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Helga König im Gespräch mit Dr. Uwe Prell über seinen Roman "Der jüngere Bruder"

Lieber Dr. Uwe Prell, dieser Tage habe ich auf "Buch, Kultur und Lifestyle"  eine Rezension zu Ihrem Roman "Der jüngere Bruder" verfasst.  Deshalb möchte ich heute einige Fragen an Sie richten.

Hier der Link zur Rezension:  "Der jüngere Bruder"

Helga König:  Während in der Studentenbewegung der 1968er Jahren an großen deutschen Universitäten gegen den Vietnamkrieg demonstriert wurde, sind die Protagonisten Ihres Romans im Badischen in der Bündischen Jugend organisiert und leben dort Ideale von Vorgestern. Hat die Jugend in der Provinz bei den Bündischen damals soziale Orientierung gesucht? 

 Dr. Uwe Prell
Dr. Uwe Prell:  Natürlich. Menschen suchen immer Orientierung und in diesem Alter besonders. Die Bündische Jugend ist in den 60er Jahren eigentlich ein Restbestand, der versucht Anschluss zu halten an die Zeit. Im Roman hat mich interessiert, ob und wie so ein Transformationsprozess funktioniert. In der Geschichte fallen zwei Dinge zusammen: sehr restriktive Strukturen und Figuren, die sie in besonders übler Weise ausnutzen. Eine explosive, gefährlich Mischung. Mir war beim Schreiben nicht klar, wie aktuell dieses Thema ist. 

 Helga König
Helga König: In welcher Weise wurden Bündische im realen Leben geprägt und welche Vor- und Nachteile hatte dies für den späteren Lebensverlauf? 

Dr. Uwe Prell:  Einer der beiden Erzählstränge beschreibt das Leben in einem Sommerlager 1967, der andere die Ermordung des Generalbundesanwalt Siegfried Bubak, seines Fahrers Wolfgang Göbel, und des Leiters der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft, Georg Wurster, am 7. April 1977. Lager wie das beschriebene Sommerlager sind Parallelwelten. Wenn die Gegenwart unübersichtlich und der Aufenthalt freiwillig ist, sind solche Welten attraktiv. Sie machen das Leben einfach und überschaubar. Den beschriebenen Fall prägen Gefühlskälte und Rücksichtslosigkeit, die sich als echte Werte tarnen. Eine sehr archaische, robuste Welt. Sie zu kennen hat sich als unerwartet wichtige Erfahrung erwiesen, denn im Moment scheint Rücksichtslosigkeit weltweit im Aufschwung.  

Helga König: Waren die 68er –Ikonen Vorbilder für die sogenannte "Generation Golf" und wenn ja, wie hat sich das geäußert? 

Dr. Uwe Prell:  Sie waren älter, fuhren Mopeds, hatten coole Freundinnen, durften alles, wussten alles. Na klar waren sie Vorbilder. Wir wollten sein wie sie. 

Helga König: Welchen Stellenwert hatte in der Generation Volkers in dessen Jugendzeit Musik, war "echte" Musik tatsächlich nur jene der Vorgeneration und wenn ja weshalb? 

Dr. Uwe Prell:  Der Unterschied zu heute besteht darin, dass sie nicht dauernd und überall verfügbar war. Musik zu hören,  bedeutete,  zum Beispiel nach der Schule zu irgend jemand zu fahren und eine LP zu hören. Man fuhr natürlich zu dem, der den DUAL Plattenspieler hatte. Dann wurde eine LP aufgelegt und zugehört. Zuhören hieß,  zuhören. Kein Gequatsche, nicht in Zeitschriften blättern und Handys gab es nicht. Man saß auf dem Boden, trank im besten Fall Tee und hörte eine LP. "Wish you where here" von Pink Floyd haben wir mindestens ein halbes Jahr jeden Tag komplett gehört. Wenn Sie sich so in eine Musik versenken, kennen sie noch nach Jahrzehnten jeden Ton und die Musik bedeutet etwas für Sie. Sie ist weder besser noch schlechter als heute, aber sie hat für Sie eine besondere Bedeutung. Stones, Cream, Beatles, Beach Boys, das war die Musik der älteren Brüder, mit der sind wir aufgewachsen. Unsere Musik war das nicht. Unsere Musik waren Slade, Sweet, Steve Harley, David Bowie. Diese Musik mochten die Älteren nicht und machten sich über sie lustig. Als wir anfingen das zu hören, merkten wir: Jetzt werden wir erwachsen. 

Helga König: Kann es sein, dass die Generation Achims im Gegensatz zur Generation Edgars kein wirkliches Problem mit ihren Eltern, wohl aber mit ihren 68er Brüdern hatte und wenn ja weshalb?

 Dr. Uwe Prell
Dr. Uwe Prell:  Das stimmt. Ich gehöre ja zu dieser Generation. Und wir hatten mit den Eltern nur deshalb ein Problem, weil die Älteren ein Problem mit ihnen hatten. Aber die Absolutheit ihrer Ablehnung hat uns abgestoßen. Wir saßen in der Falle und wussten nicht was wir tun sollten. 

Helga König: Wie erklären Sie sich die Sprachlosigkeit der Peergroup-Mitglieder in Ihrem Roman?

Dr. Uwe Prell:  Genau dadurch. Wir mochten unsere älteren Brüder und unsere Eltern und hatten keine Ahnung, wie wir aus diesem Problem herauskommen, geschweige denn, wie wir es artikulieren sollten.

 Helga König
Helga König: Wie definiert sich die Freundschaft zwischen Volker und Achim? Sind sie befreundet? 

Dr. Uwe Prell: Die beiden gehen ja nicht sehr emphatisch miteinander um. Was sie aber verbindet, ist ihre Art gemeinsam Werte zu finden. Im Streit stellen sie fest, dass sie zu wichtigen Fragen die gleiche Haltung haben. Das verbindet stärker, als alles andere. Außerdem ist ihnen nach dem Konflikt im Lager klar, wie demokratische Verfahren missbraucht werden können. Dadurch werden ihnen einerseits deren Schwächen klar, andererseits verstehen sie, dass Demokratie mehr ist als ein formales Verfahren und sie beginnen sie zu schätzen. ...doch: Das zwischen den beiden ist eine Freundschaft.

Helga König: Haben die jungen Männer in ihrem Buch Angst vor Frauen und wenn ja wie zeigt sich das? 

Dr. Uwe Prell:  Unter den jungen Menschen ist die Gleichberechtigung zu jener Zeit kein großes Thema. Um 1960 Geborene werden groß in einer Welt, in der die Folgen des Weltkriegs noch präsent sind. Kriegsruinen und Kriegsversehrte gehören zum Alltag. Die verschwinden erst später. In der Situation gibt es genau drei Auswege: Bildung, Bildung und Bildung. Es geht um Talente. Wir sind eine bildungsbesessene Generation. Wenn ich an meine Lehrer denke, sind sie für mich immer noch die wahren Helden der Nachkriegsgeschichte, weil sie zwei Dinge schaffen: Sie lassen niemanden fallen und sie setzen sich persönlich ein, manchmal kümmern sie sich mehrfach in der Woche, um die, die Schwierigkeiten haben mitzukommen. Und die Spitze haben sie geködert mit den anspruchsvollen Aufgaben. Mein Mathematiklehrer in der Realschule – und die Realschule zu erreichen, war schon ein Aufstieg – ist am Ende nicht etwa stolz auf die Besten, sondern auf den Durchschnitt. Er motiviert die Klasse so, dass alle die Mittlere Reife schafften und er erreichte den besten Mathedurchschnitt einer Klasse bis dahin. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendeine Lehrerin oder ein Lehrer uns ungleich behandelt hat. Auch wenn die Protagonisten des Romans altersbedingt natürlich verklemmt sind, in der Gleichberechtigung waren wir schon weiter. 

Helga König: Weshalb löst das Attentat an Buback aber auch der Tod Achims kein erkennbares Mitgefühl, keine Trauer bei Volker aus? 

Dr. Uwe Prell:  Oh, beides löst Gefühle und Mitgefühle aus und zwar so intensiv, dass sie über Jahrzehnte wirken. Das vermittelt sich im Roman hoffentlich durch die Sprache, durch das, was gesagt und das, was nicht gesagt wird. Ich habe zu der Zeit in der Region gelebt. Die Ermordung von Generalbundesanwalt Buback und seinen Begleitern war eine Zeitenwende. Wer sich bis dahin nicht sicher war, ob an dem ein oder anderen Argument der RAF vielleicht nicht doch etwas richtig sein könnte, in dem Moment war klar: Das ist ein fataler Irrweg. Er bewirkt das Gegenteil dessen, was er in seinen Anfängen vielleicht einmal beansprucht hat. Die, die Fortschritt predigten, waren nichts anderes als Mörder. Der Mord geschah am Gründonnerstag 1977. In Nordbaden beginnt der "Deutsche Herbst" im Frühjahr. Für uns um 1960 geborene gab es danach keine Vorbilder mehr, wir mussten unseren eigenen Weg finden. Äußern konnten wir das kaum und wir wären auch gar nicht zu Wort gekommen. Also schwiegen wird über unsere Ideen und über unsere Gefühle. Und vergessen Sie nicht: Über Gefühle bestand zu dieser Zeit keine allgemeine Mitteilungspflicht. 

Helga König: Ist die Generation Volkers eine politisch orientierungslose Generation, eine Generation der Mitläufer, die leicht beeinflussbar, heute in der Scheinwelt der Werbung ihr Heil sucht? 

Dr. Uwe Prell:  Die "Generation Golf" ist schon eine andere. Sie ist jünger. Die Generation, die mich interessiert und die ich beschreibe, hängt genau dazwischen. Keine "68er" mehr und noch nicht "Generation Golf". Für die Zwischengeneration sind die Älteren zu laut, die Jüngern zu bunt, die einen haben zu viel im Kopf, die anderen... na ja, es gibt in jeder Generation brillante Köpfe. Es ist die Generation der "zweiten" Frauen und Männer. Sie finden nur wenige in den absoluten Top-Positionen. Sie finden sie dahinter. Unvermindert politisch interessiert und informiert, natürlich auch Konsumenten, aber zurückhaltend. Fragen Sie mal einen um 1960 geborenen, wie viele Schuhe er hat. Von Ausnahmen abgesehen: Für die Schuhindustrie ist das keine erfreuliche Antwort. Aber die nächste Generation gleicht das ja aus. Das alles ist der Mangel und die Schwäche dieser, meiner Generation, aber vielleicht ist es auch genau unsere Qualität. Um es auf den Punkt zu bringen: Beatles und Stones oder Techno und House? – Lieber Led Zeppelin! Sozialismus oder Kapitalismus? – Soziale Marktwirtschaft, und zwar genau fifty-fifty. Altenkommune oder WhatsApp-Group? – Wissen Sie, um eine Reise zu verabreden reicht uns immer noch der Satz: „Freitag 17:00 Uhr an der Tankstelle fürs Wochenende?“ Dann kramen wir die alte Honda oder den weißen Kadett vor, treffen uns – ohne weitere SMS oder WhatsApp-Nachricht – zur angegebenen Zeit am angegebenen Ort und fahren zum Frühstück nach Marseille.

Lieber Dr. Uwe Prell, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

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