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Helga König im Gespräch mit der 96 jährigen Künstlerin Gerti Michaelis Rahr über ihr Buch "Der Vorhang fiel"

Liebe Gerti Michaelis Rahr, vor geraumer Zeit habe ich Ihr Buch "Der Vorhang fiel" auf "Buch, Kultur und Lifestyle" vorgestellt. Dazu möchte ich heute einige Fragen an Sie richten. Ich erlaube mir die 11. Antwort, die Sie mir geschickt haben, in Ihrer Originalschrift hier einzubinden, damit meine Leser sehen können, welch schöne Schrift Sie noch heute  mit 96 Jahren haben.


Helga König: In Ihrer Generation waren berufstätige Frauen bekanntermaßen eher unüblich. Welche Träume trieben Sie in Ihrer Jugend an, als Sie sich dazu entschieden, Ihr Leben der Kunst zu widmen? 

 Die 96 jährige Gerti Michaelis Rahr beim
Beantworten der Interviewfragen
Foto: Imre Törös
Gerti Michaelis Rahr: Das Verlangen, mich rhythmisch zu bewegen, erwachte im Kindesalter (3-4 Jahre) in mir und steigerte sich zur Leidenschaft im Jugendalter. Musik- und Ballettunterricht riefen den Wunsch nach künstlerischer Tätigkeit hervor. Die Leidenschaft des Tanzes hat mich mein Leben lang begleitet. 

 Helga König
Helga König: Sie sind in Stettin/ Westpreußen geboren und haben als Neunzehnjährige Ihren Wohnsitz nach Weimar verlegt. Das dortige Weimarer Nationaltheater, wo sie damals engagiert waren, war schon zu Goethes Zeiten eine Institution und die 1877 gegründete Musikhochschule in der Kulturhauptstadt hatte auch einen exzellenten Ruf. Vermochten Sie sich in dieser geschichts- und kunstträchtigen Stadt zu jener Zeit zuhause zu fühlen oder empfanden Sie die Anwesenheit der vielen Nazis an diesem Ort eher als bedrohlich? 

Gerti Michaelis Rahr: In der Kulturhauptstadt Weimar lebte ich gern und zufrieden. Das Theater war mein "Zuhause", wenngleich die Heimatstadt Stettin und die Ostsee den Vorrang in meinem Herzen behielten. Als durch viele Anlässe und Geschehnisse der politischen Lage sowie der Druck der Nazis unerträglich für mich wurden, trennte ich mich von Weimar. 

Helga König: Sie haben die Ehefrau des Lagerkommandanten von Buchenwald, die Psychopathin Ilse Koch, persönlich kennengelernt. War das Böse, was von dieser Frau ausging, für Sie spontan spürbar und falls ja, was davon ist in Ihrer Erinnerung für immer haften geblieben?

 Gerti Michaelis Rahr
Gerti Michaelis Rahr: Mit Ilse Koch, der Ehefrau des Lagerkommandanten hatte ich nur eine Begegnung in der Zeit meines Aufenthaltes in Weimar. Sie verhielt sich mir gegenüber arrogant und hochnäsig, weshalb ich weitere Begegnungen mied. Von ihren sadistischen Ausbrüchen gegenüber Häftlingen habe ich erst nach dem Krieg erfahren. 

Helga König: Als Sie später in Guben am Theater engagiert waren, mussten Sie wie alle weiblichen Kollegen in einer Munitionsfabrik in der Nähe arbeiten. Gab es dort auch Zwangsarbeiter und falls ja, wie wurde mit diesem umgegangen? 

Gerti Michaelis Rahr: Die Munitionsfabrik Rheinmetall Borsig hatte viele verschiedene Arbeitshallen. Wir Künstlerinnen füllten an den Fräsmaschinen den einen Raum aus. Es gab dort nur den Russenjungen, genannt Iwan, über den ich im Buch berichtet habe. Streng verboten war es, in den anderen Hallen zu gehen und so ist mir nicht bekannt, ob es dort russische Kriegsgefangene bzw. Zwangsarbeiter gab. 

Helga König: Wie sind Sie mit der Tatsache fertig geworden, dass mit den Waffen, an deren Produktion, wenn auch ungewollt, Sie beteiligt waren, Menschen getötet werden sollten? 

Gerti Michaelis Rahr: Der Gedanke, ungewollte Produktion von tödlichem Kriegsmaterial herzustellen, hat mich schwer belastet.  Ich habe immer wieder darunter seelisch schwer gelitten. Lediglich die Tatsache, dass ich gewisse Teile falsch fräste, flößte eine leichte Beunruhigung in mir ein, auch damit dem Kriegsende näher zu kommen, denn der Krieg war zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon verloren. Die Sehnsucht nach Kriegsende und der Wunsch: nie wieder Krieg, bewegte mich ständig und ist bis in die Gegenwart relevant. 

Helga König: Ihrem ersten Mann, dem Diplomaten Andreas Török von Szendrö haben Sie es zu verdanken, dass Sie das Kriegsende heil überstanden haben. Welches Leben hätten Sie Ihrem Mann in anderen Zeiten, allein schon aus Dankbarkeit, gewünscht? 

 Gerti Michaelis Rahr
Gerti Michaelis Rahr: Meinem Mann hätte ich in Ungarn normale Zeiten, seine Arbeitsstelle im Ministerium, den Erhalt der landwirtschaftlichen Güter und die Anerkennung seines Fachwissens gewünscht. Er hat unter der kommunistischen Regierung sehr gelitten und ich habe ihn seelisch unterstützt. Es gab wenig Menschen, die unbehelligt den Krieg überlebt haben. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ertrug die Last der Lager. 

Helga König: Sie haben Dresden unmittelbar nach den Bombennächten mit all den Toten gesehen. Wie steckt eine Ballettmeisterin diese Eindrücke weg und zwar so, dass Sie später wieder ungezwungen tanzen kann? 

Gerti Michaelis Rahr: Dresden ist und war bis heute das grauenhafteste Geschehen in meinem Leben geblieben. Wie findet man nach solchen Eindrücken die Unbeschwertheit auf der Bühne zurück? Es gab damals für mich eine längere berufliche Pause. Die Zeit half, die schrecklichen Bilder zu lindern. Jeder Bühnenauftritt - speziell beim Ballett- verlangt äußerste Konzentration. Was der Zuschauer als leichte Beschwingtheit wahrnimmt, ist geistige und körperliche Arbeit, die weder Gedanken noch Emotionen aufkommen lässt. 

Helga König: Hat die Zeit im Internierungslager in Russland Sie und ihren späteren Ehemann noch enger miteinander verbunden und erlaubten sie beide sich, selbst an jenem Ort Zukunftspläne? 

Der Schriftsteller  Imre Török mit seiner Mutter
Gerti Michaelis Rahr
Gerti Michaelis Rahr: Zukunftspläne schmiedeten wir im Internierungslager nicht. Die Aussichtslosigkeit  und Abgeschlossenheit von der Umwelt drückte ständig auf die Stimmungen. Doch unsere Verbundenheit wurde inniger. 

Helga König: In Ungarn dann haben Sie weiter an Ihrer beruflichen Karriere gearbeitet, trotz der Tatsache Ehefrau und zweifache Mutter zu sein. Hat Ihre Begabung Sie dazu veranlasst, egal wie und wo, stets Ihren künstlerischen Weg weiterzugehen? 

Gerti Michaelis Rahr: Der Wunsch, in meiner künstlerischen Tätigkeit aktiv zu sein, war ständig gegenwärtig, musste aber aus familiären Gründen im Hintergrund bleiben. Die finanzielle Situation gab schließlich den Ausschlag für eine weitere künstlerische Tätigkeit. 

Helga König: Sie haben in drei Diktaturen viel Unfreiheit erlebt. Was bedeutet Ihnen Freiheit nach all diesen Erfahrungen? 

Gerti Michaelis Rahr: Freiheit! Es bedurfte einer längeren Zeit bis ich die Freiheit, das Freisein begriff. Es konnte nicht wahr sein, dass Denken und Handeln keine Fesseln mehr auferlegt würden. Fast sechs Jahre Krieg, die Nazi-Zeit und achtzehn Jahre unter kommunistischer Herrschaft zermürben das Selbstbewusstsein. Freiheit ist ein Glücksgefühl der Superlative. 

Helga König: Und eine letzte Frage: Wann stehen Beziehungen unter einem guten einem guten Stern? Wenn man an Bürden, die man gemeinsam vom Schicksal auferlegt bekommt, wächst? Oder doch eher, wenn man problemlos liebend, die Leichtigkeit des Seins genießen kann? 

Gerti Michaelis Rahr:

  

































Liebe Gerti Michaelis Rahr, ich danke Ihnen vielmals für  das aufschlussreiche Gespräch. 

Ihre Helga König.

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Der Vorhang fiel: Lebenswege einer Künstlerin durch drei Diktaturen



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