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Helga König im Gespräch mit Dr_Liane_Bednarz über das Buch "Gefährliche Bürger -Die Neue Rechte greift nach der Mitte" - Hanser

Liebe  Frau Dr. Bednarz,  vor geraumer Zeit habe ich auf "Buch, Kultur und Lifestyle" das Buch "Gefährliche Bürger- Die Neue Rechte greift nach der Mitte" rezensiert.  Zu  diesem Werk nun möchte ich Ihnen einige Fragen stellen.


Helga König: Heiner Geißler sagte neulich im Deutschlandfunk mit Blick auf rechtsradikale Umtriebe und die Pegida-Bewegung, er fühle sich an die Verhältnisse der Weimarer Republik erinnert. Sie sind ja zu ganz ähnlichen Ergebnissen in Ihrem Buch gelangt. Gibt es Anzeichen, dass sich der Trend durch die Kölner Ereignisse in den letzten Wochen noch verschlimmert hat? 

 Dr. Liane Bednarz
Dr. Liane Bednarz: Ja, solche Anzeichen gibt es. Nun sind die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln fraglos erschütternd, und den Tätern muss mit der vollen Härte des Rechtsstaats begegnet werden. Auch ist verständlich, dass das Ausmaß der Übergriffe gegenüber Frauen zu Verängstigung in der Bevölkerung führt. Jedoch haben Rechtspopulisten und radikale Neurechte die Vorfälle zum Anlass genommen, um ihre Stimmungsmache gegen Flüchtlinge, Migranten und die Regierung nochmals deutlich zu intensivieren. Mit Erfolg. Viele Bürger, die sich ohnehin schon länger gen rechts radikalisieren, fühlen sich in ihren Vorurteilen bestätigt und agitieren nun ihrerseits noch mehr gegen Asylbewerber. Das ist vor allem auf Facebook und Twitter zu sehen. 

 Helga König
Helga König: Stimmen Sie Heiner Geißler zu, dass die Panikmache im Hinblick auf die Flüchtlingsdebatte zwischenzeitlich auch Teile der deutschen Publizistik, der Medien und der Printmedien erfasst hat und wenn ja, woran ist dies erkennbar? 

Dr. Liane Bednarz: Die Panikmache macht in der Tat vor manchen Teilen der deutschen Publizistik nicht Halt. Vor allem einige Männer eher konservativer Medien haben sich in eine "Merkel muss weg"-Agenda hineingesteigert und produzieren fortlaufend Artikel dieser Sorte. Je länger Merkel sich im Amt hält, umso schärfer wird der Tonfall. Das immer rechtspopulistischer werdende Magazin "Cicero" nimmt hier in Gestalt seines Chefredakteurs Christoph Schwennicke und des Kulturressortleiters Alexander Kissler eine besonders unrühmliche Rolle ein. Neben den ideologisch Gedrifteten gibt es dann auch noch die Opportunisten, die sich vom Rechtskurs steigende Auflagen erhoffen. Bei manchen sind beide Motivationen ineinander verwoben: Sie starten opportunistisch und enden als Überzeugungstäter. 

Helga König:  Was sind die Hauptthesen Ihres Buches? 

Dr. Liane Bednarz:  Die Hauptthese besagt, dass es der Neuen Rechten gelungen ist, ihr Gedankengut in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft hinein zu infiltrieren, ein Meilenstein auf dem Weg hin zu der von ihr angestrebten "kulturellen Hegemonie". Ihre Positionen sind zwar Gott sei Dank immer noch nicht mehrheitsfähig, aber leider doch von einem nicht insignifikanten Teil ehemals moderater Menschen adaptiert worden. Eine weitere These ist, dass sich ausgerechnet Teile des konservativen Christentums als besonders anfällig für den Jargon und die Ziele der Neuen Rechten erwiesen haben. Im Grunde sind das beides nicht nur Thesen, da sich das Ganze an vielen Beispielen belegen lässt. Auch betonen wir, dass die AfD längst massiv von radikalen Rechten rund um Björn Höcke unterwandert ist. 

Helga König: Wodurch werden radikale Agitatoren aus den Reihen der AfD oder Pegida attraktiv für die bürgerliche Mitte? 

 Dr. Liane Bednarz
Dr. Liane Bednarz: Anscheinend existiert so etwas wie eine "Lust am Radau". Vor allem bei vielen älteren prominenten männlichen Intellektuellen sieht man das. Wer im Frühling seines Lebens ein stramm linker, bisweilen gar kommunistischer Rebell war, gibt nun in den eigenen Herbst- bzw. Winterjahren eine Art "konservativen Revolutionär". Siehe Sloterdijk, siehe Safranski, siehe Matussek. Bei denjenigen, die schon immer konservativ waren, hat sich in Jahrzehnten ein Frust aufgestaut, weil die eigenen Positionen nicht mehrheitsfähig sind. Da ist es bequem, sich in die Opferrolle à la Sarrazin zu flüchten und einen imaginierten "linksgrünversifften" (Pirinçci) "Tugendterror" zu bekämpfen. Allen Genannten ist die Wertschätzung der pluralistischen Demokratie abhanden gekommen, so sie eine solche jemals hatten. 

 Helga König
Helga König: Welche Pläne hat nach Ihrer Meinung die neue Rechte und von wem wird sie finanziert?

Dr. Liane Bednarz: # Zu der Finanzierung kann ich nichts sagen. Die Pläne der Szene hat Felix Menzel, Kopf des der "Identitären Bewegung" nahestehenden Jugendmagazins "Blaue Narzisse", im Herbst 2015 in einem Artikel deutlich geäußert. Man will in zehn Jahren an der Macht sein. Aufrufe zum "Widerstand" und Drohungen gegen Kritiker, wie sie derzeit immer deutlicher zu vernehmen sind, fungieren als Mittel zur "Einschüchterung der Herrschenden". 

Helga König: Wie schaffen es die Szeneprotagonisten der neuen Rechten stets neue Jünger in ihr Boot zu locken? 

Dr. Liane Bednarz:  Sie schaffen es, indem sie Zweifel und Ängste sähen. Fortlaufend werden die etablierte Politik und die seriösen Medien diskreditiert, Stichworte: "Volksverräter" und "Lügenpresse". Menschen sind tendenziell anfällig für Ressentiment gegenüber dem "Establishment" und merken nicht, dass die Neue Rechte Fundamentalkritik am "System" betreibt, um ihr völkisches Weltbild durchzusetzen. Stattdessen meinen sie, ihnen würde endlich die politische "Wahrheit" gesagt, obwohl es so etwas wie eine politische "Wahrheit" in einer pluralistischen Demokratie gar nicht gibt. 

Helga König: Sie schreiben, dass führende Köpfe der AfD einer Generation entstammen, die mit dem letzten Krieg aktiv nichts mehr zu tun hat. Wieweit ist diese Generation durch den Einfluss ihrer Großväter geprägt? 

Dr. Liane Bednarz: Schwer zu sagen. Wie die ZEIT herausgefunden hat, hatte z.B. der Großvater von Björn Höcke offenbar einen prägenden Einfluss auf ihn http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-02/bjoern-hoecke-afd-rechtspopulismus-portraet/seite-2

Helga König: Welche Möglichkeiten bieten sich uns allen, die Aufklärung im Netz zu maximieren?

 Dr. Liane Bednarz
Dr. Liane Bednarz:  Das Netz bietet großartige Möglichkeiten, um zur Aufklärung über die gefährlichen Strategien und Ziele der Neuen Rechten beizutragen. Die Zivilgesellschaft muss insgesamt gerade im Netz viel aktiver werden. Facebook und Twitter bieten hierfür großartige Möglichkeiten. Durch das Posten von Artikeln, die über die AfD, Pegida und die Neue Rechte aufklären, kann man den eigenen Freundeskreis oder mindestens Teile davon gegen dieses Gedankengut immunisieren. Ich habe den Eindruck, dass dies immer stärker geschieht, was gut ist. Auch erhalte ich viele Zuschriften von Lesern, die mir sagen, dass sie nun selbst die Demokratie im Netz gegen die Agitatoren verteidigen wollen. 

Helga König: Halten Sie die AfD und Pegida für eine vorübergehende Zeiterscheinung? 

Dr. Liane Bendarz:  Leider nein, denn dafür haben sie sich bereits zu sehr etabliert und fanatische Anhänger gefunden. Es wird nicht leicht, sie wieder zurückzudrängen. Dennoch wird uns das irgendwann gelingen, Es wird bloß Zeit, Mühe und Ausdauer erfordern.

Liebe Frau Dr. Bednarz, ich danke Ihnen  für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König


Das Buch ist überall im Fachhandel erhältlich.
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Liane Bednarz, Dr. iur., ist Juristin und Publizistin (Politik und Feuilleton). Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", im "Tagesspiegel", in der katholischen "Tagespost", in "Christ & Welt/DIE ZEIT", im "European" und auf den Autoren-Blogs "Starke Meinungen" und "CARTA". Auftritte in Funk und Fernsehen (u.a. ARD "Tagesthemen", "ZDF heute journal", "ZDF Mittagsmagazin", "Capriccio", "Kontrovers" und "Abendschau" (alle Bayerischer Rundfunk), "WEST.Art Talk (WDR), Deutschlandradio Kultur, Nordwestradio, SWR 2, Bayern 2, MDR Figaro, SR 2. 2014 wurde sie mit dem Feuilletonpreis "Goldener Maulwurf"  ausgezeichnet. Sie lebt in München. Zusammen mit Christoph Giesa hat sie das Buch "Gefährliche Bürger – Die neue Rechte greift nach der Mitte" sowie das Ebook "Deutschland dreht durch – Die Wahrheit über die AfD" verfasst (jeweils Carl Hanser Verlag, 2015).

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