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Helga König im Gespräch mit Ulf Schiewe

Lieber Herr Schiewe, ich habe dieser Tage Ihren historischen Roman "Die Hure Babylon" rezensiert. Hierzu möchte ich Ihnen heute einige Fragen stellen. 

Helga König: Können Sie den Lesern bitte etwas zu Ihrem Werdegang als Schriftsteller berichten? 

 Ulf Schiewe
Ulf Schiewe: Ich komme ja aus einem völlig artfremden Umfeld, dem Software-Marketing. Außerdem habe ich 25 Jahre lang im Ausland gelebt und in der Zeit kaum ein Wort deutsch gesprochen. Als ich 1986 wieder nach Deutschland kam, musste ich mich erst wieder an die Sprache gewöhnen. Mein Schriftstellerleben ist ja ein recht kurzes. Ich habe 2005 aus einer Laune oder vielleicht auch aus geheimer Sehnsucht heraus angefangen zu schreiben. Man weiß nicht immer, warum man etwas tut. Es hat mich einfach gepackt und nicht mehr losgelassen. Mein erster Roman, „Der Bastard von Tolosa“, hat mich allerdings neben meinen doch recht anstrengenden beruflichen Pflichten ziemlich lange beschäftigt. Er erschien dann Ende 2009, der zweite 2011 und jetzt 2012 der dritte. 

Helga König: Wieso haben Sie für diesen Roman den Titel „ Die Hure Babylon“ gewählt? 

Ulf Schiewe: Während meiner Recherchen zum Buch war ich über die brutale Kriegshetze der Kirche schockiert. Der Heilige Krieg wurde ja nicht nur in den Mittleren Osten getragen, sondern auch nach Spanien und Portugal, und bei den Wenden wurde ebenfalls fürchterlich gewütet. Es ging nicht um Bekehrung, sondern um Heiden töten, um Vernichtung der Ungläubigen. Und natürlich auch um Landbesitz. All das im Namen und im politischen Interesse der Kirche. Die „Große Hure Babylon“ in der Johannesprophezeiung war ursprünglich auf das übermächtige antike Rom gemünzt, das demnach alles beherrschte, korrumpierte und verschlang. Später dann wurde der Begriff von Ketzern wie auch von Martin Luther auf die Kirche Roms angewandt. Das schien mir für den Roman zu passen. Die Kirche, die ganz Europa in diesen Strudel der Gewalt treibt. 

Helga König: Was reizte Sie an dem Thema Kreuzzug und was speziell am 2. Kreuzzug? 

Ulf Schiewe: Mein erstes Buch handelt von einem Heimkehrer des Ersten Kreuzzugs. Und nach „Die Comtessa“ wollte ich noch ein drittes Buch mit meinen provenzalischen Helden schreiben, um den Zyklus zu beenden. Zeitlich passte es wunderbar, dass der Zweite Kreuzzug vier Jahre nach dem Ende des Vorgängerromans seinen Anfang nahm und sich somit als starkes Anschlussthema anbot. Für mich war dieser Kreuzzug der Anfang vom Ende der christlichen Herrschaft im Mittleren Osten. Und in dieser Zeit begannen auch die unruhigen Strömungen in Südfrankreich, die später zum Untergang der einst blühenden provenzalischen Kultur geführt haben. 

Helga König: Wie stehen Sie zu Bernhard von Clairvaux und den Tempelrittern? 

Ulf Schiewe: Fünfzig Jahre nach dem Ersten Kreuzzug war im Westen niemand daran interessiert, einen weiteren teuren Feldzug im Osten zu beginnen. Selbst der Aufruf des Papstes wurde zunächst nur sehr lauwarm aufgenommen. Da trat Bernhard von Clairvaux auf den Plan, ein hochgeschätzter Mann, Gelehrter und Klostergründer. Er muss ein charismatischer Redner gewesen sein, konnte Volksmassen zu Tränen rühren und aufwiegeln. Er hat sich auch nicht gescheut, mit angeblichen Wundern (lactatio Bernardi) hausieren zu gehen. Ihm allein ist diese plötzliche Euphorie und Kriegswut im Volk zu verdanken, wie auch die Beteiligung zweier Könige, was es bisher noch nicht gegeben hatte. Ohne ihn wäre dieser Kreuzzug nie zustande gekommen. Die Templer waren einfach eine kompetente Kampftruppe. Elitesoldaten, die in Spanien im Kampf gegen die Mauren erprobt waren und im Heiligen Land die Pilgerwege freihielten. Um ihre Bemühungen zu finanzieren, nahmen sie massenhaft Spenden und Stiftungen entgegen und entwickelten sich schnell zu bedeutenden Landbesitzern und Bankern. 

Helga König: Wie werten Sie Eleonore von Aquitaniens Einfluss auf den Verlauf des 2. Kreuzzugs? 

Ulf Schiewe: Ich glaube, direkten Einfluss wird sie wenig gehabt haben. Sie hat als junge Frau ihren königlichen Gemahl begleitet und einen ganzen Hofstaat, Troubadoure und Putz mitgenommen. Wahrscheinlich war es für sie anfänglich nur eine vergnügliche Reise. Ich versuche im Roman zu beschreiben, wie sich im Angesicht der rauen Wirklichkeit ihre Einstellung geändert haben muss. Eleonore war im Gegensatz zu ihrem Ehemann eine starke Persönlichkeit. Unter solchen Belastungen reibt sich alles Oberflächliche ab, und es ist nicht verwunderlich, dass nicht nur ihre jugendliche Unbekümmertheit, sondern auch ihre Ehe zerbrach. Fortan ging sie ihren eigenen Weg. 

Helga König: Was verbindet Sie mit den Orten in Südfrankreich, aus denen ihre Romanhelden kommen? 

Ulf Schiewe: Ich habe 16 Jahre in frankophonen Ländern gelebt und nicht nur Vertrautheit, sondern auch eine Liebe für die romanische Kultur entwickelt. Neben Italien hat besonders im Süden Frankreichs das römische Erbe lange überlebt und dann im Hochmittelalter, zwischen Norden und Süden, Mauren und Christen, eine Kulturblüte entwickelt, die sich von dort über ganz Europa ausgebreitet hat. Ich meine die Ritterethik und die Minnedichtung, vor allem eine ganz besondere Lebensart, die uns noch heute beeinflusst. Dies habe ich unter anderem auch in meinen Romanen zur Geltung bringen wollen. 

Helga König: Welche Sekundärliteratur haben Sie für den Roman herangezogen? 

Ulf Schiewe: Aus Gründen der Recherche wälzt man zwangsläufig eine Menge Schriften. Die wichtigsten habe ich im Anhang genannt. Es handelt sich hauptsächlich um wissenschaftliche Arbeiten über Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft des Mittelalters, besonders von Südfrankreich. Übersetzungen von alten Chroniken, Traktate über mittelalterliche Kriegsführung, über die Kreuzzüge, die Templer, Religion, Aberglaube, Medizin. Da kommt so Einiges zusammen. Aber am Ende ist das alles natürlich nur Hintergrund, wenn auch ein wichtiger, denn ganz im Vordergrund stehen meine Figuren und eine spannende Handlung. Ich schreibe ja Romane und keine Geschichtsbücher. 

Helga König: Gibt es persönliche, kritische Aufzeichnungen von Kreuzzugteilnehmern, die sich bis heute erhalten haben? 

Ulf Schiewe: An individuellen Aufzeichnungen oder Briefen ist mir nichts bekannt. Allerdings war es nicht unüblich, dass Herrscher ihre persönlichen Chronisten beauftragten, die natürlich auf den jeweils eigenen Brotherrn ein besonders gutes Licht scheinen ließen. Solche Chroniken widersprechen sich oft, übertreiben oder lassen Wichtiges weg. Auch mit den Zahlen hatte man es nicht so genau. Für den Zweiten Kreuzzug war Wilhem von Tyrus ein bedeutender Chronist, aber auch Johannes von Salisbury und Otto von Freising. Es gibt auch Korrespondenz zwischen Ludwig VII und seinem Reichsverwalter Suger. 

Helga König: Woher kam die damalige Kriegseuphorie, beruhte sie nur auf entsprechender Manipulation von Personen wie Clairvaux? 

Ulf Schiewe: Ja, das hatte ich schon ausgeführt. Mit zum Teil ziemlich schockierender Sprache, was das Töten im Namen Christi betrifft. Einige solcher Zitate habe ich in den Roman eingeflochten. Hört sich fast wie ein Goebbels des Mittelalters an. Es immer wieder erschreckend, wie sich der Mensch manipulieren lässt. Im Fall des Kreuzzugs beschränkte sich das nicht nur auf Christen. Auch auf muslimischer Seite wurde der Heilige Krieg propagiert, um die Massen zu mobilisieren. 

Helga König: Welche Botschaft wollen sie durch Ihren Roman vermitteln? 

Ulf Schiewe: Ich erzähle eigentlich nur eine Geschichte. In diesem Fall besteht sie aus historischen Tatsachen aber auch aus erfundenen Abenteuern meiner Protagonisten, die sich in diesem Strudel befinden und durchbeißen müssen. Das ist zunächst mal neutral und daraus kann jeder entnehmen, was er möchte. Dennoch lassen sich Parallelen für unsere heutige Zeit ziehen. Kriegshetze gegen Andersdenkende und religiöser Fanatismus, damit haben wir heute mehr denn je zu tun. Ich möchte jedem seinen Glauben lassen, aber organisierte Religion wie auch politische Ideologien haben uns in der Geschichte mehr Schlimmes als Gutes beschert. Niemand entgeht am Ende seiner eigenen, persönlichen Verantwortung für das, was er tut. Sich auf sich selbst zu besinnen, sich von externen Zwängen, auch die einer Religion zu lösen, ist für meinen Helden am Ende eine wichtige Erkenntnis und die Befreiung seiner Seele.

Lieber Herr Schiewe, herzlichen Dank für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König

Kostenfreies Foto aus dem Bestand von Ullf Schiewe- Der Fotograf ist mir nicht bekannt.

Hier die Links zu Ulf  Schiewe:
www.ulfschiewe.de

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