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Helga König im Gespräch mit Thomas Bleitner, Autor des Buches "Frauen der 1920er Jahre"

Lieber Herr Bleitner, dieser Tage habe ich Ihr Buch "Frauen der 1920er Jahre" auf „Buch, Kultur und Lifestyle“ rezensiert.  Dazu möchte ich nun einige Fragen an Sie richten.

Helga König: Was macht die Frauen der Zwanzigerjahre intellektuell so reizvoll für Sie?

 Thomas Bleitner (privat)
Thomas Bleitner:  Was die von mir porträtierten Frauen betrifft: Ihr Mut und ihr bedingungsloser Wille, die Gesellschaft zu verändern und Innovationen zu schaffen. Und natürlich die Lebensfreude, die sie dabei versprühten. Man darf nicht vergessen, dass der gesellschaftliche Umbruch in den Zwanzigern ja aus der Not nach dem Ersten Weltkrieg geboren war. Die Art und Weise, mit der die Frauen, um die es in dem Buch geht, die sich auftuenden Freiräume genutzt und diese Not mitunter zur Tugend gemacht haben, finde ich absolut faszinierend.

Helga König: Nach welchen Kriterien sind Sie bei der Auswahl der Frauen in den einzelnen Rubriken konkret vorgegangen?

Thomas Bleitner: Im Titel des Buches taucht der Begriff 'Avantgarde' auf. Ich wollte gern Porträts schreiben, in denen es um Avantgardistinnen geht: um Frauen, die in Ihrem jeweiligen kulturellen Milieu - besser: in ihren Künsten - Tabus brachen und damit Althergebrachtes entlarvten. Die Bilder Tamara de Lempickas, die Fotografien Claude Cahuns waren damals ebenso neuartig und gewagt wie die Tänze Anita Berbers, die Kleider Elsa Schiaparellis oder die Kolumnen Dorothy Parkers.

Helga König: Welche Verhaltensmuster fallen Ihnen auf, wenn Sie die Bilder der Frauen betrachten und Sie mit Bildern von Frauen vor dem 1. Weltkrieg vergleichen?

Thomas Bleitner:  Die Frauen der Zwanziger lachen weitaus häufiger. Das Selbstbewusstsein wirkt stärker ausgeprägt und ihr Selbstverständnis erscheint gewandelt. Experimentierfreude, Lebenslust und Spaß sind zentrale Momente, die aus vielen Bildern von Frauen in den Zwanzigern sprechen. Schauen sie sich etwa das Porträtbild von Clara Bow an: Können Sie sich jemanden wie sie im Jahrhundertwende-Korsett vorstellen? 

Helga König: Welche Rolle spielte der 1. Weltkrieg für die Veränderung und den neuen Anspruch der Frauen?

Thomas Bleitner:  Er war die Katastrophe, in deren Anschluss sich die Gesellschaft neu ausrichten musste. Im Jahrzehnt nach dem Krieg war vieles veränderbar und gerade Frauen hatten den Anspruch - und nun partiell auch die Möglichkeiten -, Veränderungen voranzutreiben.

Helga König: Weshalb strebten Frauen in den Zwanzigerjahren androgynen Vorbildern nach, hatten sie die Mutterrolle satt, nachdem man ihre Kinder im Krieg verheizt hatte?

Thomas Bleitner:  Letzteres eher im übertragenen Sinne - zumindest was die Frauen betrifft, von denen das Buch handelt, die meisten von ihnen waren in den Zwanzigern (noch) keine Mütter. Androgyne Selbstinszenierung war, glaube ich, eine von vielen Facetten des Sich-Ausprobierens und die Motive dafür waren ambivalent - ein wesentliches war sicherlich die Ebenbürtigkeit im gesellschaftlichen Auftritt. 

Helga König:  Worin sehen Sie die Besonderheit von Josephine Baker?

Thomas Bleitner:  Als Schwarze hatte Josephine Baker es besonders schwer auf ihrem Weg. Glücklicherweise führte sie dieser schon früh nach Paris, damals so etwas wie das 'Weltzentrum der Toleranz'. Dort wurde Josephine Baker gefeiert wie sonst nirgendwo und avancierte zu einer DER Ikonen der Zwanzigerjahre. Bei all ihren tänzerischen Fertigkeiten und ihrer erotischen Ausstrahlung wird häufig vergessen, dass sie auch enorme komödiantische Talente besaß und nicht zuletzt gerade deshalb so gut in die Zwanzigerjahre passt. 

Helga König: Ist der Mut einer Amelia Earhart mit dem Mut einer Anita Berber gleichzusetzen?

Thomas Bleitner: 'Mut' ist natürlich eines der zentralen Attribute der Zwanzigerjahre-Frauen im Buch. Und Mut kann vielfältig sein. Ob es couragierter ist, im Alleinflug den Atlantik zu überqueren oder sich für seine Nackttanz-Kunst gesellschaftlicher Ächtung, mitunter auch polizeilicher Verfolgung auszusetzen, vermag ich nicht aufzurechnen. Ich weiß nur: Beidem liegt ein bewundernswertes Maß an Entschlossenheit zugrunde. 

Helga König:  Welche Rolle spielte der Tanz in den Zwanzigerjahren und was unterschied ihn in seinen Motiven von den Tänzen in all den Jahrhunderten zuvor?

Thomas Bleitner:  Die Tänzerinnen, die ich im Buch porträtiere, drückten mit ihrer Tanzkunst vor allem eines aus: Freiheit. Und dies in einer zuvor nicht da gewesenen Konsequenz und Radikalität. Beim Tanz bzw. bei den Tänzen der vorangegangenen Jahrhunderte kenne ich mich nicht gut genug aus, um Vergleiche ziehen zu können. 

Helga König: In der Mode drückt sich die radikale Veränderung der Frauen in damaliger Zeit wohl sichtbar am deutlichsten aus. War Coco Chanel die eigentliche Geburtshelferin der modernen Frau oder war sie nur für ihre Verschönerung zuständig?

Thomas Bleitner:  Beides, glaube ich, wobei ich das 'nur' im zweiten Teil der Frage gern streichen würde. Soweit ich gelesen habe, hatte etwa Paul Poiret schon vor Coco Chanel korsettfreie Mode entworfen. Aber die Zwanzigerjahre-Maxime, dass sich das Kleid am Körper der Frau zu orientieren habe - und nicht, wie es zuvor der Fall gewesen war, der Körper der Frau an der Form des Kleides - hat Coco Chanel mit ihren Kreationen am nachhaltigsten und signifikantesten verwirklicht. Oder, um mit Chanels Worten zu sprechen: Sie hat diese Mode erst zum Stil gemacht. 

Helga König: Clärenore Stinnes fasziniert mich übrigens am meisten, nicht zuletzt wegen ihrer grenzenlosen Mobilität, ihrer Neugierde und ihres Mutes. War Stinnes ihrer Zeit am meisten voraus und was hatte Sie ihrer Meinung nach, was die Mädels der Internetgeneration vielleicht wiedererlernen sollten?

Thomas Bleitner:  Clärenore Stinnes hat mit Ausdauer und Hartnäckigkeit etwas realisiert, das als unmöglich galt. Dabei hat sie die Zeitgenossen mit ihrer Zuversicht förmlich angesteckt, sie hat die Menschen für ihre Vision begeistert. Gerade diese Begeisterungsfähigkeit finde ich an ihr so beeindruckend. Davon kann sich, meine ich, geschlechtsübergreifend jede Generation inspirieren lassen.


Lieber Herr Bleitner, ich danke Ihnen für  Ihr erhellendes Interview.
Bitte klicken Sie auf das Foto, dann gelangen Sie zum Sandmann-Verlag und können das Buch bestellen.http://www.elisabeth-sandmann.de/autoren/thomas-bleitner/891/frauen-der-1920er-jahre. Sie können es aber auch bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.

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