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Helga König im Gespräch mit Dr. Johano Strasser

Sehr geehrter Herr Dr. Strasser, Sie sind der derzeitige Präsident des P.E.N. Zentrums in Deutschland. Können Sie den Lesern mitteilen, worin die Hauptaufgaben des P.E.N. Zentrums und hier Ihre eigenen bestehen?

Dr. Johano Strasser
Foto: Helga König
Dr. Johano Strasser: Nach der Charta des Internationalen PEN, die jedes Mitglied unterschreiben muß, verpflichten wir uns, jederzeit für die Freiheit des Wortes und gegen Nationalismus, Rassen- und Klassenhaß einzutreten. In der Writers-in-Prison-Arbeit setzen wir uns für verfolgte und ihrer Arbeit behinderte Schriftsteller, Journalisten und Verleger ein, klären über die Menschenrechtslage in Ländern wie Iran, Türkei, China, Vietnam, Syrien, Kuba, Mexiko, Sierra Leone, Togo, Zimbabwe, aber aus aktuellem Anlaß auch in einigen europäischen Ländern wie Ungarn auf, und versuchen durch stille Diplomatie oder durch öffentliche Kampagnen betroffenen Personen und ihren Familien beizustehen. Darüber hinaus geben wir im Rahmen unseres Exil-Programms Schriftstellern, Journalisten und Verlegern, die es schaffen, aus ihren Unterdrückerländern zu uns zu kommen, die Möglichkeit als Stipendiaten in Sicherheit und ohne finanzielle Not in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Das Programm wird von der Bundesregierung finanziert und vom deutschen PEN mit viel professioneller und ehrenamtlicher Arbeit durchgeführt. Schriftstellern und Schriftstellerinnen aus China, Russland, Weißrußland, Tschetschenien, aus dem Iran, der Türkei, aus Algerien, Tunesien, Kuba, Kolumbien, Vietnam, Sri Lanka, Bangladesch, aus Nigeria, Sierra Leone, Togo und Zimbabwe haben wir auf diese Weise helfen können. Darüber hinaus haben wir mit der jährlichen Vergabe des Kestenpreises eine weitere Möglichkeit, Initiativen und Einzelpersonen, die sich im Sinne unserer Charta verdient gemacht haben, ideell und finanziell zu unterstützen.
Neben der Menschenrechtsarbeit spielt die kulturpolitische Arbeit und die Literaturförderung eine bedeutende Rolle.

Helga König: Ich habe dem Internet entnommen, dass der P.E.N. Club in Deutschland zwar 1925 bereits gegründet wurde, jedoch 1948 erneut ins Leben gerufen wurde. Daraus schließe ich, dass es während der Nazi-Zeit Schwierigkeiten gab. Können Sie uns bitte mitteilen, welche es hauptsächlich waren?

Dr. Johano Strasser: Während der Nazizeit wurde der PEN wie andere Organisationen der Zivilgesellschaft auch gleichgeschaltet. Viele Mitglieder traten daraufhin aus oder mussten - teilweise schon vorher - ins Exil gehen. In London bildete sich dann der deutsche Exil-PEN, der die Prinzipien der Charta weiter vertrat und sich in hervorragender Weise um die Rettung in Deutschland bedrohter und verfolgter Schriftsteller bemühte. Erst 1948 wurde, u.a. auf Initiative von Thomas Mann, wieder ein deutsches PEN-Zentrum gegründet.

Helga König: Wie viele Mitglieder hat der P.E.N. Club in Deutschland und welche Aufgaben obliegen den Mitgliedern?

Dr. Johano Strasser: Das PEN-Zentrum Deutschland hat nahezu 700 Mitglieder. Die Mitglieder sind nach der Charta angehalten, sich für die Freiheit des Wortes und für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen einzusetzen. Sie beteiligen sich an der ehrenamtlichen Arbeit im Rahmen des Exil-Programms, organisieren zusammen mit dem Präsidium Veranstaltungen für verfolgte Schriftsteller, kommen zu den Jahresversammlungen, um das Präsidium zu wählen, Anträge zu verabschieden und an literarischen und Writers-in-Prison- sowie Writers-in-Exile-Veranstaltungen teilzunehmen.

Helga König: Haben Sie als Präsident dieser Vereinigung in Deutschland einen regen Austausch mit den Präsidenten des Clubs anderer Länder und verfolgen Sie gemeinsame Ziele?

Dr. Johano Strasser: Den engsten Kontakt habe ich mit einigen Präsidenten europäischer PEN-Zentren, mit der Präsidentin des Unabhängigen Chinesischen PEN und mit den Präsidenten jener Zentren, die wie wir ein Exilprogramm haben: Kanada, USA, Norwegen, Schweden. Wir tauschen Informationen und Erfahrungen aus. In Europa kümmern wir und zur Zeit um bedenkliche Entwicklungen auf dem Gebiet der Menschenrechte innerhalb der EU.

Helga König: Sie sind von Haus aus u.a. Politologe. Verfolgt der P.E.N. Club auch politische Ziele und falls ja, wie äußern sich diese im internationalen Zusammenspiel?

Dr. Johano Strasser: Ich bin promovierter Philosoph und habilitierter Politikwissenschaftler, aber schon seit Mitte der 80er Jahre freier Schriftsteller, schreibe Romane, Gedichte, Essays, Theaterstücke und Hörspiele. Der Internationale PEN ist eine Menschenrechtsorganisation, in der Tat die älteste NGO der Welt(gegr. 1921). Wer sich für die Menschenrechte einsetzt, ist unvermeidlich politisch, allerdings nicht im parteipolitischen Sinn. Der Internationale PEN ist kooptiertes Mitglied der UNESCO und arbeitet mit vielen internationalen Organisationen zusammen:Amnesty international, Reporter ohne Grenzen, mit der UNO, vor allem mit der Flüchtlingsorganition UNHCR etc. Der PEN hat auch ein Komitee, das sich mit Fragen der Friedenssicherung befasst: Writers-for-Peace-Committee. Hier werden Fragen der Friedenssicherung diskutiert und Aktionen geplant.

Helga König: Was muss ein Schriftsteller vorweisen, um Mitglied des P.E.N. Clubs zu werden? Wie groß muss sein Bekanntheitsgrad sein?

Dr. Johano Strasser: Unser PEN-Zentrum hat ein in der Satzung geregeltes Aufnahmeverfahren: Mitglied kann nur werden, wer mindesten zwei Bücher verfasst hat, die Prinzipien der Charta glaubhaft vertritt und auf Vorschlag zweier Bürgen aus der Mitgliedschaft mit Mehrheit von der Versammlung des PEN zugewählt wird. Anders als der VS, der sich als gewerkschaftliche Organisation aller Schriftsteller versteht, geht es dem PEN darum, jene Schriftsteller zu organisieren, die mit dem Gewicht ihres Namens für die Ziele der Charta öffentlichkeitswirsam auftreten können.


Helga König:Wie häufig treffen sich die Mitglieder des P.E.N Clubs im Jahr und was ist der Anlass solcher Begegnungen?

Dr. Johano Strasser: Jedes Jahr führt der PEN Deutschland eine Jahrestagung in wechselnden Städten durch, in diesem Jahr vom 10. bis zum 13. Mai im thüringischen Rudolstadt. Darüber hinaus führen die Veranstaltungen zum Writers-in-Prison-Day, die Verleihung des Kesten-Preises und zentrale und dezentrale Veranstaltung, teilweise auch organisiert vom Freundeskreis des PEN, viele Mitglieder zusammen.

Helga König: Welche Veranstaltungen des Clubs, die öffentlichen Charakter haben, empfehlen Sie in nächster Zeit zu besuchen?

Dr. Johano Strasser: Vom 10. bis zum 13. Mai führt der deutsche PEN seine Jahresvesammlung in Rudolstadt durch. An den öffentlichen Abendveranstaltungen kann jeder teilnehmen, der das möchte. Wenn man Mitglied des Freundeskreises des PEN ist, steht einem auch der größere Teil der Versammlung selbst offen, vor allem der Clubabend mit den Lesungen der Mitglieder. Wie man Mitglied des Freundeskreises wird, erfährt man bei einem Anruf in der Geschäftsstelle des PEN in Darmstadt: 06151/23120. Vom 22. bis zum 24. Juni führt der PEN zusammen mit der Evangelischen Akademie Tutzing eine Tagung zum Thema Zensur durch. Anmeldungen über die Akademie in Tutzing am Starnberger See. Im Herbst gibt es weitere Veranstaltungen, z.B. die Verleihung des Kesten-Preises im Stadttheater in Darmstadt, Diskussionsveranstaltungen auf der Buchmesse in Frankfurt und eine zentrale und mehrere dezentrale Veranstaltungen zum Writers-in-Prison-Day.

Lieber Herr Dr. Strasser, ich danke Ihnen herzlich für das Interview.

Ihre Helga König






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