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Helga König im Gespräch mit Prof. Dr. Roger Willemsen

Lieber Herr Professor Dr. Roger Willemsen, gestern habe ich Ihr Buch "Momentum" rezensiert. Dazu möchte ich Ihnen heute einige Fragen stellen.

Helga König: Sie haben Ihre frühe Kindheit in den 1950er Jahren verlebt. Vermuten Sie, dass die Eindrücke damals sich nachhaltig auf Ihre spätere Reiselust ausgewirkt haben?

Prof. Dr. Roger Willemsen:  Und ob. Ich legte das Ohr an die Geleise der Eisenbahn und dachte: Das verbindet mich jetzt mit Istanbul. Ich kurbelte am Kurzwellensender und hörte im Orient den Muezzin schreien. Ich wollte immer über die Hügel auf und davon, hatte ein Köfferchen unter dem Bett und erträumte mir Landschaften.

Helga König: Sind es eher Bilder oder Gespräche, an die Sie sich genau erinnern, wenn Sie Spaziergänge durch Ihr frühes oder auch spätes Gestern vornehmen?

Prof. Dr. Roger Willemsen:  Es sind Bilder, szenische Arrangements. Es sind Situationen, von denen manchmal nur etwas Klimatisches, Atmosphärisches dauerhaft geblieben ist. Sie kennen das: der Geruch der Schule ist noch da, der Spinat ist unvergessen, während so vieles andere ins Vergessen entlassen wurde.

Helga König:  Blendet Ihr Kopf unliebsame Erinnerungen völlig aus oder müssen Sie diesbezüglich nur tiefer graben?

Prof. Dr. Roger Willemsen:  Oh nein, das Unliebsame ist mit nicht minderer Präsenz gegenwärtig. Menschen gegenüber setzt vielleicht ein Verzeihen ein – allerdings nicht gewissen Lehrern gegenüber – aber traurige Situationen kommen mir im Rückblick manchmal sogar noch trauriger vor als im Augenblick, da sie mir passierten.

Helga König:  Sie haben u.a. Kunstgeschichte studiert. Inwieweit hat das Interesse an Kunst ihre Reiseziele in jungen Jahren beeinflusst?

Prof. Dr. Roger Willemsen: Zwei Gegenden vor allem waren es, die ich erst in der Kunst fand und dann sehen wollte: Die eine hieß Italien. Da gab es die Bildhintergründe in Renaissance-Gemälden, lauter landschaftliche Ideale, die mitbestimmend dafür waren, dass ich in Italien studieren wollte, dort Reiseleiter wurde und zwei Kunstreiseführer über italienische Landschaften schrieb. – Die andere Landschaft war die südostasiatische. Meine Mutter war Sachverständige für die Kunst dieser Gegend, und ich nahm die erste Gelegenheit wahr und machte mich für ein halbes Jahr auf, diesen Raum zu erkunden. Eine sehr prägende Zeit bis jetzt.

Helga König:  Hat Ihr Blick sich im Laufe der Jahre auf fremde Menschen verändert? Was nehmen Sie heute an einem Menschen irgendwo in Fernost spontan wahr und worauf achteten Sie als junger Student in erster Linie?

Prof. Dr. Roger Willemsen: Vereinfacht gesprochen habe ich als junger Mensch vor allem darauf geachtet, mit wem ich Ideen, Überzeugungen, Weltanschauungen teile. In der Fremde wurden andere Gesichtspunkte vorrangig: Mit wem verbindet mich ein Gefühl, eine Durchlässigkeit, wer ist selbstlos, hilfsbereit? Mit wem stellt sich eine komplizenschaftliche Nähe her, wer rührt mich?

Helga König:  Offenbar speichern Sie Sentenzen, die Sie irgendwo hören und die, aus welchen Gründen auch immer, Ihren Kopf kitzeln. Was ist es, was Sie aufhorchen lässt, wenn am Nachbartisch ein Satz fällt, den Sie dann über Jahrzehnte in ihrem Kopf speichern?

Prof. Dr. Roger Willemsen:  Immer wieder habe ich den Eindruck, nicht ich wähle diese Sätze, sie wählen mich. Sie bleiben, auch ohne dass ich es will. Da sagt ein Mann zu seiner Frau „Möpschen, sei lieb zu mir“, und ich muss mich Jahre lang damit rumschlagen, vielleicht eine Geschichte erdenken, die die dieses Paares wäre. Manchmal sind es tonlose Sätze, manchmal groteske, vulgäre, rührende. Wo sie wirklich mit mir zusammenhängen – ich weiß es nicht.

Helga König:  Haben all die Eindrücke und Erfahrungen, die Sie in Ihrem Leben gemacht haben, Sie sehr verändert und falls ja, inwiefern?

Prof Dr. Roger Willemsen:  Dieses Ich kenne ich im Kern kaum. Ihm fliegen die Momente zu, und sie formen es. Das alles schwankt und fließt. Witze, die ich als Kind komisch fand, verstehe ich heute kaum mehr, und Logik, kausale Erklärungen, sie helfen mir nicht bei der Frage: was wollte mein Bewusstsein, als es wurde.

Helga König: Ist für Sie, dem Kind der 1950er Jahre, Weltläufigkeit schon früh ein erstrebenswertes Ziel gewesen?

Prof. Dr. Roger Willemsen:  Ja, ein Wirtschaftswunder-Syndrom. Es gab keinen Massentourismus. Der gebräunte Mensch wurde populär aus einem einzigen Grund: Die Bräune verriet, dass man sich den Süden leisten konnte. Allerdings hatten meine Eltern immer auch eine hohe Vorstellung von internationaler Kultur. Die ersten, die raumgreifend reisten, das waren die Hippies. Denen fühlte ich mich nahe.

Helga König: Was suchen Sie im Kern herauszufinden, wenn Sie auf Ihren Reisen weltweit mit Menschen kommunizieren?

Prof. Dr. Roger Willemsen: Welche Wirklichkeit teilen wir? Wie seid Ihr an der Erde befestigt – durch Angst, Glaube, Liebe, Tiefsinn, Erwartung...

Helga König:  In welcher Stadt auf dieser Welt möchten Sie bevorzugt leben und weshalb?

Prof. Dr. Roger Willemsen:  Es muss Hamburg sein, da ich die deutsche Sprache bewohnen, großstädtisch leben, aber Berlin lieber als Besucher erleben möchte.

Helga König:  Welche Volksmentalität kommt Ihnen am meisten entgegen?

Prof. Dr. Roger Willemsen:  Die afghanische mit ihrem hohen Respekt vor der Integrität des Gegenübers, die thailändische mit ihrem Wunsch, das Lebensgefühl des Gegenübers zu steigern, die polynesische mit ihrer unendlichen Gelassenheit, sie kommen mir alle auf unterschiedliche Weise entgegen.

Helga König:  Was ist für Sie das höchste Glück?

Prof. Dr. Roger Willemsen:  Hervorbringen, sei es im Schreiben, auf der Bühne oder im Fühlen. Die Steigerungsbewegung, der Zuwachs, der sich empfinden lässt, wo man produziert, die geben mir ein Gefühl glücklicher Daseinsbejahung.

Lieber Roger Willemsen für dieses aufschlussreiche Interview danke ich Ihnen herzlichst.

Ihre Helga König

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