine „emotionale“ Gliederung entschieden. Die 10 Kapitel folgen den zehn Emanationen Gottes, wie sie im Sefiroth der Kabbalah beschrieben sind bzw. den archetypen Figuren, wie sie in den ersten 10 Trümpfen des Tarot-Spieles dargestellt sind.
Das erste Kapitel ist daher dem Magier, der Omnipotenz gewidmet, dem heutigen „alles-ist-machbar-Zeitgeit“. Das zweite Kapitel gibt dem passiven, das dritte den aktiven Aspekt der „großen Mutter“ Raum. Die Zahl und Kapitel 4 steht für das männliche Prinzip, für das Patriarchat, gefolgt von der 5 mit dem Streben nach Individualität. Der Liebe, der 6, dem Erkennen des Anderen, folgt mit Kapitel 7 die archetype Gestalt des jungen Helden, der entfesselten Kräfte des Industriezeitalters , deren Gegenbewegungen als „Ausgleichung“ im achten Kapitel beschrieben sind. Diese Kräfte münden beim Eremiten in Kapitel 9, dessen nach innen und außen strahlendes Licht so viele, viele offene Fragen beleuchtet und bereiten den Weg zum Kapitel 10, zum Lebensrad des glücklichen Menschseins.

Helga  König:  Ist es Ihnen möglich das Geheimnis des ältesten Weines, den sie je verkostet haben, zu lüften und es uns Lesern an dieser Stelle mitzuteilen?

Reinhard  Löwenstein: Der älteste Wein den ich getrunken habe war ein 1863er aus den Kellern der russischen Zaren auf der Krim. Er hat viel zu gut geschmeckt, als dass ich auch nur eine Sekunde daran gedacht hätte, sein Geheimnis lüften zu wollen. Bei wirklich großen Weine sollte man die Worte des Zisterzienserabts Bernhard von Clairveaux beherzigen: „Wahre Frucht erreicht man nicht durch Begreifen, sondern durch Ergriffen sein“.

Helga König: Ihre Vorfahren haben an der Mosel bereits 500 Jahre lang Wein angebaut. Inwiefern fühlen Sie sich den Winzern aus Ihrer Familie aus den vorangegangenen Generationen verpflichtet?

Reinhard Löwenstein: Das Verhältnis zu meinen Vorfahren ist weniger durch Verpflichtung als durch Dankbarkeit geprägt. Durch harte Arbeit über Generationen haben sie mit den steilen Felsterrassen diese faszinierende Kulturlandschaft geschaffen. Sie zu erhalten und in wirtschaftlich schwierigen Zeiten vor dem Verfall zu schützen – da spüre ich eine große Verpflichtung.

Lieber Herr Löwenstein, ich danke Ihnen für dieses aufschlussreiche Interview.

Helga König

http://www.hlweb.de/ 










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