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Helga König im Gespräch mit Pater Dr. #Anselm_Grün OSB über sein neues Buch "#Gier"- Vier-Türme-Verlag

Lieber Pater Anselm, dieser Tage habe ich Ihr neues Buch "Gier- Auswege aus dem Streben nach immer mehr" rezensiert. Dazu möchte ich heute einige Fragen an Sie richten.


Helga König: Was hat Sie dazu bewogen, jetzt zu Beginn des Jahres 2015 ein Buch über die Gier zu veröffentlichen?

P. Dr. Anselm Grün: Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Gier vor allem im Finanzsektor auch durch die Finanzkrise nicht geheilt worden ist, sondern sofort wieder aufgebrochen hat. Und ich erlebe die Gier auch in vielen anderen Bereichen. So wollte ich etwas dagegen setzen, ohne anzuklagen. 

Helga König: Sie sagen, Grundlage der Gier sei Egozentrik. Wie erklären Sie es sich, dass im Hier und Heute diese Selbstverliebtheit mit ihren fatalen Folgen immer mehr zunimmt? 

P. Dr. Anselm Grün: Die narzisstische Selbstverliebtheit hat ihren Grund in der Erfahrung von Verlassenheit und Isolierung. Um die Verlassenheit und Einsamkeit nicht zu spüren, kreist man immer um das eigene Ego und flüchtet in die Grandiosität. Und die Gier ist ein geeigneter Weg, in die Grandiosität zu flüchten, sich über alle anderen zu stellen. 

Helga König: In der Aufzählung der Gier-Arten erwähnen Sie u.a. die Gier nach Information sowie Vernetzung und die Gier nach Unwesentlichem. Wo sehen Sie hier die zerstörerischen Komponenten? 

P. Dr. Anselm Grün: Es ist gut, wenn ich mich gut informiere. Aber ich muss nicht alles wissen und überall bescheid wissen. Gerade die neuen Kommunikationsmedien verleiten ja dazu, ständig online zu sein und ständig neue Informationen zu bekommen. Das ist oft ein Ersatz für den Mangel an Gegenwart. Ich bin nicht mit mir in Berührung, deshalb muss ich meine Leere mit vielen Informationen zuschütten. Und viele Informationen sind unwesentlich. Es geht darum, über das Geheimnis des Menschen bescheid zu wissen und nicht über alle Skandale in der Welt informiert zu sein. 

Helga König: Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Gier dem Menschen wohl schon immer immanent gewesen ist. Worin könnte die Ursache liegen, dass man die zerstörerische Seite der Gier bis heute noch nicht transformiert hat?   Möglichkeiten der Verwandlung gab es ja schließlich schon immer. 

P. Dr. Anselm Grün: Die Gier gehört zum Wesen des Menschen. Früher war sie begrenzt durch die äußeren Möglichkeiten. Heute ist die Gier grenzenlos. Umso wichtiger ist es, sie zu zähmen und zu verwandeln, so dass sie dem Menschen dient, anstatt ihn zu zerstören. 

Helga König: Als Theologe haben Sie in Ihren Gier-Betrachtungen auch einen Blick ins Alte und Neue Testament geworfen. Was erscheint Ihnen dort besonders aussagekräftig in Bezug auf die Gier? 

P. Dr. Anselm Grün: Paulus nennt die Habsucht die Wurzel aller Übel. Damit kommt er dem Buddhismus nahe. Aussagekräftig erscheint natürlich auch das Gleichnis Jesu vom reichen Kornbauern, der immer noch mehr will und nicht damit rechnet, dass er heute Nacht sterben wird. 

Helga König: Sie schreiben, dass die Bindung an materielle Dinge den Menschen selbst zum Ding werden lasse. Was bedeutet das konkret? 

P. Dr. Anselm Grün: Die Gier nach Dingen ist der Ersatz für ein mangelndes Gespür für sich selbst. Weil die Menschen sich als Person nicht spüren, brauchen sie immer mehr Dinge. Und je mehr Dinge sie anhäufen, desto ähnlicher werden sie den Dingen, die sie anhäufen. 

Helga König: Weshalb lebt derjenige, der gierig ist, an seinem Leben vorbei? 

P. Dr. Anselm Grün: Wer gierig ist, kann nicht genießen. Er ist unfähig, den Augenblick zu genießen. Und er ist auch unfähig, Schönheit zu genießen oder auch Essen zu genießen.

Helga König: Können Sie den Lesern erklären, weshalb alles,  was man festhält, das Leben ins Stocken bringt und wie kann man ein entspanntes Verhältnis zu Dingen gewinnen, das heißt sich weder verschwenderisch noch geizig verhalten? 

P. Dr.  Anselm Grün: Wer etwas festhält, der verkrampft. Das kann man schon an den Muskeln einer Hand beobachten. Nur wenn ich die Hand loslasse, kommt der Leib ins Fließen. Das Festhalten bringt das Leben ins Stocken. Fließend wird das Leben, wenn wir nehmen und geben. Es braucht ein ausgeglichenes Verhältnis von Geben und Nehmen. Wer nur nimmt, der verschluckt sich daran. Wer nur gibt, der verausgabt sich. 

Helga König:  Sie zeigen zwölf Schritte zu einer befreiten Gier auf. Welche Art von Erfahrung müssen Menschen machen, um sich ihre Gier überhaupt eingestehen zu können, wo doch das Eingeständnis die Voraussetzung für Wandlung darstellt?

P. Dr. Anselm Grün:  Verwandelt werden kann nur, was ich annehme. Und es ist für den Menschen erst einmal beschämend, sich die eigene Gier einzugestehen. Aber wenn ich sie mir eingestehe, dann kann ich sie auch in Ehrgeiz verwandeln, frei zu leben, für andere mich hinzugeben, etwas aus meinem Leben zu machen, zum Segen für andere zu werden. 

Helga König: Weshalb ist es so erstrebenswert, Gier zu transformieren und sie von ihren zerstörerischen Momenten zu befreien. Was erwartet den befreiten Menschen dann? 

P. Dr. Anselm Grün: Ohne Verwandlung zerstört die Gier den Menschen und die menschliche Gemeinschaft. Wer frei geworden ist von Gier, der kann das Leben genießen. Er findet inneren Frieden und wird gerade so zum Segen für andere.


Lieber Pater Anselm, ich danke Ihnen herzlich für dieses erhellende Interview.

Ihre Helga König.

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