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Helga König im Gespräch mit dem Künstler Jan de Weryha-Wysoczanski

Lieber Jan de Weryha-Wysoczanski, Sie sind ein in Hamburg lebender Künstler, dessen Werke  man u.a. in der Dauerausstellung "Sammlung de Weryha" bestaunen kann. Damit die Leser  von "Buch, Kultur und Lifestyle" mehr über Sie erfahren, möchte ich einige Fragen an Sie richten.

Helga König: Sie wurden in Danzig geboren, doch Ihr Name deutet darauf hin, dass Sie auch französische Wurzeln haben. Ist Ihre Berufung im Hinblick auf Kunst ein Erbe Ihrer Vorfahren?

Jan de Weryha-Wysoczanski
Jan de Weryha-Wysoczanski: Ich kann Ihre Vermutung wegen des Namens nachvollziehen, Sie sind damit auch nicht die Erste… Dem ist aber nicht so, der Name mit dem französisch klingenden Adelsprädikat "de" stammt aus dem einstmals österreichischen Galizien. Unsere Familie lässt sich in diesem Gebiet bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen und ist vorher aus der Walachei eingewandert… Wenn dies jemanden wirklich interessiert, kann man über uns im Gotha mehr erfahren. 

Was die Kunst betrifft, hatte diese in meiner Familie stets ihren angestammten Platz gehabt. Nach all den Jahren und Generationen führte dies jedoch nie wie bei mir zu einem "Urknall". Ich würde sagen, dass es im Hinblick auf die Kunst nach mir vielleicht Nachfahren geben wird, die diesen Weg einschlagen werden. Da ist bereits ein weiteres Kettenglied vorhanden: Mein Sohn Rafael, zwar nicht selbst Künstler ist promovierter Kunsthistoriker. 

Helga König:  Wie definieren Sie den Begriff Kunst ? 

Jan de Weryha-Wysoczanski: Es gibt für Kunst viele Definitionen, die enzyklopädisch obligatorische, wie auch die unzähligen vom jeweils danach gefragten Menschen. Für mich sind dies immer Reflexionen von einem mehr oder weniger sensiblen Menschen – dem Künstler, auf alle "Dinge der Welt" bezogen. 

Helga König: Sie haben in Danzig an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste Bildhauerei studiert. Welchen Einfluss haben dort Prof. A. Wiśniewski und Prof. A. Smolana auf Ihre künstlerische Entwicklung gehabt? 

Jan de Weryha-Wysoczanski: Ich habe in den Jahren 1971-76 meine künstlerische Ausbildung an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste, heute Danziger Kunstakademie absolviert. Die sehr solide akademische Ausbildung im Bereich der Bildhauerei verdanke ich u.a. meinem Professor A. Wiśniewski. Meinem aus Galizien stammenden Lieblingsprofessor A. Smolana bin ich bis zum heutigen Tage dafür dankbar, dass er mir mit seiner selten anzutreffenden weltoffenen Weise und Klugheit den Raumbegriff immer wieder auf eine einzigartige Art und Weise zu erklären und beschreiben versuchte. Es war für mich jedes Mal ein wahnsinnig großes Vergnügen ihm dabei zuhören zu dürfen! 

Helga König: Sie haben unmittelbar nach Ihrem Studium bereits als freischaffender Künstler gearbeitet und leben seit 1981 in Hamburg. Was hat Sie bewogen, sich gerade dort niederzulassen? 

Jan de Weryha-Wysoczanski: Ich habe mich im Jahre 1981 entschieden meine Geburtsstadt zu verlassen, weil ich mit den damals dort herrschenden politischen wie auch gesellschaftlichen Zuständen nicht einverstanden war. Ich war damals noch jung und auch sehnsüchtig nach Freiheit. Die Wahl einer solchen Konstellation war mir damals leicht gefallen: Neben der polnisch-österreichischen Abstammung meines Vaters, stammt meine Mutter aus einer deutschen Familie. Ferner ist Hamburg wie Danzig auch hanseatisch.

Helga König: Sie arbeiten künstlerisch mit dem Material Holz und erforschen dieses auch näher. Können Sie unseren Lesern über ihr künstlerisches Schaffen mit diesem Material Näheres berichten?

 Jan de Weryha-Wysoczanski
Jan de Weryha-Wysoczanski: Meine künstlerischen Überlegungen in den letzten Jahren konzentrieren sich auf der Erforschung des Materials Holz, auf dem Begreifen seiner Struktur und seines Kernes, was zum denkbar höchsten Zustand führt, welcher auf der Zelebrierung des Archaischen im Holz beruht. Die Frage stellt sich bei mir: In wie fern darf man mit dem Eingriff das Material beeinflussen, so dass es seine Identität nicht verliert? Mein Schaffen basiert praktisch auf quasi drei Säulen und das sind der Schnitt, der Bruch und das Spalten. Begriffe wie Rhythmen, Spannungen, Maße, Dichte, Struktur sind ständig präsent. In meinen Holzobjekten gibt es keine Geschichten, keine Deutungen sind dort anwendbar. Sie sind sauber und klar, es geht nur um die Materialität des Holzes. 

Helga König: Welche philosophischen Gedanken liegen Ihrem Künstlertum zugrunde?

Jan de Weryha-Wysoczanski:  Ich strebe mit meinen Werken im "zweiten Leben" des Holzes, das uns seit Tausenden von Jahren ununterbrochen begleitet, Schutz, Wärme und Duft schenkt, nach Ruhe, Harmonie, Urkraft und Naturbalance im täglichen Stress. Ich versuche mich in meinem Schaffen immer wieder unter Zuhilfenahme einer einfachen Grammatik auszudrücken und tue nur das Nötigste, in der Hoffnung, dass das Material nicht verletzt und keiner Fremdbelastung ausgeliefert wird. 

Helga König: Sie haben sehr viele Ausstellungen realisiert. Was hat es mit der ständigen Ausstellung "Sammlung de Weryha" in Hamburg auf sich? 

Jan de Weryha-Wysoczanski: Ich hatte tatsächlich schon zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Mein Traum war es aber eine eigene Ausstellungsfläche zu haben. Bei so vielen Werken, die auch teilweise sehr groß sind und bei meinem Schaffenstemperament müsste ich trotz ständiger Teilnahme an Ausstellungen ein großes Depot haben. Die Alternative war viele Werke nicht verstecken zu müssen, sondern ständig zu präsentieren. 2012 ist es mir gelungen, diese Idee zu verwirklichen und seitdem existiert die ständige Ausstellung der Sammlung de Weryha in Hamburg zu meiner der Freude der Besucher.

Helga König: Können Sie unseren Lesern bitte Näheres zu Ihrer künstlerischen Arbeit "Mahnmal Bergedorf" berichten?

 Jan de Weryha-Wysoczanski
Jan de Weryha-Wysoczanski:  Dies ist das Mahnmal für die im Zweiten Weltkrieg in Hamburg-Bergedorf eingesetzten Zwangsarbeiter. Es wurde am 21. September 2012 enthüllt und steht auf der Schleusengraben-Promenade am Kampdeich in Hamburg-Bergedorf. Das Kunstwerk ist eine Betonstelle mit einem Sehschlitz aus Edelstahl, durch den die Sicht auf eigentümliche Weise gebrochen wird. Davor in den Boden eingelassen, befindet sich eine Gedenktafel aus Bronze mit der Inschrift: "Unrecht niemals vergessen".

Helga König: Ein Werk von Ihnen befindet sich auch in der KZ- Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg. Worum handelt es sich dabei?

Jan de Weryha-Wysoczanski: Es handelt sich hierbei um das Denkmal "In Erinnerung an die Deportierten des Warschauer Aufstandes 1944", das am 1. September 1999 anlässlich des 60. Jahrestages des Beginns des Zweiten Weltkrieges eingeweiht worden war. Es erinnert an den Warschauer Aufstand, nach dessen Niederschlagung durch die Wehrmacht Zehntausende Angehörige der Polnischen Heimatarmee in Konzentrationslager deportiert worden waren. Auf der 24 m2 großen Fläche aus polierten Granitplatten gruppieren sich in Reih und Glied 30 grob behauene Granitblöcke. Das Kunstwerk soll zum einen den Aspekt des totalitären, perfekt organisierten Apparats ausdrücken, der zur Eliminierung des Einzelnen und ganzer Menschengruppen diente. Zugleich weisen die grobgespaltenen und damit individuellen Granitblöcke auf die Vielfalt und Unverwechselbarkeit des menschlichen Individuums hin. Der mit Granitschotter ausgelegte Weg, der zum Mahnmal führt, soll Besucher an den Weg erinnern, den die zum Tode Verurteilten zurücklegen mussten. 

Helga König: Woran arbeiten Sie gerade?

Jan de Weryha-Wysoczanski 
Jan de Weryha-Wysoczanski: Gerade arbeite ich an einem weiteren Holzobjekt, das Teil eines größeren Konzeptes ist, das ich seit einigen Monaten verfolge. Es gibt bei mir immer wieder bestimmte Arbeitsgänge, die nacheinander am Material Anwendung finden, die ganz kontinuierlich und mit sehr viel Eigendisziplin, neuen Wegen der Strukturen samt Spannungen unter veränderten Blickwinkeln auf den Flächen entstehen. Es geht jetzt im Detail um ein auf den ersten Blick chaotisch wirkendes großflächiges Relief, das aus Hunderten von gebrochenen Holzstücken konstruiert ist, das aber in Wirklichkeit und unerwartet eine vollkommene Harmonie zu vermitteln scheint. 

Helga König: Welche Botschaft möchten Sie mit Ihren Werken vermitteln? 

Jan de Weryha-Wysoczanski: Mir geht es darum, dass durch meine Arbeit mit dem Holz, das Material, dem eine sehr wichtige Rolle als Katalysator in dem normal funktionierenden Kreislauf der Natur zugeschrieben wird, in der heutigen Gesellschaft, die sich leider nur am Konsum und vor allem am Gewinn orientiert, wenigsten für einen kurzem Moment die Menschen zum Nachdenken bringt. Noch stehen die Bäume, noch ist es nicht zu spät, aber von da an, wo sie nicht mehr stehen, kommt auf uns die größte Gefahr zu: die totale Zerstörung. Zu meiner Arbeitsphilosophie gehört auch das Gebot, dass mir nur erlaubt Holz für meine Arbeit zu verwenden, das auch freiwillig von der Natur abgegeben worden war.

Lieber Jan de Weryha-Wysoczanski, ich danke Ihnen vielmals für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König

Foto von Jan de Weryha-Wysoczanski aus seinem Bestand.

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