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Helga König im Gespräch mit dem Schriftsteller Imre Török über seinen Roman "Die Königin von Ägypten in Berlin"

Lieber Imre Török, dieser Tage habe ich Ihren neuen Roman "Die Königin von Ägypten in Berlin" auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiert. Heute nun möchte ich Ihnen einige Fragen dazu stellen.

Anbei der Link  zur Rezension: "Die Königin von Ägypten in Berlin"

Helga König: Djavidan Hanum, die Protagonistin Ihres Romans "Die König von Ägypten in Berlin" ist eine Ihrer Verwandten.Was hat Sie dazu veranlasst, Djavidan in diesem Roman unsterblich zu machen?

 Imre Török
Imre Török: (lacht) "Unsterblich" hat sich Djavidan Hanum, die Gräfin May Török von Szendrő selber gemacht. Ich sorge dafür, dass diese wunderbare Frau nicht in Vergessenheit gerät. Die Frauenrechtlerin, die Schriftstellerin, Komponistin und Malerin, die ganze Persönlichkeit fasziniert mich. Eine hoch intelligente, belesene, philosophisch gebildete Frau, die in vielen Sprachen und Kulturen zuhause war. Zugleich war sie ein Mensch von tiefer emotionaler Hingabe und von leidenschaftlicher Sehnsucht nach Menschlichkeit und Liebe geprägt. Mit Witz, Spontanität und Direktheit konnte sie aber andere schon mal aus der Fassung bringen. Die Verwandtschaft spielte bei meiner Entscheidung für den Roman lediglich die Rolle, dass ich ein bisschen mehr über sie weiß als was allgemein bekannt ist. Entscheidend ist ihre Persönlichkeit. 

 Helga König
Helga König: Sicherlich haben Sie Djavidans Buch "Harem" schon als junger Mensch gelesen. Welchen Eindruck hatten Sie damals von diesem Werk? 

Imre Török: Als jungen Mensch wusste ich wenig über Djavidan, aus Erzählungen meines Vaters. Auf ihr Buch "Harem" stieß ich in einer Neuausgabe bei dtv 1991. Ich habe es verschlungen, begann weiter zu recherchieren, bis ich so viel über sie wusste, dass sie sozusagen vor mir stand. Ich verspürte – man verzeihe mir als einem streng naturwissenschaftlich denkenden Menschen die Formulierung – eine mystische Verbundenheit. Ich beschreibe diese Seelenverwandtschaft übrigens im Roman, allerdings verfremdet als Verbundenheit zwischen Djavidan und Nofretete. Stolzer Besitzer der seltenen Erstausgabe ihres Buches von 1930 bin ich erst seit einigen Jahren, ein Freund hat es in einem Internetantiquariat entdeckt. Es war nicht billig, aber ich musste das Buch so vor mir haben, wie Djavidan es in den Händen gehalten hat. Ich bringe viel aus "Harem" in meinen Roman ein, manchmal auch wörtlich zitiert, wenn ich Djavidan länger etwas ausführen lasse, zum Beispiel wenn sie von Flüchtlingen erzählt. Das ist Originalton. Die magischen Momente meines Romans stehen allerdings in keinem Widerspruch zu meiner wissenschaftlich geprägten Weltsicht. Was ich über die Magie der Kunst und der Kreativität oder über scheinbar Mystisches schreibe, steht in engem Zusammenhang mit Erkenntnissen und Thesen, die uns Quantenphysik oder Kreativitätsforschung aufzeigen.

Helga König: Ihre Eltern haben während der NS-Zeit in Weimar gelebt, entnimmt man der Rückseite Ihres neuen Buches. Haben Sie später mit beiden über deren Leben dort gesprochen und falls ja, was haben diese Gespräche bei Ihnen bewirkt? 

Imre Török: Meine Mutter hat damals in Weimar gelebt, sie hatte schon als 21jährige ein Engagement als Balletttänzerin und Sängerin am Nationaltheater. Ihre Karriere hat das faschistische Reich zerstört. Mein Vater war ungarischer Diplomat in Berlin; er lebt nicht mehr. Von beiden entschiedenen Gegnern des Faschismus habe ich sehr viele Informationen und Anregungen bekommen, die ich gar nicht alle in diesen Roman einbetten konnte. Sie kommen dann im dritten Teil meiner "Heimat-Trilogie". Hier im zweiten Teil steht Djavidan Hanum, die Gräfin May Török von Szendrő im Mittelpunkt. Sozusagen mit "ihren Augen" schaue ich auf die Zeit. Mein Elternhaus, später das Studium beim Philosophen Ernst Bloch, hatten großen Einfluss darauf, dass ich alles Antidemokratische entschieden bekämpfe und für die uneingeschränkte Würde des Menschen – nicht nur in Büchern, auch politisch aktiv – eintrete. Das verbindet mich mit Djavidan. 

Helga König: Sie haben in einem vorangegangenen Interview, das wir beide realisiert haben, gesagt, dass sie alles, - Tagebücher, Briefe-, die sie von Sophie Scholl finden konnten, gelesen haben. Es sei fast wie eine Seelenbrücke gewesen. Zudem haben Sie Protokolle der Verhöre durch die Gestapo ausfindig gemacht. Ist Sophie Scholl für Sie die symbolisierte Schönheit des Gewissens und wenn ja, wodurch wird das besonders deutlich? 

 Imre Török
Imre Török: Ja, Frau König, ich erinnere mich gut an unser früheres Interview. Damals sprachen wir über Sophie Scholl und den Film, für den ich recherchiert hatte. Und ich wusste, dass ich diese wunderbare Widerstandskämpferin in meinen Roman – der in Arbeit war – einbringen werde. Djavidan und Sophie la Bendola (meine Mutter) im Roman waren auch im tatsächlichen Leben Gegner des NS-Regimes. Sophie und Hans Scholl gingen an die Grenze der Gewissensentscheidung. In einer Diktatur, im Faschismus bezahlt man dafür mit dem Leben. 

Ja, das war in jener menschenverachtenden Diktatur und ist auch heute in diktatorischen Systemen der höchste, schauerlichste Preis für die Schönheit des Gewissens. Die Knechtung und Hinrichtung durch ein gewissenloses Regime. Sophie Scholl steht für mich tatsächlich als herausragende Symbolfigur für all jene Frauen, deren "Schönheit des Gewissens" unbeugsamen Widerstand gegen Entmenschlichung befiehlt. Es ist nicht von ungefähr, dass ich im Roman die tatsächliche Verbundenheit Djavidans mit Istanbul so hervorhebe und damalige Vorzüge der türkischen Republik dem faschistischen Reich gegenüberstelle. Es ist nur ein kleiner Gedankenschritt für Leser, weiter zu denken. Ich bin vielen Menschen, insbesondere einer Dichterin in der Türkei persönlich tief verbunden, deren "Schönheit des Gewissens" ich bewundere und um deren Wohlergehen ich seit Jahren bange. Mein Buch ist nicht nur ein historischer Roman. 

 Helga König
Helga König: Wie bewerten Sie das Schönheitsdenken der alten Ägypter? 

Imre Török: Meine erste Begegnung mit Ägypten war ein Jugendbuch, als ich noch in Ungarn gelebt habe, das mein Interesse für die "magieerfüllte" Kultur am Nil geweckt hatte. Zahlreiche Anregungen folgten, später vermittelt durch Djavidan Hanum bis Nagib Machfus. Herausragend ist für mich die Zeit von Echnaton und Nofretete als historisch wohl erste großartige revolutionäre Hinwendung zur Schönheit. Die Sonne als Lebensspenderin rückt in den Mittelpunkt der Weltanschauung, der Religiosität, der schönen Künste. Es endete als niedergeschlagene Revolution, durch die "lichtscheue" Priesterschaft, die ich in meinem Roman als "Grottenmolche" bezeichne. 

Naziführer, Faschisten sehe ich als Nachfolger dieser düster okkultistischen Verehrer des Rückwärtsgewandten an. Die Schönheit einer altägyptischen Isis aber, der Welterzählerin, der Göttin des Meeres, der Erde, des Himmels, der Liebe, diese Schönheit pflanzt sich fort, blüht auf in einer Sophie Scholl, in einer Djavidan Hanum. Schönheitsdenken (Nofretete), Naturverbundenheit, Verehrung der Tiere, eine Symbolfigur wie die Göttin Isis, sie sind ganz frühes Verlangen nach der Schönheit des Gewissens, nach der Harmonie des Seins.

Helga König: Manifestiert sich in einer Figur wie Ilse Koch das Böse als Ausdruck einer enormen Hässlichkeit des Gewissens und falls ja, können Sie dies näher ausführen? 

Imre Török: Ilse Koch, die Lagerkommandantin im KZ Buchenwald, wurde zu recht von den überlebenden Häftlingen als "Hexe von Buchenwald" bezeichnet. Hexe und Bestie. Ich habe viel historisches Material über sie gelesen. Mit Abscheu. Aber nicht nur in ihrer Person manifestiert sich im Roman die Hässlichkeit des Gewissens, das Böse. Es waren die ganz schlimmen Stunden bei der Arbeit an diesem Roman, mich auf Ilse Koch, Goebbels, Himmler ganz nah, fast schon intim im Fall der Ilse Koch, einlassen zu müssen. Ich wollte die geradezu unbegreifliche Hässlichkeit des Gewissens "nachempfinden", um sie drastisch der Schönheit des Gewissens bei Djavidan gegenüberstellen zu können. Wenn man genau hinschaut, beschreibe ich bei Ilse Koch aber nicht nur "das Böse", was außer Frage steht. Ich schildere sie auch als tragische Figur. Diese entsetzliche Notwendigkeit, sogar im Begreifen des Bösen vielschichtig zu betrachten und zu beschreiben, habe ich von meinem Freund und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész, einem Überlebenden des Holocausts, mit auf den Weg bekommen, der zeitweilig selber im KZ Buchenwald eingekerkert war.

Helga König: Ist die Hässlichkeit des Gewissens das Ergebnis überbordender Egomanie oder ist es etwas anderes? 

 Imre Török
Imre Török: Diese Hässlichkeit wurzelt tatsächlich in einem absoluten Fehlen des Gewissens. Im Roman schreibe ich, Gewissen ist die "wohl wunderbarste kreative Hervorbringung der Schöpfung". Oder: "In dieser Hölle des Menschseins ist die Schönheit des Ge¬wissens eine göttliche Herausforderung." Solche Aussagen beziehen sich immer auch auf heute. Gerade was Gewissen und Gewissenlosigkeit betrifft, hat mich beim Schreiben stets auch unsere Zeit schmerzlich bewegt. Etliches im Roman habe ich so formuliert, dass es unsere Welt mit widerspiegelt. Die "Dunkelheit in der Seele", Egomanie, Zerstörungswut, psychopathisches Denken und Handeln, das Fehlen jeglicher Demut vor der Schöpfung, wie wir das bei politischen Führern und ihren blindwütigen Anhängern beobachten können, sie stellen auch heute eine enorme Gefahr dar, die Erde in einen hässlichen, unbewohnbaren Ort zu verwandeln. Bei einigen Schilderungen von Kriegsszenen und Brutalität des Zweiten Weltkriegs hatte ich Syrien, Aleppo vor Augen. Ich war ja selber an der syrisch-türkischen Grenze bei Kobané, habe das Elend der Menschen hautnah miterlebt. 

 Helga König
Helga König: Kann die Dualität von Gut und Böse in dieser Welt aufgelöst werden und wenn ja wie?

Imre Török:  Hm. Wenn ich das wüsste! Es muss noch viel geforscht werden, um diese Dualität tiefer zu begreifen und einer Auflösung näher zu kommen. In meiner Weltanschauung ist Zukunft nicht "etwas "Zukünftiges", sondern bereits jetzt und schon immer da. Wir leben in einer Teildimension, was wir als Gegenwart begreifen. Natürlich konnte Djavidan solche modernen Erkenntnisse nicht kennen. Aber ihr Denken und Fühlen zeigen mir, dass sie eine Ahnung vom Vorschein des Künftigen hatte. Das Telefon in ihrer Kindheit war eine ganz junge Erfindung, sie besaß tatsächlich, wie im Roman ausgeführt, über ihren Stiefvater viel Wissen über die neue Technik. So lege ich ihr in den Mund, dass man irgendwann mit der Zukunft wird "telefonieren" können. Damit spiele ich auf "Wurmlöcher" im Universum und auf andere sehr interessante Erkenntnisse der modernen Physik an. Ich glaube, nicht esoterisch, sondern physikalisch, dass wir in der Lage sein werden, Zeitgrenzen zu überbrücken. 

Ich musste dieses Thema natürlich so behandeln, dass ich Djavidan nicht etwas andichte, was sie nicht wissen konnte. Also wird im Roman telefoniert, (lacht) nicht mit Smartphone, sondern mit der alten Wählscheibe. Der Schauspieler Mephisto ist für die Frage nach Gut und Böse zuständig. Er übernimmt schon im ersten der Trilogie, in "Insel der Elefanten" diese Rolle und führt sie fort. Ich deute ja manchmal an, dass er nicht nur ungemein gut die Rolle des Mephisto auf der Bühne spielt. Diese Romanfigur steht auch für die große Frage nach Gut und Böse in Literatur und Philosophie. Auf Goethes "Faust" oder auf Bulgakows "Der Meister und Margarita" spiele ich an. Eine kleine Hommage an Bulgakow ist die Szene mit dem Straßenbahnunglück in Berlin. Das ist Synchronizität, denn zur selben Zeit wird in München Sophie Scholl geköpft. Vergleichbares passiert in Bulgakows faustischem Roman. Es macht mir Spaß, versteckt auf großartige Werke der Literatur, der Kunst Bezug zu nehmen. (lacht wieder) Als Bonbon für besonders Literaturkundige. Die Dualität von Gut und Böse, die künftige Auflösung dieser Frage, ist schon jetzt da. Nur sind wir nicht reif, diese Auflösung bereits zu begreifen.

Helga König: Wodurch entsteht der Drang nach Vollkommenheit und wie könnte diese idealerweise ausschauen? 

Imre Török: Dieser Drang entsteht meiner Meinung nach aus dem Sog der Zukunft, was jedes Lebewesen spürt. Es ist also eigentlich nicht (nur) unser Drang, sondern wir folgen einer Anziehung. Jedes Werden im universellen Leben, jeder keimende Samen, jedes sich teilende Zelle oder die Vereinigung von zwei Zellen, bis hin zur Geburt neuer Sterne, alles strebt nach einer Art neuen Werdens. Vollkommenheit ist kein Zustand, sondern die stete Veränderung zu mehr Vervollkommnung. Einklang, Einvernehmen, Hingabe und Demut müsste das Menschenleben viel stärker prägen, eine Harmonie mit Natur und Naturgesetzen, dann wäre unser Weg freier zu mehr Vollkommenheit. Dahin deutet auch Djavidan, wenn sie Nietzsche zitiert, den sie tatsächlich geschätzt hat. 

Helga König: Sie schreiben an irgendeiner Stelle des Romans von einer altrömischen Weisheit, die da lautet "Die Willigen leiten die Geschicke. Die Unwilligen zerrt dasselbe Schicksal qualvoll dahin." Was bedeutet das auf Ihre Romanfiguren bezogen? 

 #Imre_Török
Imre Török: "Ducunt fata volentem nolentem trahunt" heißt der weise Satz im Original. Im Grunde besagt er das, was ich vorhin über Zukunft (auch Schicksal) als Sog gemeint habe. Ich müsste nun in eine sehr lange philosophische Betrachtung über die Freiheit des Willens, über Entscheidungsfreiheit eintreten. Verkürzt gesagt verkörpert Djavidan Hanum die Fähigkeit und den Geschick, ihren festen Willen in Einklang mit den sich wechselnden Herausforderungen zu bringen. Oft mühevoll. Doch nur dadurch meistert sie Lebensbedrohung und herannahende Katastrophen. Ihre Gegenspielerin Ilse Koch hört, trotz ihrer Dominanz und furchtbarer Macht, nur ein "Summen". Es ist dasselbe "Summen", was auch die KZ-Häftlinge traumhaft hören. Sie jedoch ist seit jeher unfähig, sich von etwas wirklich Höherem leiten zu lassen. 

Ich beschreibe sie in ihrem entsetzlichen psychischen Elend. Auch eine Szene, die zu schreiben mir unendlich schwer gefallen war. Die Romanfigur Josef, einen herzensguten Menschen, der aber unwillig oder unfähig ist zu vertrauen, den zerrt des Schicksal in die Katastrophe. Es geht mir nicht nur um Romanfiguren. Die großartigen Tragödien seit der Antike erzählen, dass wir oft keine Entscheidungsfreiheit haben. Ein wunderbarer Erfahrungsschatz unserer Kultur. Doch vielleicht gewinnen wir eine kreative Freiheit, indem wir lernen, dem Werden, dem Werdenwollen hin zur Schönheit Gewissens willig zu folgen. Diese Magie des Schicksals, die ich in den Istanbul-Impressionen von Djavidan anklingen lasse, ist in ihrer hinreißenden Schönheit letztlich einfache, natürliche Erwartung der Zukunft, die bereits in uns lebt. In der Seele ist es immer Jetzt.

Lieber Imre Török, ich danke Ihnen vielmals für das aufschlussreiche  Gespräch. 

Ihre Helga König

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