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Helga König im Gespräch mit dem V. O. Stomps-Preisträger 2013 der Stadt Mainz, dem Künstler und Verleger Christian Ewald

Lieber Christian Ewald, auf der 22.  Minipressen Messe in Mainz  hatte ich das große Vergnügen, Sie kennen zu lernen  und freue mich, heute einige Fragen an Sie stellen zu dürfen.

Helga König: Sie sind der diesjährige V.O. Stomps-Preisträger der Stadt Mainz. Können Sie unsere Leser aufklären, um welchen Preis es sich hierbei handelt?

 Christian Ewald
,Preis-Verleihung in Mainz 2013
Christian Ewald:  Die Stadt Mainz bewahrt seit 1978 mit diesem Preis das Andenken an den Verleger, Schriftsteller und Literaturförderer V. O. Stomps (1897 - 1970). Er war zu seiner Zeit eine herausragende Figur im verlegerischen Geschehen der jungen Bundesrepublik, gründete bereits nach dem Kriege die legendäre "Eremiten-Presse" und setzte mit vielen seiner Aktivitäten "Licht-Punkte" in die Szene unabhängiger und kleiner Verlage - ein Ur-Gestein klassischer Buchherstellung mit allen denkbar experimentellen Momenten in seiner Zeit. . . 


Alle zwei Jahre wird dieser Preis auf der internationalen Messe der "kleinen" Verlage gleich zur Eröffnung dieser "Mainzer Minipressen-Messe" verliehen, als Hauptpreis (für die Katzengraben-Presse) und als Förderpreis (für die SchwarzHandPresse) von Ursula und Theo Hurter, was mich besonders freute, da unsere vielmaligen Zusammentreffen auf den Handpressenmessen in Frauenfeld die gegenseitige Bewunderung der Editionen bereits erlebten.


Helga König:  Sie betreiben den bibliophilen-Kleinst-Verlag "Katzgraben-Presse". Was genau dürfen wir uns darunter vorstellen?

Christian Ewald:  War es anfangs die Idee, ein Buch originalgrafisch, also als Unikat, hand-gefertigt herzustellen und es bei wenigen Exemplaren zu belassen, wurde diese mit einer "folgenschweren" Entscheidung, weil der Text eines möglichen Manuskriptes zu umfänglich war, es also drucken zu müssen - wenn überhaupt - sich in die Nähe einer Verlages-Konstruktion "rückte". Also los: Einen guten Namen finden, originell natürlich und alles Vorhandene zu lassen und einzubinden, . . . eine Philosophie dazu, und das vorliegende Manuskript nebst weiterer Entscheidungen anzugehen, da war die Ehrung unseres Unterschlupfes in einem der ältesten Häuser von Köpenick (erbaut 1683), noch dazu das ehemalige Haus des Amtmannes Johann Schmidt, im Katzengraben 14 gleichnamig auch für den Kleinst-Verlag in der Nacht vom 13. auf den 14. März 1990 gefallen - Katzengraben-Presse. Diese Buch wurde das letzte, das noch in der DeDeEr das Licht der Welt erblickte, d. h. es war sehr dunkel, 23.59 Uhr kam es heraus, war am nächsten Morgen auf dem Tisch der ersten gesamtdeutschen Buchmesse in Frankfurt/Main; eine noch "stille" Sensation, und wurde "eines der schönsten deutschen Bücher 1990". Erhielt dazu noch den "Preis der Stiftung Buchkunst" in Frankfurt am Main. Das allererste Buch eines neugegründeten Verlages, . . . alles zum ersten Mal !  Das alles war wirklich überwältigend! Damit war der "Anderthalbmannverlag" geboren, der das Abenteuer Buch bis heute am Laufen hält . . . Die "halbe Stelle" im Verlagsnamen berücksichtigt alle Beteiligten an jedem Buche, die ganz speziell dazu beitragen, um sie alle bei möglichen Interviews und Fragen nennen zu können; die Hauptarbeit bleibt beim Verleger - von der Idee, Konkretisierung, Absprachen, Autoren, Illustratoren und Übersetzer, Entwicklungen, Gestaltungen, Satz, Druck und Verarbeitung, Behältnisse / Tüten entwickeln und fertigen, Verpacken - bis zur Auflieferung bei der Post, die Sendungen, die er selbst hinträgt, mit inliegend hand-geschriebener Rechnung 

Helga König: Wie gestaltete sich ihr Lebensweg hin zur Entscheidung, einen Verlag zu gründen?

 Am Stand des Verlages mit
Kulturdezernentin Frau Marianne Grosse
Christian Ewald: Die Gründung des Verlages war eher zufällig, der Lebensweg an sich aber doch recht "linear". . . Beschäftigungen mit Schrift und dem Zeichnen bereits sehr früh, Schulabschluss und Lehre als Schriftsetzer, der noch mit Bleisatz und Buchdruck umging, Abendschule für Malerei und Graphik in Weimar (bei Engelbert Schoner/Otto Paetz/Horst Jährling), Plakatmaler, Korrektor bei der Bezirkszeitung "Das Volk" und schließlich das Studium der Graphik in Berlin. Das erste wirklich gefertigte Buch wurde das letzte eines "untergegangenen" Landes, ich sprach gerade darüber, . . . es war der Anfang einer Risikobereitschaft und eines Enthusiasmus`für das besondere Buch, der über 24 Stunden gnadenlos anhalten muss, der Neugier und Entdeckerfreude stets neu entwickelt

Helga König: Sie limitieren Ihre Auflagen und verkaufen 99 Vorzugs-Exemplare mit Original-Graphik. Es handelt sich demnach um Sammlerobjekte. Wie werden potentielle Kunden auf Sie aufmerksam?

Näh-Papier-Illustration zur Edition 
"Erde/Feuer/Wasser/Luft"einmalige 
Auflage von 99 Exemplaren, 2010
  
Christian Ewald:  Und anfänglich wurde aus dem Nachlass von Heinrich Eduard Jacob (1889 - 1967) die noch unveröffentlichten Texte einer Zeppelin-Fahrt nach Brasilien herausgebracht, die der rührige Hans-Jörgen Gerlach bewahrte, es "eines der zwanzig schönsten Bücher der Welt (1993 in Verona) wurde; Tadeusz Rozewicz kam dazu, Jan Silberschuh, Bertha Sophie Vendh, Holmar Attila Mück, Peter Härtling, Michael Krüger, Antonio Lobo Antunes und Cristobal Serra, um nur einige zu nennen.

Gleich zu Anfang gab es die Überlegung, ganz wenige Bücher zu machen, damit es der "Anderthalbmannverlag" auch bei den selbst ausgerufenen hohen Hürden schafft, diese zu fertigen. "Wenn die Blätter kommen und, wenn sie - fallen"; Leipzig im Frühjahr, Frankfurt im Herbst. Dieser poetische Bogen begleitet seitdem die jährlichen Editionen. Einmalig 999 Exemplare, davon 99 Exemplare (Vorzüge genannt) mit Original-Beigaben als Graphik oder "beigelegtes". . . Es sind immer Erst-Ausgaben, teilweise zweisprachig, illustriert natürlich und im Bleisatz, Buchdruck und Hand-Einband gefertigt - alle im gleichen Format. Alle 999 Exemplare sind nummeriert, signiert per Feder und mit einem Faden versehen - dem Signum der Katzengraben-Presse seit Anfang. Und diese Editionen - vor allem die erste - sorgten für ein Rauschen im Feuilleton, auf szenischen Lesungen, auf den Messen und später hatten die folgenden Fernseh-Auftritte, das erste Märchen-Buch der Brüder Grimm, "Hans im Glück" bei Elke Heidenreich in der Sendung "Lesen!" und war in drei Tagen komplett verkauft . . . Und natürlich auch in diesem Medium, indem Sie sich gerade befinden, . . . ein, zwei Klicke - und Sie haben alles zur Ansicht . . .

Helga König: Wie Sie mir erzählt haben, sind Sie in Weimar geboren. Wie hat diese Stadt sich auf Ihren persönlichen Werdegang ausgewirkt? 

Christian Ewald:  Geburtsorte sind Zufall, natürlich. Aber bei Weimar ist das doch ein klein wenig anders - da steht man ja gewissermaßen bereits mit einem Bein in der Historie dieser Stadt. Und bei verstärktem Interesse zieht man das andere eben - nach . . . und so hat man doch all diese Vorgänge etwas näher am Körper, das Vertiefen und auch das Anwenden . . . und da hat die Stadt und ihre "Randlage" Ehringsdorf mit Belvedere schon erheblichen Einfluss gehabt, den ich dankbar sehe . . . ebenso den meiner Eltern, einiger Lehrer der Schule und auch in den Abendkursen der bereits genannten Maler und Graphiker haben einen großen Anteil.

Helga König: Können Sie den Lesern über Ihr Werk „Libellenflügel Postzustellung“ Näheres berichten? 

Szenische Lesung in der Buchdruckerei Nessing, Berlin,
vor dem Einzug in das neue Quartier,spektakulär
 am Flaschenzug hängend 
Christian Ewald:  Diese Edition von 2012 hat tatsächlich "Weimarer Nähe", sogar die unmittelbarste, die es gibt. Von Zuhause aus zum Schloss Belvedere, zu unserem damaligen großen Feld und Garten, der alle Obstsorten und sogar Tabakpflanzen zur Ernte brachte, führt die Spur des Briefträgers Herrn Ullrich, der die ersten Versuche meinerseits, über das "eingemauerte" Land Briefkontakte in die sogenannten "kapitalistischen Länder" zu unterhalten, mir diese aushändigte, nicht ohne Spannungen, nicht ohne Verklebtheit mit dem Stempel: "Postbeschädigt eingegangen"; ein glatter Schnitt überführte sogleich zur Lüge. Gern habe ich ihm dieses seitenbewegende Denkmal unglaublicher Vorgänge und Begegnungen gewidmet, das sogar einen Briefwechsel des Postboten mit der Schlossherrin, original beigelegt, im Buche transportiert. (Im Vorzug mit einer nahezu unglaublichen Siebdruck-Graphik auf Salem Gelb Oval-Papier, 25g/qm) 

Helga König:  Welche Bedeutung haben Goethe, Schiller und Heine für Ihre Werke? 

Messestand zur "Cologne Fine Art", 2007 
Christian Ewald:  eine große, denn es sind wiederum ganz spezielle Editionen, die wiederum selbst etwas "Neues" bieten. Bei Goethe ist es eine überlieferte Begebenheit, die bei einem Besuche in Ehringsdorf (1777/78) passierte und mit den Augen eines dort Geborenen heute gesehen und als Kind gehörte Erzählung sozusagen bewahrt wiedergegeben wird. "Goethe in Ehringsdorf" -- hand-geschrieben, die Seiten übernäht und illustriert bekam im Wettbewerb der "Buchkunst Weimar" 2011 zum Goethe-Thema den Preis der Anna Amalia Bibliothek dortselbst. Ein bibliophiles "Bruch-Stück" in der Goethe-Rezeption . . . und bei Schiller wurde die nahezu unglaubliche Leistung, das damals bei den Umlauten "übersetzte" e anstelle des Doppelstriches im Bleisatz noch herstellen zu können wie bei der Erst-Ausgabe 1786 - typographisch in der Papiermühle Basel von Markus Müller gefertigt -- ein Wunder! Und bei Heine: Die Seelenverwandtheit von Heine und Kopelew, beide Dichter "vom und am Rheine", waren beide von der Idee ergriffen, zwischen dem Land ihrer Zuflucht und dem Land ihrer Herkunft das Wort als Brücke einzusetzen. So fand, trotz des plötzlichen Todes von Kopelew, diese Würdigung von Heine im Sinne Kopelews statt. 

Helga König: Wie viele Projekte im Jahr sind bei Ihnen Usus und wie darf man sich den gedanklichen Prozess vorstellen, der zu den jeweiligen Editionen führt?

Interview  in der "Umsatzwohnung" infolge der Rekonstruktion
der denkmalgeschützten Werkstatt des Katzengrabens 14,
Berlin-Köpenick 
Christian Ewald:  Es gibt immer eine Vielzahl an Vorhaben, von denen einige auf Grund von zufälligen wie bedachten Ideen den Arbeitsvorzug bekommen . . . , bei manchen sind mehrere "Fach-Werkstätten" beteiligt, was immer zu sehr unterschiedlichen Aufwendungen führt. Auch gibt es gedankliche "Achsen", mit denen die Bücher ins Rollen kommen . . 

Helga König: Können Sie etwas zu Ihrem Werk "Heringe" berichten? 

Christian Ewald:  Auslöser dieser Edition war ein Fund: 1972 hatte ich als Student bei einer Haushaltsauflösung ein Photo-Album über eine Fischkonservenfabrik in Berlin entdeckt, das alle Stationen der Herstellung dieser Unternehmung zeigte - ein Zeitdokument unglaublicher Individualität aus den Jahren vor dem Krieg. Über dreißig Jahre lagerte dieses Album wissentlich bei mir, auf eine Gelegenheit wartend, eventuell daraus etwas zu machen . . . Zweiter Auslöser war die Zusage vom Dichter-Verleger Michael Krüger (Hanser), gern einmal etwas für den Verlag zu schreiben . . ., da waren die sehr ansehnlichen Photographien genau das "Richtige" für ihn . . . und sie wurden zur Grundlage einer fiktiven Familiengeschichte in einer sehr persönlichen Stellung zum Hering. Dritter Auslöser: Ist die Verpackung, die für jedes Buch immer aus den Möglichkeiten des Inhaltes entspringt und für jedes Buch immer individuell gefertigt wird. Also: Eine Büchse als Schuber, aus Karton entwickelt und gearbeitet, bedruckt und mit Buch verbracht. Wie die Heringe daselbst . . . Ergebnis: Auf der Shortlist der Besten deutschen Bücher der Stiftung Buchkunst die Nummer 1. Und bei den Vorzügen (99 Expl.) eine allererste Pop-up-Grafik: "Herr Inge pumpt fleißig Zitronensaft, während Herr Buchmann in der Stadt spazierend Pökelsalz kauft." 

Helga König: Welche Edition planen Sie derzeit?

Christian Ewald:.. . das bleibt immer ein Geheimnis, denn erst wenn alle Zusammenhänge stimmen, die Fertigung bereits "am Laufen" ist, da wird es etwas gelüftet . . . Derzeit ist noch eine Ausstellung in Weimar (Galerie zum Riesen) davor, eine Broschur zum Stomps-Preis aus aktuellem Anlass, eine Broschur zu Albert Schweitzer demnächst, . . . bevor sich dann der Mantel hebt zur Frankfurter Buchmesse im Oktober: "Gestatten, die Edition . . .

Lieber Christian Ewald, herzlich Dank für das aufschlussreiche Interview.  

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie auf die Website  von Christian Ewald: www.katzengraben-presse.de

Fotos: aus dem Bestand von Christian Ewald.

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