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Helga König im Gespräch mit Veit Noll, dem Autor des Werkes "Goethe im Wahnsinn der Liebe"; Band 4 `Geheime Offenbarungen´, Forschungsverlag Salzwedel

Lieber Veit Noll, ich habe dieser Tage Ihr neues Buch "Goethe im Wahnsinn der Liebe"; Band 4 `Geheime Offenbarungen´ auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiert und möchte dazu heute einige Fragen an Sie richten. 


Helga König: Lieber Veit Noll, Sie haben 4 Bücher über Leben und Werk Goethes verfasst. Was hat Sie als Jurist getriggert, sich so intensiv mit Goethe zu beschäftigen? 

Veit Noll
(Foto privat)
Veit Noll:
Zunächst habe ich mich als Einsiedel-Forscher und den diesbezüglichen Hinweisen auf Goethes Situation mit Goethe beschäftigt. Dann fiel mir bruchstückhaft das zeitgenössische Recht in die Hand. Erst im Verlaufe der Jahre meiner Nachforschungen zu Goethe wurde mir klar, dass Goethe auch seine Literatur mit juristischem Hintergrund in den Inhalten, der Sprache und der Wahrhaftigkeit verfasste. 

Andererseits habe ich zunehmend versucht, das zeitgenössische Recht und die Moral zu den Themen Liebe, Ehe und Intimität zu erfassen. Das war nicht ganz leicht, weil es keine geschlossenen Kodifikationen gab, die man heranziehen konnte, sondern Einzelerlasse. Im Anhang meines neuen Buches finden Sie eine Zusammenstellung in der Entwicklung für Sachsen-Weimar-Eisenach. 

Mit dem Hintergrund des zeitgenössischen Rechtes und der Moral dann Goethes Romane und Erzählungen zu lesen, brachte sodann den nächsten Erkenntnisgewinn. Vielfach schildert er die Lieblichkeit des Verhaltens von Mann und Frau zueinander, die aber eben zeitgenössisch gewertet, Verbrechen und schwerste Verbrechen waren. 

Dem althergebrachten Kriminalitätsrecht hielt er somit das einfache-menschliche, das natürliche und humane Verhalten von Mann und Frau in gegenseitiger Zuneigung entgegen. Er machte diese kriminellen Verhaltensweisen durch seine Darstellung verständlich und schilderte sie als liebenswert. Mithin kam mir im Verlaufe meiner Forschungen meine Ausbildung als Jurist und Tätigkeit als Familienanwalt durchaus zustatten. 

Helga König
Helga König:
Für Ihre Forschungsarbeit haben Sie eine Reihe von Werken des Dichters herangezogen. Welche Werke waren aus Ihrer Sicht hierfür am ergiebigsten und weshalb? 

Veit Noll: Goethes "Iphigenie" stellte sich für mich als Läuterung Goethes vor allem in Bezug auf seine Beziehung zu der verheirateten Frau von Stein dar. Mein Buchtitel "Goethe im Wahnsinn der Liebe" nimmt lediglich Goethes Denkweise der Liebe gegen zeitgenössisches Recht und die herrschende Moral auf – diese Liebe erfasst Goethe als Wahnsinn und dem steht die Befreiung davon gegenüber. 

Die Göttin Diana ist nach althergebrachten Vorstellungen die Herrscherin und Richterin über Recht und Moral. Und so sollte Orest mit Unterstützung seines gedoppelten Ichs, Pylades, nicht das Bildnis der Göttin rauben, sondern die Schwester bringen. Die Fügung des Verhältnisses von Orest zu Iphigenie in ein geschwisterliches stand dem Ehebruch im Wahnsinn gegenüber. Goethes "Tasso" stellte sich für mich in erster Linie als autobiographische Dichtung in seinem Verhältnis zu Herzogin Anna Amalia dar.

Ghibellino meinte daraus ein Liebesverhältnis ableiten zu können, das Gegenteil ist der Fall: Leonore zu Leonore: `Uns liebt er nicht, verzeih, dass ich es sage.´ Und seine Liebe zu Charlotte von Stein versteckte er im ungenannten Engel in den Höhen. Und der "Wilhelm Meister" ist nach der Analyse sein autobiographischer Roman. Mit dem Hintergrund vor allem seiner Beziehung zu Anna Amalia und auch der Kenntnis des zeitgenössischen Rechtes kann ich zunächst unbedingt die "Theatralische Sendung" aus dem ersten goldenen Jahrzehnt empfehlen. 

Später reflektiert er in den "Wanderjahren" seine Sicht auf die Beziehung zu Charlotte von Stein. Und natürlich gibt uns die autobiographische Erzählung der "Italienischen Reise" bemerkenswerte Aufschlüsse. Hat man dies alles gefasst, sind seine Gedichte der ersten Weimarer Jahre – auch aus dem "Tiefurter Journal" der Herzogin Anna Amalia – höchst interessant. 

Helga König: Wie konnten sich am Hof zu Weimar (der Zeit entsprechend protestantisch-prüde) solche emotionalen Verwicklungen wie sie durch Goethe entstanden, ohne wirklich große moralische Aufschreie überhaupt entfalten? 

Veit Noll:
Das weiß ich nicht. Aber in jedem Fall haben wir es mit Doppelmoral zu tun. Die Fürstin nahm als Erdengöttin anderes in Anspruch als die anderen durften. Andererseits wurde einiges auch unter der Decke im doppelten Sinn gehalten. Der Baron von Werthern beging z. B. Ehebruch – ungeahndet – bevor seine Ehefrau Emilie von Werthern mit dem Bergrat August von Einsiedel durchbrannte. Emilie hatte zur Verschleierung allerdings ein Scheinbegräbnis inszeniert. 

Helga König: Sie haben sich u.a. mit Charlotte von Steins Drama „Dido“ befasst. War nach Ihrer Meinung Charlotte Goethe schriftstellerisch ebenbürtig oder war es vermessen von ihr, auch nur eine Zeile zu schreiben,- wenn auch unveröffentlicht-, gewissermaßen als Muse des Dichterfürsten? 

Veit Noll: Die Einschätzung schriftstellerischer Qualität überlasse ich den Literaturwissenschaftlern. Inhaltlich und in der Struktur hat sie durchaus Goethes Schreibweise aufgenommen. 

Helga König: Ist das Drama „Dido“ der Schlüsseltext für die Beziehung von Charlotte zu Goethe? 

Veit Noll: Drama oder Tragödie? Goethes Briefe an Charlotte von Stein sind überwiegend, ausgenommen aus dem 2. Teil der Italienreise, überliefert. Seine Liebe zu ihr tritt deutlich zu tage. Er fand sich bei ihr aufgehoben, von ihr verstanden, konnte ihr seine Wahrnehmungen und Gedanken erzählen. Im Hinblick auf ihre Sicht zu ihrem Verhältnis ist ein Brief ihrer Schwägerin Sophie von Schardt vom Oktober 1780 überliefert.

Charlotte hatte ihr die platonisch gehaltene Liebe zu Goethe gestanden – Sophie von Schardt notierte: So lieben die Engel. Andererseits zeigen uns zwei Gedichte von Charlotte von Stein aus der Zeit von Goethes Flucht 1786 ihre frustrierte Sicht auf seine Entfernung, die sie auf sich bezog. Sie sprach vom `geschiedenen Freund´. In diesem Kontext der nicht überlieferten Briefe von ihr an ihn ist die "Dido" mit der nun vorliegenden Analyse tatsächlich ein Schlüsseltext. Wir erkennen ihre Haltung in einer vernichtenden Kritik auf Goethes Ansinnen des Ehebruchs. Und sie charakterisiert ihn in seinen vielfältigen Seinsweisen als Heerführer des Ehebruchs, als Dichter, als Eigenbiograph u.s.w. 

Helga König: Können Sie unseren Lesern Näheres über den legendären "Kaffeedialog" berichten? 

Veit Noll: Anhand des "Kaffeedialogs" in der Dido wurde Goethe schon früher als Ogon in Charlotte von Steins "Dido" identifiziert. Er plädierte dafür, dass sie das Kaffee-Trinken unterlassen möge, es sei gesundheitsschädlich. Aus Italien sandte er ihr andererseits nach der entstandenen Entfremdung besten Kaffee. Er suchte offenbar ihr das von ihr gewünschte, als Gut empfundene, zu verschaffen. 

Helga König: Von Anna Amalia über Charlotte von Stein hin zu Christiane Vulpius sind gesellschaftlich Welten zu überwinden. Hat Goethe hierbei sein Ruf als Apoll von Weimar geholfen? 

Veit Noll:
Ich habe den Eindruck, dass Goethe auf seine Zeitgenossen einschließlich der Frauen eine unwahrscheinliche Ausstrahlungskraft hatte. Er verstand es, mit Herz und Verstand persönliche Verbindungen aufzubauen und zu pflegen. Eben das machte ihn zum Apoll. 

Helga König: Was war für Sie am spannendsten, im Hinblick auf Goethes Tätigkeit im Geheimen Consilium in Erfahrung zu bringen und weshalb? 

Veit Noll: Bei meinen jahrelangen Untersuchungen, ich hatte auch "Goethes amtliche Schriften" zu Rate gezogen, war ich über die Publikation von Volker Wahl zum Geheimen Consilium überrascht. In der Analyse von Goethes dortiger Tätigkeit stellte sich heraus, dass er zu einem erheblichen Teil mit dem Recht der Familie einschließlich der Hurerei, dem Ehebruch und auch dem Kindsmord befasst war. Also: Goethe als Familienrechtler. 

Und ich erinnerte mich an Sigrid Damms Empörung über Goethe. Sie meinte, ihm Doppelmoral vorwerfen zu müssen. Einerseits habe er nicht für die Begnadigung einer Kindesmörderin im Geheimen Consilium gesorgt, andererseits die Gretchentragödie im Faust verfasst. Zum einen hat sie übersehen, dass die beiden ältesten, überlieferten Fassungen des Fausts mit dem schwangeren Gretchen in der Kirche enden. Zum anderen und das ist bedeutsamer, hat sich Goethe im Hinblick auf die Todesstrafe an die allgemeine herrschende Rechtsansicht gehalten. 

Der Jurist René Jacques Baerlocher tritt Goethe bei und macht deutlich, wie schwer manchmal juristische Entscheidungen zu fällen seien. Für mich ist das entscheidende, dass Goethe mit anderen Juristen im Weimarer Staatsdienst an einer tendenziellen Entkriminalisierung und Abschaffung der öffentlichen Kirchenbuße für unehelich Schwanger mitwirkte. Die öffentliche kirchliche Entehrung der als Huren bezeichneten Frauen und die staatliche harte Bestrafung des Auspeitschens am Pranger und Verweisung des Gerichtsbezirkes wurden abgeschafft. 

Damit wurde in einem ersten Anlauf der Motivation zum Kindsmord die Grundlage entzogen. Später ging eine Kodifikation im benachbarten Sachsen-Gotha von 1804 einen bedeutenden Schritt weiter und schaffte rechtliche Regelungen zu einer finanziellen Versorgung von Mutter und Kind. Wir befinden uns mit Goethe und den anderen mitwirkenden Weimarer Juristen und der Kodifikation von Sachsen-Gotha an den Wurzeln des neuzeitlichen Familienrechtes. Liest man dann noch einmal Goethe, so wird deutlich, dass er mit seiner Literatur durch die Lebens- und Liebesschilderungen eben Stellung bezog. Es gibt also gute Gründe, Goethe als Rechtsphilosoph der Tat zu verstehen.

Lieber Veit Noll, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.

Herzlichst
Helga König

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