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Peter J. König im Gespräch mit Dr. Christoph von Marschall

Sehr geehrter Herr Dr.  von Marschall, dieser Tage habe ich Ihr Buch „Der neue Obama“  rezensiert. Heute möchte ich Ihnen dazu einige Fragen stellen.  

Peter J  König:  Wie wird man „White-House-Journalist“ mit einem Zugangspass, wo doch bestimmt eine Fülle von Kollegen ebenfalls diese Position einnehmen möchte, diese Akkreditierung aber sehr rar ist? 

 Christoph von Marschall
Foto: Buch Contact
Dr. Christoph von Marschall: 10 Prozent Inspiration, 90 Prozent Transpiration. Man muss die Hacken ablaufen und die Presseleute des Präsidenten davon überzeugen, dass man regelmäßig über ihn und das Weiße Haus berichtet. Viele Kollegen scheuen den Zeitaufwand, der damit verbunden ist. Es hat vermutlich auch geholfen, dass ich bereits von den frühen Wahlkampfmonaten 2007 an mit Obama unterwegs war – seine Mitarbeiter kannten mein Gesicht schon, bevor sich alle Welt für ihn interessierte.

Peter J  König:  Wann haben Sie zum ersten Mal von Barack Obama gehört und wie haben Sie persönlich diesen Mann eingeschätzt, nachdem Sie sich mit ihm beschäftigt haben?

Dr. Christoph von Marschall: Von ihm gehört hatte ich schon 2004, als er eine mitreißende Rede auf dem Parteikongress in Boston hielt. Damals arbeitete ich aber noch in Deutschland, als Leiter der Meinungsseite des Tagesspiegel. In den USA war ab Sommer 2006 ziemlich klar, dass er kandidieren möchte, da war ich bereits Amerika-Korrespondent. Als Favoritin galt damals aber Hillary Clinton. Ich bin ihm dann im Februar 2007 erstmals persönlich begegnet, als er in Springfield, Illinois, seine Kandidatur erklärte. In der Folgezeit bin ich zu seinen Auftritten gereist. Damals kamen nur 80 bis 120 Menschen. Man konnte also noch nah an ihn heran. So sah ich relativ früh, welche Wirkung er auf Wähler hatte, und gewann den Eindruck, dass er Hillary Clinton schlagen kann. Noch im selben Jahr, 2007, schrieb ich mein erstes Buch über ihn: „Barack Obama. Der schwarze Kennedy“. 

Peter J. König: Haben Sie als Insider den gleichen Eindruck von einem Kopf-an-Kopf Rennen jetzt vor der Wiederwahl Obamas gehabt oder wurde hier medienwirksam inszeniert, vielleicht auch um die Anhänger zu mobilisieren?

Dr. Christoph von Marschall: Das Rennen war äußerst knapp. Es war sogar noch dramatischer: Wer wie ich in den USA lebte, musste Ende 2011 eigentlich erwarten, dass Obama die Wahl verlieren werde. 75 Prozent der Amerikaner sahen ihr Land damals auf dem falschen Weg. Nur 42 bis 43 Prozent standen noch hinter ihm, annähernd 50 Prozent lehnten seine Politik ab. Mit solchen Werten gewinnt man normalerweise keine zweite Amtszeit. In Europa hatten das viele gar nicht mitbekommen, wie schlecht es um Obama stand. Von Deutschland aus betrachtet sieht die Welt ein bisschen anders aus als aus amerikanischer Perspektive. Deshalb hatte ich zu Jahresbeginn ein Buch über diese unterschiedlichen Blickwinkel geschrieben: „Was ist mit den Amis los? Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben“. Erklärungsbedürftig ist also eigentlich nicht, warum es so knapp war – sondern wie er überhaupt wieder zurück ins Spiel gekommen ist. Das lag erstens an dem schlechten Eindruck, den die Republikaner bei der Suche nach ihrem Präsidentschaftskandidaten machten. Und zweitens an Obamas offensiver Wahlkampfführung. 2012 erlebten wir einen ganz neuen Obama: nicht den netten, idealistischen Politiker von 2008, der mit „Hope“ und „Change“ große Erwartungen weckt. Sondern einen Angreifer, der seinen Kontrahenten systematisch attackiert, zum Teil auch mit Vorwürfen, die an Verleumdung grenzen. Er wusste, dass er die Wahl nur als das kleinere von zwei Übeln gewinnen kann – und setzte alles daran, dass die Mehrheit in Romney das größere Übel sieht. Das alles hat mich dazu animiert, auf seine Wiederwahl zu setzen und das Buch „Der neue Obama. Was von der zweiten Amtszeit zu erwarten ist“ zu schreiben. 

Peter J. König: Stimmt es eigentlich, dass die Obamas, neben ihren offiziellen Verpflichtungen, kein allzu großes Interesse verspüren, sich im Glanz der Hauptstadt zu bewegen, um nicht zu sehr dem Vorurteil der unteren Bevölkerungsschichten ausgesetzt zu sein, nicht aus ihren Reihen zu stammen? 

Dr. Christoph von Marschall:  Es stimmt, dass sie sich nicht um öffentliche Auftritte reißen. Dahinter stecken aber andere Motive, als Sie nennen. Der Hauptgrund dafür ist aus meiner Sicht, dass Politik für sie ein Beruf ist und nicht eine Leidenschaft, der man sich mit Leib und Seele verschreibt. Obama hat einen nüchternen Zugang dazu. Es liegt ihm nicht, ständig Körperkontakt mit anderen zu haben. Und glamouröse Auftritte scheuen beide Obamas mit Blick auf die Wirtschaftskrise. Es könnte schlecht ankommen, wenn sie prunken, während andere ihre Jobs verlieren oder nicht wissen, wie sie nächsten Monat die Rechungen bezahlen. Die von ihnen angesprochenen Vorurteile höre ich eher selten. Sie entsprechen ja auch nicht der Realität. Barack und Michelle stammen beide aus den unteren Bevölkerungsschichten. Er ist der Sohn eines schwarzen Gaststudenten aus Kenia und einer allein erziehenden weißen Mutter, deren Vater ein erfolgloser Möbelhändler und Versicherungsvertreter war; ihre Mutter hatte nicht studiert und hatte einen kleinen Job in einer Bank. Michelle stammt aus einem schwarzen Arbeiterhaushalt in Chicago; der Vater bediente eine Pumpe im Wasserwerk. Sie gehört zur ersten Generation in ihrer Familie, die studieren konnte. Barack und Michelle sind beide Aufsteiger von ziemlich weit unten nach ganz oben.

Peter J. König: Wie muss man sich eigentlich Ihr Arbeitsfeld vorstellen, sind Sie täglich im Weißen Haus, z.B. zur täglichen Pressekonferenz, begleiten Sie den Präsidenten auf all seinen offiziellen Reisen und kann es vielleicht auch sein, dass Sie von Michelle Obama animiert werden, über ihre Aktivitäten im Ernährungsbereich oder für mehr Sport von Jugendlichen zu berichten? 

Dr. Christoph von Marschall: Täglich bin ich nicht im Weißen Haus, aber ich bemühe mich, mehrfach jede Woche dort zu sein. Der Pressesprecher gib ja auch nicht jeden Tag ein Briefing, sondern in der Regel zwei bis vier Mal pro Woche, je nachdem was der Präsident gerade tut. Von Zeit zu Zeit kommt der Präsident unangekündigt in den Briefing Room. Und alle paar Wochen kann ich ihn im Oval Office beobachten, wenn er ausländische Gäste empfängt und ich gerade „Pool“-Dienst für die ausländischen Medien habe. Auf offizielle Reisen fahre ich nicht mit, jedenfalls nicht in der Präsidentenmaschine. Das wäre viel zu teuer. Aber ich war, zum Beispiel, beim G-8-Gipfel in Camp David dabei, als ausländischer Pooler in der US-Pressegruppe und habe so das Wochenendhäuschen des Präsidenten dort sehen können. Michelle Obama geht von sich aus kaum auf die Medien zu, schon gar nicht auf ausländische. Um den Zugang muss man schon ein bisschen kämpfen. Es ist nicht leicht. 

Peter J. König: In Ihrem Interview mit Theo Koll vom ZDF-Auslandsjournal sprachen Sie davon, dass Obama schon aus naheliegenden Gründen (Haushalt, Staatsverschuldung, Wirtschaftswachstum) sich auf die Republikaner zu bewegen wird und dass diese ihre Blockadeposition aufgeben werden. Was macht Sie da so sicher in Hinblick auf die Tea-Party Unterwanderung? 

Dr. Christoph von Marschall: Die Abgeordneten, die der Tea Party nahe stehen, sind ja nur eine Minderheit in der republikanischen Fraktion im Abgeordnetenhaus. Die Mehrheit weiß ziemlich gut, dass es für die Partei schwer wird, Wahlen zu gewinnen, wenn sie sich nicht öffnet. Es kann schon sein, dass die Tea-Party-Leute die Blockade fortsetzen. Aber es genügt ja, wenn genügend moderate Republikaner und genügend moderate Demokarten für einen Kompromiss stimmen. 

Peter J. König:  Wird die Präsidentschaft von Barack Obama langfristig die USA verändern? 

Dr. Christoph von Marschall: Das hat sie doch längst. Die Gesundheitsreform ist eine historische Errungenschaft. An ihr wird vielleicht noch ein bisschen herumrepariert, sie wird aber nicht mehr rückgängig gemacht. Bei der Reform der Aufsicht über die Finanzmärkte haben die USA unter Obama mehr getan, als die Europäer bisher zustande brachten. Die Energiewende kommt voran, auch wenn der Kongress kein Gesetz dazu verabschiedet hat. Der Umgang mit Homosexuellen im Militär und mit der Homo-Ehe hat sich enorm verändert. Die USA haben zwei neue Verfassungsrichterinnen, eine davon eine Latina. In der zweiten Amtszeit werden Reformen des Steuersystems und des Einwanderungsrechts folgen. 

Peter J. König: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland und Europa bei der fortwährenden Achsverschiebung nach Fernost, Indien oder Südamerika? Welche Rolle bleibt da noch der transatlantischen Anbindung? 

Dr. Christoph von Marschall: Die Wende vom Atlantik zum Pazifik wird in vielen deutschen Leitartikeln übertrieben dargestellt. Wir erleben gewiss eine Verschiebung, aber allmählich und graduell, nicht Hauruck und sofort. Der Großteil des Welthandels läuft immer noch über den Atlantik. Und die größten Direktinvestitionen fließen nach Nordamerika und nach Europa. China hat in ganz vielen Bereichen noch sehr viel aufzuholen. Asien wird wichtiger, keine Frage. Aber weder sind die USA im Niedergang, noch darf man Europa abschreiben. Deutschland und die EU sollten freilich überlegen, wie sie sich zu einem interessanten Partner machen und, zum Beispiel, mehr Verantwortung in manchen Teilen der Welt übernehmen. 

Peter J. König: Trauen Sie Barack Obama eine ähnlich erfolgreiche zweite Amtszeit zu wie Bill Clinton oder sind die Bedingungen einfach zu unterschiedlich? 

Dr. Christoph von Marschall: Obama hat es schwerer als Clinton in seiner zweiten Amtszeit. Aber die Chance besteht durchaus, dass sie ähnlich konstruktiv verläuft. Das hängt freilich nicht nur von Obamas Bereitschaft ab, auf die Republikaner zuzugehen. Sie müssen die ausgestreckte Hand auch ergreifen. Die klügeren Köpfe im konservativen Lager wissen, dass sie das tun sollten, wenn sie eine Chance haben wollen, die Präsidentschaftswahl 2016 zu gewinnen. 


Peter J. König:  Können Sie zum Schluss bitte einmal skizzieren, ob und wie sich Ihre Arbeitsbedingungen unter den Präsidenten George W. Bush und Barack Obama verändert haben und ist dies vielleicht auch der persönlichen Aktivität des jeweiligen Präsidenten geschuldet? 

Dr. Christoph von Marschall: Für ausländische Korrespondenten im Weißen Haus ist es unter Obama etwas besser geworden. Wir haben uns in einer Organisation zusammengeschlossen, der Foreign Press Group im White House Press Corps. Das gab es unter Bush noch nicht. Jetzt haben wir einen (!) Sitz im Briefing Room, den wir abwechselnd nutzen können. Und wir haben Zugang zu den Pool-Diensten. Gelegentlich trifft sich ein hoher Mitarbeiter mit uns, um die Politik des Präsidenten zu erläutern. Insgesamt wird es jedoch nicht einfacher. Denn immer mehr Medien kämpfen um Aufmerksamkeit und Zugang. Die ausländischen Korrespondenten werden da nicht als erste gehört.

Lieber Herr Dr.  von Marschall, ich bedanke mich für das aufschlussreiche Interview.
Ihr Peter J. König

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