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Helga König und Peter Jakob König im Gespräch mit Andrea Wirsching, Inhaberin des Weingutes Hans Wirsching

Liebe Frau Wirsching, dieser Tage haben wir auf "Buch, Kultur und Lifestyle" vorzügliche Weine aus Ihrem Weingut verkostet. Heute nun möchten wir einige Fragen an Sie richten.

Helga König: Können Sie unseren Lesern bitte beschreiben, wo sie das Weingut Hans Wirsching finden können und wie lange dieses Weingut schon besteht?

 Andrea Wirsching
Andrea Wirsching: Das Weingut Hans Wirsching ist ein Familienbetrieb, der in der 15. Generation Weinbau betreibt. Das Stammhaus steht im historischen Stadtkern von Iphofen, einem mittelalterlichen Kleinod etwa 30 km östlich von Würzburg (20 Autominuten vom Biebelrieder Dreieck). 

Peter Jakob König: Hat es in Ihrer Historie Ereignisse gegeben, die dazu beigetragen haben, Ihren besonderen Ruf zu begründen und auszubauen zu dem heutigen weit über die Grenzen Frankens hinaus bestehenden Bekanntheitsgrad?

Andrea Wirsching:  Iphofen ist seit Jahrhunderten bekannt für seinen besonders guten Wein. Ein besonderes Ereignis für uns war der Papstbesuch in Altötting 1980: Beim eindrucksvollen Gottesdienst in Altötting wurden dem Hl. Vater Johannes Paul II verschiedene Erzeugnisse aus Bayern als Opfer dargebracht. Darunter befand sich auch ein Korb mit Frankenwein aus unserem Weingut, den mein Vater persönlich zum Altar bringen durfte. Das Unglück wollte es, dass unmittelbar danach, als die eucharistischen Gaben Brot und Wein bei der Opferung gereicht werden sollten, ein Ministrant den Kelch umwarf und den Wein verschüttete. Höchste Aufregung, wie sollte es weitergehen? Da kam Kirchenmusikdirektor Pater Norbert Weber, der als Kantor auf der Altarinsel stand, der rettende Gedanke an den Iphöfer: Er eilte zu dem abseits des Altars niedergestellten Geschenkkorb, nahm einen Bocksbeutel, öffnete ihn (er sagte uns hinterher vertraulich, dass er immer einen Korkenzieher bei sich habe) und goss davon in den Kelch. So wurde unser 1967er Iphöfer Burgweg – Silvaner feine Auslese – zum Messwein in Altötting. Damit ist die Geschichte um diesen Wein aber noch nicht zu Ende. Beim Abendessen im Kapuzinerkloster wurden verschiedene Weine aus unserem Hause (1977er Iphöfer Julius-Echter-Berg Silvaner Kabinett, 1979er Iphöfer Kronsberg Scheurebe Spätlese, 1971er Iphöfer Julius-Echter-Berg Silvaner Auslese) kredenzt. Dem Hl. Vater aber wurde der angebrochene „Messwein“, die 1967er feine Auslese, eingeschenkt. Als ihm vom Missgeschick bei der Opferung erzählt wurde, lachte er und meinte, dass er sehr wohl die besondere Qualität des Messweines bemerkt habe. Den Rest des Bocksbeutels schenkte sich der Hl. Vater dann selbst ein. Es ist natürlich nicht nur der Papstwein, sondern wir profitieren sicherlich auch davon, dass vor allem unsere trockenen Silvaner in vielen hochkarätigen Restaurants, in Botschaften und bei großen Banketts sehr geschätzt werden. Auch die Lufthansa First Class greift in regelmäßigen Abständen darauf zurück.

Helga König: Ihre Iphöfer Steillagen gehören zu den besten Weinlagen Deutschlands. Was zeichnet diese speziell aus?

Andrea Wirsching: Iphofen, das ja nicht an einem Fluss liegt, sondern an den Ausläufern eines Mittelgebirges, hat ein besonderes Kleinklima. Zwischen 280 und 380 Metern über NN schmiegen sich die Weinberg an die steile Flanke des Steigerwaldes und wird dabei von Norden und Osten durch Eichenwälder geschützt. Der Gipskeuper, ein dunkles Gestein verwitterter Sedimente, erhitzt sich bis auf 70°Celsius, speichert die Hitze, aber auch das Wasser und schenkt den Weinen eine kraftvolle Eleganz. 

Peter Jakob König: Wer an fränkische Weine denkt, erinnert sich sogleich an den hervorragenden Silvaner dort. Was ist die Besonderheit Ihres Silvaners?


Andrea Wirsching:  Der Silvaner kommt ursprünglich aus dem Alpenraum und entstand durch eine Kreuzung aus Traminer und „Österreichisch-Weiß“. Man kann davon ausgehen, dass er in den Händen von Zisterziensermönchen nach Franken gelangt ist. Wir besitzen und bewirtschaften den ältesten Silvaner-Weinberg in Iphofen, in der Lage Iphöfer Julius-Echter-Berg. Er wurde beim ersten Flurbereinigungsverfahren 1964/65 gepflanzt und ist heute der letzte noch existente Silvaner-Weinberg dieser Maßnahme. Silvaner ist der Mittelpunkt in unserem Weingut, wir haben 40 % unserer rund 80 Hektar damit bepflanzt. Unser Ziel ist es, den Silvaner in die Zukunft zu transponieren! Wir sehen ihn als den idealen Essensbegleiter: ausgeglichen und trocken, d. h. ohne Süße im Geschmack, mit einer milden Säure, keine laute Aromatik, und dennoch ausreichend kräftig, um auch intensivere Speisen begleiten zu können. 

Helga König: Welche Rebensorten kultivieren Sie außerdem noch?

Andrea Wirsching: Neben dem Silvaner sind es vor Allem der Riesling und die Scheurebe, für die wir bekannt sind. Fränkische Rieslinge sind selten – nur 5 % der fränkischen Rebflächen sind damit bepflanzt und es sind immer die besten Weinberge, denn nur sie bieten dem spätreifenden Riesling die perfekten Bedingungen. In unserem Weingut sind über 20% Riesling-Weinberge, was zeigt, wie wichtig uns diese Rebsorte ist. Einen Kultstatus bekommt mittlerweile unsere Scheurebe. 1952 war mein Großvater Hans Wirsching der Erste, der sie in Franken pflanzte. Wir bauen sie trocken und elegant aus und müssen immer sehr haushalten, damit sie nicht zu schnell ausverkauft ist. Durch ihre Frucht-Aromatik, die entfernt dem Sauvignon Blanc ähnelt, ist sie perfekt für die feine asiatische Küche oder als kühler Aperitiv.

Peter Jakob König:  Weinlagen sind bekanntermaßen stets vom Terroir abhängig. Können Sie uns über die Bodenbeschaffenheit Ihrer speziellen Lagen etwas berichten? 

Andrea Wirsching: Die fränkischen Böden entstanden alle im Trias. Von Westen kommend beginnt es mit dem Bundsandstein z.B. in Bürgstadt, dem Muschelkalk in Würzburg und dem Gipskeuper an den Ausläufern des Steigerwaldes. Gipskeuper ist ein Sedimentgestein aus der Phase der vielen Binnen-Meere und Seen dieser geologischen Epoche. Das Sediment sind vorwiegend kleinste Krebse, die sog. Estherien- und Myophorien-Schichten, und wird durchsetzt von Alabaster- und Gips-Schichten. Der Gipskeuper weist somit den intensivsten Grad der Mineralität auf und bringt immer Weine, die eine lange Entwicklungszeit brauchen, aber dann besonders elegant sind. Wir haben in Iphofen drei Einzellagen, den Iphöfer Julius-Echter-Berg (benannt nach dem fränkischen Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn), den Iphöfer Kronsberg (wegen der Waldkrone oberhalb der Weinberge) und die Kalb (was eigentlich von „kahler Berg“ kommt).In unserer berühmtesten Lage, dem Iphöfer Julius-Echter-Berg, findet man Schilf-Ablagerungen, deren Schachtelhalm-Struktur man noch heute nachvollziehen kann und die den Weinen eine besondere Würze geben. 

Helga König: Neben dem Terroir ist ja auch das Klima entscheidend. Gibt es diesbezüglich bei Ihnen vor Ort Besonderheiten und wirkt die Klimaveränderung sich auf Ihren Weinbau aus? 

Andrea Wirsching: Wir haben in unserer Region kontinentales Klima, das heißt, heiße Sommer und kalte Winter. Als Winzer haben wir den Anstieg der Durchschnittstemperatur natürlich besonders gemerkt, denn eine solche Reihe hervorragender Jahrgänge wie seit 1988 gab es in den Annalen noch nie. Das ist der positive Aspekt der Klimaveränderung. Dadurch konnte sich der deutsche Wein wieder seinen Ruf als feinster Weißwein zurückerobern, die er durch die süße Welle und die Weinbaupolitik der 60er und 70er Jahre verloren hatte. Gerade die trockenen Weine wurden immer besser und wir Franken profitierten davon, denn wir hatten unsere Weine schon immer trocken ausgebaut. Für uns in Iphofen, die wir keinen Klima- und Wasser-Ausgleich durch einen Fluss haben, wird es allerdings in den nächsten Jahren auch darum gehen, ein Wasserkonzept auf die Beine zu stellen, damit es in den regenarmen Jahrgängen keine Notreife gibt. Außerdem werden wir langfristig neben dem Silvaner mehr Burgunder anpflanzen, denn diese Reben kommen – im Gegensatz zum sonnenbrand-empfindlichen Riesling – mit wärmeren Bedingungen besser klar.

Peter J. König: Wie schaut Ihre Philosophie des Weinmachens aus? 

Andrea Wirsching: Der Weinberg macht’s – daher ist der Boden das Beste, das wir den nächsten Generationen weitergeben können. Wir integrieren Methoden des biologischen Weinbaus in unsere traditionelle Bewirtschaftung, arbeiten mit kleinen Erträgen, begrünen, solange es genug Wasser gibt und ernten unsere Trauben mit der Hand. Für uns ist die Selektion der Trauben besonders wichtig, denn das gibt die reinsten und feinsten Weine. Je nach Weintyp verwenden wir Edelstahl oder Holz, wilde oder Reinzuchthefen und geben den Weinen unterschiedliche Zeit zum Reifen. Ein Großes Gewächs braucht mindestens ein Jahr, bevor es auf den Markt kommt, ein leichter Rosé ist schon im Frühling nach der Ernte ein Genuss. Wichtig bei Allem ist Respekt vor der Natur, Gespür für die individuellen Möglichkeiten jedes Weines und Geduld. Als Mitglied des VDP gehören wir zu den "Weinverrückten", die kompromisslos das Beste suchen. 

Helga König:  In Deutschland sind Sie eine Institution. Sie gehören zu den bekanntesten Winzern überhaupt. Vertreiben Sie Ihre Weine auch in die Niederlande und andere europäische Staaten, wo Sie doch einen Krönungsriesling für das neue Königspaar Wilhelm Alexander und Maxima abgefüllt haben? 

Andrea Wirsching: Der „Koningswijn“ war natürlich etwas Besonderes … Aber auch diese Anfrage aus Den Haag kam, weil unsere Weine im Ausland bekannt sind. Wir sind kein großer Exporteur – dazu sind unsere Weine als Frankenweine zu speziell – aber wir liefern unsere Weine in die ganze Welt. Es sind vor Allem die USA und England, aber auch Skandinavien, die den größten Teil davon ausmachen. Wir werden in Zukunft sicherlich auch noch mehr nach Asien exportieren. Dennoch ist und bleibt unser Augenmerk auf den deutschen Markt gerichtet. 

Peter Jakob  König:  Wie sehen Sie den Weinanbau der Zukunft hinsichtlich der immer stärker werdenden Konkurrenz auch aus den südosteuropäischen Ländern?

Andrea Wirsching:  Für uns ist die südosteuropäische Konkurrenz keine Bedrohung. Wir gehören zu einer vergleichsweise kleinen Spitzengruppe deutscher Erzeuger und werden Alles tun, um diese Qualität zu erhalten. Im Markt erleben wir außerdem einen immer stärkeren Bezug zur Regionalität und Qualität. Viele Kunden haben das Vertrauen in die industrielle Herstellung von Lebensmitteln verloren und suchen wieder den authentischen Wein, hinter dem Menschen stehen, die sich mit Allem, was sie haben, ihrem Produkt verschrieben haben und die auch persönlich dafür garantieren

Liebe Frau Wirsching, herzlichen Dank für  das aufschlussreiche Interview

Helga König, Peter J. König

Bilder: aus dem Bestand des Weingutes Wirsching

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zur Website vom Weingut Hans Wirsching: www.wirsching.de

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